Xavier Naidoo-Äußerung

»Mich befremdet das«

Marek Lieberberg Foto: dpa

Herr Lieberberg, Sie hatten sich mit Xavier Naidoo solidarisiert. Nun singt er, Muslime trügen den »Judenstern«. Regt Sie das auf?
Ich war irritiert! Erst wenige Tage zuvor hatte ich eine Aktion initiiert, bei der Künstler und Kulturschaffende ihre menschliche Solidarität mit Xavier Naidoo in einer Zeitungsanzeige zum Ausdruck brachten: »Menschen für Xavier Naidoo«. Das bezog sich vor allem auf die heftige Polemik im Zusammenhang mit dem European Song Contest. Die Unterzeichner waren der Auffassung, dass die überzogene Kritik Xavier Naidoo nicht gerecht werde.

Was sagen Sie zu dem neuesten Song?
Mich befremdet unter anderem die Zeile »Muslime tragen den neuen Judenstern«. Diese Aussage bewerte ich als zynisch, zwanghaft und geschichtsverfälschend.

Von Ihrer Unterstützungsaktion wollen Sie sich aber nicht distanzieren?

Nein, die Aktion war ein Zeichen für Toleranz, und dazu stehe ich uneingeschränkt.

Kritiker hatten auf viele frühere Äußerungen von Naidoo hingewiesen.
Es hat einzelne ambivalente Statements gegeben, die ich nicht teile. Aber nichts davon sollte als antisemitisch oder homophob eingestuft werden. Auch bei seinem spontanen Auftritt vor »Reichsbürgern«, den ich nicht verstehe, hat er sich nicht zu Juden oder zum Judentum geäußert. Ich halte seine Beteiligung zwar für falsch, gestehe ihm aber die Freiheit zu.

Wie erklären Sie sich seine Statements?

Er sieht die Welt mit seinen Augen und seinem eigenen Glauben. Und er spürt eine tiefe Verpflichtung, seine »Wahrheit« auszusprechen. Er ist fest davon überzeugt, im Recht zu sein und die Fakten besser zu kennen als seine Opponenten. So ist er zum Beispiel der Ansicht, dass die Terroranschläge des 11. September in New York falsch bewertet werden.

Was antworten Sie, wenn er solche Thesen, etwa zu 9/11, äußert?
We agree to disagree.

Aber Sie argumentieren doch?

Ich habe versucht, mit ihm zu reden, ihn von dem falschen Vergleich zwischen Muslimen und Juden, die den »Judenstern« tragen mussten, abzubringen. Habe meine persönliche Betroffenheit zum Ausdruck gebracht und auf die Stigmatisierung meiner Verwandten hingewiesen. Und auch, dass meine Enkelkinder hier in Frankfurt täglich in einen schwer bewachten jüdischen Kindergarten gehen müssen. Und dass es meines Wissens in ganz Europa keine einzige Moschee gibt, die bewacht werden muss – ganz im Gegensatz zu den Synagogen.

Was antwortet er darauf?
Er versteht das, sagt aber es läuft darauf hinaus und verweist auf angeblich bereits zwei Millionen ermordete Muslime. Xavier Naidoo begründet seine Darstellung mit Forderungen amerikanischer Präsidentschaftskandidaten wie Donald Trump, die jüngst eine Kennzeichnung von Muslimen gefordert haben. Dennoch: Xavier Naidoo ist weder ein bösartiger Mensch noch ein Judenfeind. Er war in Israel, hat dort gespielt. Seit 20 Jahren kenne ich ihn, und ich habe in dieser Zeit keine einzige diskriminierende Äußerung wahrgenommen.

Auch nicht die auf die Rothschild-Familie gemünzte Textzeile: »Baron Totschild gibt den Ton an«?

Diese Formulierung ist eher geschmacklos. Er hätte ebenso einen Reim auf Ackermann oder Abs machen können. Dennoch, wenn ich alle Songs meiner Künstler auf die Goldwaage legen würde, stellte sich bald heraus, dass sie sehr viele fragwürdige Textstellen enthalten. Ich bin kein Beckmesser!

