1.30 Uhr am Morgen. Libanon am 2. März 2026. Auf sämtlichen Newstickern blinkt die gleiche Nachricht. Whatsapp-Kanäle bimmeln ohne Ende: Inmitten der Eskalationen im Iran-Krieg wurden Raketen aus dem Libanon in Richtung Israel gefeuert. Panik ergreift das Land. Ali greift seine seit Monaten gepackte Tasche mit Pass, wichtigen Dokumenten und den nötigsten Habseligkeiten, steigt ins Auto und fährt mit Vollgas aus der südlibanesischen Küstenstadt Tyrus in Richtung der Hauptstadt Beirut.
»Ich habe am ganzen Körper gezittert und fast Krämpfe vor Angst bekommen«, sagt er. »Es war klar, jetzt kommt der Krieg zurück.« Als er rund eine Stunde später auf der Flughafenstraße nahe der Beiruter Vororte eintrifft, wird die Stadt von ersten Explosionen erschüttert. Das israelische Militär schlägt zurück.
Im Zuge des Iran-Kriegs ist es auch im Libanon zwischen der proiranischen Terror-Miliz Hisbollah und dem israelischen Militär erneut zu einer gefährlichen Eskalation gekommen. Es war die Hisbollah, die die Raketen auf Israel feuerte - als Reaktion auf die Tötung des iranischen obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei durch die israelisch-amerikanischen Angriffe im Iran.
Entscheidung aus dem Iran
»In einer solchen Situation schien es der Hisbollah unmöglich, sich herauszuhalten«, sagt Analyst Michael Young vom Carnegie Middle East Center der Deutschen Presse-Agentur. »Sie traten in den Krieg ein, weil sich der Iran natürlich existenziell bedroht fühlt«, sagt er weiter. Es sei mehr eine Entscheidung aus dem Iran als aus dem Libanon gewesen.
Innerhalb der Schiitenorganisation gebe es eine weitere Position: Früher oder später hätten die Israelis die Dynamik ihres Krieges gegen den Iran genutzt, um auch eine erneute Front gegen die Hisbollah - Teherans verlängertem Arm im Libanon - zu eröffnen, wie Young die Hisbollah-Perspektive beschreibt.
»Ich habe gedacht, sie hätten was aus dem vergangenen Krieg gelernt«, sagt Ali. Heute sitzt der 30-Jährige auf dem Balkon der Wohnung seines Bruders in einem christlichen Viertel Beiruts. Stündlich bangt er, ob das Haus seiner Eltern, sein Geschäft oder die Wohnungen von Freunden und Familie in Tyrus womöglich das nächste Ziel eines Angriffs Israels werden könnte. Jeder Alert auf dem Handy könnte eine neue Schreckensbotschaft bringen.
Deutlich geschwächt
Er meint die Hisbollah und den vergangenen Krieg mit Israel. Bereits im Herbst 2024 standen die Schiitenmiliz und das israelische Militär in einem offenen Krieg, nachdem die Terroristen ein Jahr lang Nord-Israel mit Raketen angegriffen hatten. Die Hisbollah ging daraus deutlich geschwächt hervor.
Sie sollte gemäß einer Waffenruhenvereinbarung entwaffnet werden. »Ich habe lange an die Hisbollah und ihre Waffen geglaubt. Sie haben uns Menschen im Süden beschützt«, sagt Ali heute. Die Hisbollah selbst sieht sich als Schutzmacht der Schiiten im Libanon und als einzig wahre Widerstandskraft gegen die ständige Bedrohung des Erzfeinds Israel. Doch daran glaubt Ali nicht mehr. Die Hisbollah begehe Selbstmord und ziehe das ganze Land und vor allem die schiitische Gemeinschaft mit in den Abgrund, sagt er. »Ich will Frieden«, betont er. Er wolle nicht mehr für die Probleme Teherans bezahlen.
Durch die erneute Eskalation wurden im Libanon nach staatlichen Angaben bisher bereits mehr als 600 Menschen getötet und fast 800.000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben. Willkommen sind die meisten von ihnen bei vielen im Land nicht mehr. Es wird befürchtet, die Vertriebenen aus den Einflussgebieten der Hisbollah könnten selbst auf den Abschusslisten Israels stehen.
»Dieser Krieg musste sein«
Viele sind auf den Straßen Beiruts gelandet. Auch das größte Stadion des Landes wurde als provisorische Notunterkunft hergerichtet. Hier ist die 35-jährige Fatima gelandet. »Wir wurden im Krieg geboren und ich will nicht, dass mein Sohn genauso aufwachsen muss«, sagt sie. Auf den Arm hält sie ihren einjährigen Sohn Mustafa. Im vergangenen Krieg war sie mit ihm schwanger und musste bereits zwei Monate auf der Straße leben. Sie beschreibt das Leben so vieler Libanesen, die ein Leben ohne Krieg nie erleben durften.
In einem anderen Zelt hat Ahmed Reda mit seiner Familie einen Schlafplatz gefunden. »Dieser Krieg musste stattfinden«, betont er. Er komme aus einem Dorf nahe der israelischen Grenze. Niemand habe etwas gegen die ständigen israelischen Angriffe getan. Denn trotz Waffenruhe hat sich das israelische Militär in den vergangenen eineinhalb Jahren vorbehalten, weiter regelmäßig im Nachbarland anzugreifen. Israel begründet die Angriffe damit, die Miliz halte sich nicht an die Vereinbarungen und wolle sich neu bewaffnen. »Wer kann so etwas akzeptieren?«, fragt seine Schwester Zeinab. Der Regierung in Beirut sei es nie gelungen, sie vor Israel zu schützen. »Wir wollen unser Land zurück - egal auf welchem Weg«, sagt sie.
Der Libanon steht mittlerweile wieder unter Dauerbeschuss. Die Angriffe gelten Hisbollah-Zielen, wie es das israelische Militär nennt. Oft treffen die Luftangriffe jedoch dicht besiedelte Wohnviertel. Schon jetzt ist auf Bildern aus den stark getroffenen Beiruter Vororten massive Zerstörung zu sehen.
Regierung zu schwach
Die libanesische Regierung steht unter Druck. Sie soll die Hisbollah entwaffnen, ist aber selbst eigentlich zu schwach dafür. In der vergangenen Woche hat sie die militärischen Aktivitäten der Hisbollah als illegal erklärt. Ein wichtiger Schritt in der Geschichte des Libanons. Weitreichende Folgen hatte die Maßnahme bisher nicht.
Weitreichende Folgen für die libanesische Bevölkerung
»Ich sehe keinen Weg, wie die Hisbollah aus diesem Krieg siegreich hervorgehen kann«, sagt Experte Young. Die Kosten für den Libanon und die Menschen dort seien erheblich. Er rechne damit, dass Israel möglicherweise ein Friedensabkommen mit dem Libanon mit weitreichenden Bedingungen durchsetzen wolle. Dazu könnten Einschränkungen der libanesischen Souveränität im Grenzgebiet, eine weitreichende Pufferzone sowie zusätzliche Sicherheitsauflagen gehören, die die Rückkehr vieler Bewohner verhindern würden.
Es bleibe jedoch immer noch die Möglichkeit bestehen, dass es Israel nicht gelingen könnte, die Hisbollah zu entwaffnen. Bisher sei die Lage dynamisch.
Wie so viele andere Menschen im Libanon blickt Ali mit Sorge auf seine Zukunft. Pläne schmieden oder an ein Leben nach dem Krieg denken kann er nicht. »Wir können maximal bis morgen planen«, sagt er. (mit ja)