Interview

»Man tut sich mit den toten Juden leichter als mit den lebenden«

Eva Umlauf Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Eva Umlauf gehört zu den jüngsten jüdischen Überlebenden von Auschwitz. Sie war erst zwei Jahre alt, als die Rote Armee die Häftlinge befreite. Zur Welt kam sie im Arbeitslager Novaky in der Slowakei, bevor sie mit ihrem Vater und ihrer erneut schwangeren Mutter nach Auschwitz deportiert wurde.

Umlaufs Vater war auf einen der Todesmärsche gezwungen worden. Er überlebte zwar, starb aber später an einer Sepsis in Melk, einem Außenlager des KZ Mauthausen, wie Umlauf berichtet. Sie überlebte mit ihrer Mutter und blieb mit ihr aus gesundheitlichen Gründen auch nach der Befreiung noch eine Weile auf dem Gelände von Auschwitz. Ihre Mutter brachte in der Zeit ihre zweite Tochter zur Welt.

Die heute 83-jährige Eva Umlauf ist Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees, lebt in München und praktiziert nach wie vor als Psychotherapeutin.

Fünf Fragen und Antworten zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar. Er erinnert an die Befreiung des Lagers Auschwitz im Januar 1945.

Frau Umlauf, wir unterhalten uns hier in Berlin am Rande einer Konferenz zur Zukunft der Erinnerungskultur. In Deutschland gibt es Kritiker, die das Gedenken an die Schoa als erstarrt empfinden.
Ich teile diese Kritik teilweise. Es gibt solche und solche Arten der Erinnerung. Der 27. Januar ist immer ein kalter Tag in Auschwitz. Wenn man dann in der Gedenkstätte Auschwitz steht, und Sie merken diese Leere und die Kälte und spüren den Tod, dann erstarrt man selber. Letztes Jahr in Auschwitz haben wir der Befreiung vor 80 Jahren gedacht, das war eine würdige Feier, da war die ganze Welt mit ihren Königen und anderen Repräsentanten.

Welche Art der Erinnerung wünschen Sie sich?
Was ist das Erinnern? Ich kann mich nicht an sechs Millionen Tote erinnern, das ist nur eine Zahl. Wir können uns aber an unsere Toten in den Familien erinnern. Das ist immer persönlich, immer emotional, weil diese Menschen uns ein Leben lang fehlen. Unsere Familie hatte nach dem Krieg gar keine Verwandten mehr. Ich frage mich oft, zum Beispiel an Feiertagen, wie mein Leben ohne Auschwitz verlaufen wäre.

Sich an konkrete Menschen zu erinnern, die einem fehlen, klingt nach einer sehr lebendigen Art der Erinnerung. Dagegen stehen die berüchtigten Forderungen nach einem Schlussstrich.
Ich bin total gegen einen Schlussstrich, denn man kann nicht einfach von vorne anfangen, das funktioniert nicht. Was allerdings funktioniert, ist die Erinnerung. Denn auch die Deutschen haben ihre Leute verloren. Sie sollen sich ebenfalls daran erinnern, dass der Onkel gefallen ist oder ein Bein verloren hat und damit lebenslang gezeichnet ist. Es geht um die eigenen Toten, die zu einem gehören wie die eigenen Kinder.

Was kann das Internationale Auschwitz-Komitee beitragen, damit sich die Menschen weiter an die Schoa erinnern?
Wir kümmern uns um die Überlebenden. Was Gedenkstätten angeht, muss man alles tun, um sie zu erhalten. Sie dürfen nicht verfallen. Das kostet Geld. Auch deswegen wollen manche einen Schlussstrich, und diese Menschen werden glücklich sein, wenn der letzte Überlebende gestorben ist, damit sie nichts mehr bezahlen müssen, zum Beispiel an Renten oder Wiedergutmachungen. Wissen Sie, ein toter Jude ist ein guter Jude. Dem muss man nichts mehr zahlen, er nervt nicht und erhebt keine Forderungen mehr. Deswegen tut man sich mit den Toten leichter.

Was muss denn getan werden, um die lebenden Juden, egal welcher Generation, zu unterstützen, auch mit Blick auf Antisemitismus?
Man muss sich kümmern und dafür sorgen, dass sich so etwas Schreckliches wie die Schoa nicht mehr wiederholt. Wir sehen heute ein Ausmaß an Antisemitismus, das ist der reinste Judenhass. Wir müssen reden und aufklären und dürfen nicht vergessen, dass Antisemitismus in der gesamten Geschichte der Juden zu finden ist.

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