Mehr Juden, bitte!

Immer mehr Juden in Deutschland tragen sich mit dem Gedanken auszuwandern. Der Antisemitismus nach dem 7. Oktober 2023 hat ein erschreckendes Ausmaß erreicht. Gestylt und in neuem Outfit begeistert der alte Judenhass viele junge Menschen, die sich für besonders aufgeklärt halten. Der moderne Zeitgeist ist »antizionistisch« und schert sich nicht um jüdische Ängste. Im Zentrum des Denkens steht der Konflikt im Nahen Osten – da scheint es etlichen, die sich für progressiv halten, egal, ob ihr Handeln Juden aus Deutschland vertreibt. Eine neue Situation, wie sie seit 1945 in Deutschland unvorstellbar war.

Etliche führende Politiker erkennen die Ignoranz und die gefährliche Geschichtsvergessenheit. Sie betonen: »Jüdisches Leben gehört zu Deutschland« und: Ohne Juden könne es »keine gute Zukunft für die Bundesrepublik« geben. Derlei Bekenntnisse sind lobenswert, doch sie werden nicht von allein Wirklichkeit, sondern müssen durch politisches Handeln eingelöst werden. Sie erfordern Taten. Und neue Ideen.

Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner hat kürzlich vorgeschlagen, Deutschland solle in Reaktion auf den neuen Antisemitismus eine bevorzugte Immigration und Einbürgerung für jüdische Familien einführen. Angesichts der Gefährdung jüdischen Lebens in Deutschland mutet der Vorschlag kontraintuitiv an – doch gerade darin liegt sein Potenzial: Präsenz statt Rückzug. Eine größere und damit sichtbarere jüdische Gemeinschaft kann unsere Gesellschaft offener und wehrhafter machen – ein Signal dafür, dass wir es nicht den Antisemiten überlassen, darüber zu entscheiden, wer in Deutschland lebt und wer das Land verlassen sollte.

Liegt es nicht nahe, eine ähnliche Initiative zu starten wie vor 35 Jahren?

Die jüdische Zuwanderung aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion in den 90er- und 2000er-Jahren ist eine Erfolgsgeschichte. Die einstigen Kontingentflüchtlinge sowie ihre Kinder und Enkel sind heute hervorragend integriert. Viele leisten als Ärzte, Rechtsanwälte, Journalisten, Künstler oder Ingenieure einen großen Beitrag für unser Land. Liegt es da nicht nahe, eine ähnliche Initiative zu starten wie vor 35 Jahren? Diesmal jedoch wäre es nicht nur eine Geste an die jüdische Welt, sondern in erster Linie würde Deutschland damit auch sich selbst einen Gefallen tun.

So mancher Interessierte in Argentinien, Israel oder Russland ist ein begehrter IT-Experte.

Nach einer neuen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) werden in den kommenden zehn Jahren weit mehr Baby­boomer das Rentenalter erreichen, als junge Menschen ins Erwerbsalter nachrücken. Der pessimistischen Prognose zufolge schrumpft die Bevölkerung in Deutschland schneller als angenommen, sodass uns 2036 mehr als vier Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. Das IW empfiehlt daher: Es muss leichter werden, qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen.

Auch wenn einige der vielen in Berlin lebenden Israelis aufgrund des wachsenden Antisemitismus unser Land inzwischen wieder verlassen, haben viele Juden weltweit nach wie vor ein gutes Bild von Deutschland und könnten sich vorstellen, hier ihre Zukunft aufzubauen. Etliche Interessierte in Argentinien, Mexiko, Israel, Südafrika oder Russland werden begehrte IT-Experten sein, andere Ärzte oder Wissenschaftler.

Wie viele Altenpfleger – von denen unsere Gesellschaft in Zukunft immer mehr brauchen wird – unter den potenziellen jüdischen Zuwanderern sein werden, ist schwer vorherzusagen. Sicher aber ist: Die allermeisten von ihnen werden gut ausgebildet sein, sich schnell integrieren und innerhalb kurzer Zeit jeder auf seine Weise zum Wohlstand dieses Landes beitragen.

Auch international könnte die Zuwanderung von Juden in die Bundesrepublik Folgen haben

Ein verstärkter Zuzug von Juden nach Deutschland würde zu mehr Vielfalt führen und die multikulturelle Gesellschaft bereichern. Außerdem wären jüdische Perspektiven an Schulen und Universitäten präsenter. Dies könnte, gemeinsam mit der stärkeren Sichtbarkeit jüdischen Lebens im Alltag zu mehr Normalität führen und langfristig helfen, den Antisemitismus einzudämmen. Auch international könnte die Zuwanderung von Juden in die Bundesrepublik Folgen haben: Deutschland würde als ein Ort wahrgenommen werden, der jüdisches Leben schützt.

Würde sich die Bundesregierung zu einer solchen Initiative entschließen, zeugte dies zwar von Pragmatismus, es erforderte aber auch politischen Mut, denn anders als in den 90er-Jahren wäre heute wohl auch Widerstand gegen den Zuzug von Juden zu befürchten. Vor allem aber wäre die Initiative ein Zeichen dafür, dass Deutschland seine historische Verantwortung nach wie vor anerkennt und ihr gerecht zu werden versucht.

Nachdem jüdisches Leben hierzulande während der NS-Zeit nahezu ausgelöscht worden ist, es nach 1945 nur zaghaft neu aufkeimte und in den 90er-Jahren durch die Zuwanderung aus Osteuropa einen lebenserhaltenden Boost erhielt, ist es an der Zeit, ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen gegen Antisemitismus und dafür, dass jüdisches Leben auch in Zukunft in Deutschland erwünscht ist. Ein Zeichen gegen die wachsende Geschichtsvergessenheit der jüngeren Generation. Und ein Zeichen dafür, dass jüdisches Leben auch in einer zunehmend muslimisch geprägten Gesellschaft ganz wesentlich zu Deutschland gehört – und sich daran nichts ändern wird.

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen.

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