Bedauern Sie, dass über Xavier Naidoo nun so heftig diskutiert wird?
Ich verstehe die Diskussion. Aber ich bleibe dabei: Xavier Naidoo ist weder antisemitisch noch homophob. Da gibt es viele Missverständnisse und Widersprüche. Dass er sich mit Jürgen Todenhöfer zusammengetan hat, ist gewiss nicht hilfreich. Dieser IS-Propagandist ist »Bad Company!« Das habe ich Naidoo auch gesagt.

Marek Lieberberg

Geboren 1946 als Kind von Schoa-Überlebenden im DP-Camp Zeilsheim, wurde Lieberberg zu einem der erfolgreichsten Konzertveranstalter der Welt. 1992 organisierte er das Konzert »Heute die! Morgen Du!« gegen die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen.

Mit dem Konzertveranstalter sprach Martin Krauß.

Analyse

Israel hat die Wahl

Der jüdische Staat stimmt über eine neue Knesset ab. Alles deutet auf eine Richtungsentscheidung hin

von Guy Katz  26.10.2026

Wilko Möller (AfD), Landtagsabgeordneter in Brandenburg, guckt nachdenklich

Rechtsextremismus

Urteil gegen AfD-Politiker wegen Wahlplakats rechtskräftig

Hat der AfD-Abgeordnete Wilko Möller mit einem »Hitlergruß« auf Plakaten Wahlkampf gemacht? Das Landgericht Frankfurt (Oder) hatte ihn zu einer Geldstrafe verurteilt. Dagegen legte der Politiker Revision ein – vergeblich

 26.10.2026

Leerer Klassenraum (Symbolbild)

Hessen

Strafverfahren gegen Lehrer wegen israelfeindlicher Posts eingestellt

Wegen Instagram-Beiträgen, die als »antisemitisch und israelfeindlich« eingestuft wurden, ist ein Gymnasiallehrer seit einem Jahr vom Dienst suspendiert. Ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Volksverhetzung wurde nun eingestellt

 26.10.2026

Krieg

Selenskyj: Warten fast einen Monat auf Hegseth-Unterschrift

Der Ukraine mangelt es nach eigenen Angaben an Raketen zur Abwehr russischer Angriffe. Nun äußert Präsident Selenskyj Kritik am US-Verteidigungsminister Hegseth

 26.10.2026

Deutschland

Zentralrat der Juden warnt vor möglicher antisemitischer Gewalt bei Protesten am 31. Oktober

In einem Schreiben wird für das Wochenende zu Vorsicht und verschärften Sicherheitsmaßnahmen geraten

 26.10.2026

Regierungsbildung

Berliner SPD plant Mitgliederbefragung über Koalition

Die Basis soll über eine Koalition mit Linken und Grünen mitentscheiden

 26.10.2026

Debatte

Zentralrat der Juden warnt vor AfD in Sachsen-Anhalt und nimmt Linke in Berlin Abkehr von Antisemitismus nicht ab

Präsident Josef Schuster blickt sorgenvoll auf zwei deutsche Bundesländer

 26.10.2026

Berlin

Linke-Kandidat für Neukölln: Recherchen dokumentieren Nähe zu PFLP-Sympathisanten

Ein Dossier der Monitoringgruppe Amit, über das die »Welt« berichtet, dokumentiert mehrere Berührungspunkte des 45-jährigen Rechtsanwalts mit Personen und Veranstaltungen, bei denen Sympathien für die Organisation erkennbar waren.

 26.10.2026

Berlin

Schuster: Nehme der Linken Abkehr von Antisemitismus nicht ab

Der Kampf gegen Judenhass erschwert die Gespräche über Rot-Grün-Rot in Berlin. Eine Erklärung der Linken reicht dem Präsidenten des Zentralrats der Juden nicht

 26.10.2026