Meinung

Laut werden

Marcel Reif, Sportjournalist und Buchautor Foto: imago

Der Sportdirektor des Drittligisten Chemnitzer FC, Thomas Sobotzik, ist zurückgetreten. Der Grund: Er hatte sich klar gegen Rechtsextremismus positioniert. Menschen »aus dem rechten politischen Lager« hätten ihn seitdem mit rassistischen und antisemitischen Parolen überzogen. Die Drohungen und Anfeindungen seien nicht mehr verkraftbar gewesen.

Der Berliner »Tagesspiegel« berichtete vor Kurzem, dass drei Fangruppen des FC Energie Cottbus als rechtsextrem gelten und Neonazis den Fanblock dominieren. Dies zeige, wie stark die Szene geworden ist. Das gilt übrigens nicht nur für den sogenannten braunen Osten: Unlängst tauchte ein Video auf, das Amateurfußballer des westfälischen TuS Holzhausen 1905 zeigen soll, die ihren Aufstieg in die Kreisliga A mit »Sieg Heil«-Rufen feierten.

Auch Tribünen, Spielfelder, Kabinen und Vorstandsetagen sind keine rechtsfreien Räume.

Anfeindung Erst vor wenigen Tagen berichtete diese Zeitung über antisemitische Anfeindungen der »Fans« von Eintracht Frankfurt gegen den israelischen Schiedsrichter Orel Grinfeld. Auch vom Business-Rang des Frankfurter Waldstadions aus soll der Unparteiische als »Drecksjude« beschimpft worden sein.

Nun kommen wieder diejenigen zu Wort, die über das Problem reden, das der Fußball mit Rassismus und Antisemitismus hat. Ihnen kann ich nur erwidern: Jede Gesellschaft hat den Fußball, den sie verdient. Der Fußball bildet das ab, was in der Gesellschaft passiert.

Es ist sicherlich verdienstvoll, wenn man sich das auf den Fußball bezogene Phänomen genau ansieht und auch wissenschaftlich untersucht, wie ich bei »Zeit Online« gelesen habe: Die Zeitung hat vergangene Woche ein Interview mit dem Hamburger Politik-, Geschichts- und Sportwissenschaftler Florian Schubert veröffentlicht. Die Überschrift lautete: »Jude ist die größte Beleidigung im Fußball«.

DIssertation Schubert hat eine Dissertation zum Thema Antisemitismus im Fußball verfasst. Dabei hat er laut »Zeit Online« herausgefunden, dass es – anders als beispielsweise auf offener Straße – nur in Stadien in großen Gruppen möglich sei, antisemitische Beschimpfungen zu brüllen. Er sei auf viele Entschuldigungstaktiken der Vereine gestoßen. Und auf zögerliche Verbände.

Er beobachte, dass man jede Einzelverantwortung von sich weise. Oft würden Fußballfans zudem als ungebildet und alkoholisiert beschrieben. Damit spreche man sie frei von Selbstverantwortung und Schuld. Als wüssten sie es nicht besser.

Diese Beobachtung kann ich nur teilen. Dennoch gilt: Wir leben in einem freien Land. Ein Mensch kann so viel trinken, wie er will. Wie er sich jedoch anschließend verhält, das unterliegt denselben Normen, die für uns alle gelten. Unabhängig davon, wo wir uns gerade befinden.

Jede Gesellschaft
hat den Fußball, den
sie verdient.

Manche glauben, im Stadion könnten sie tun, was anderswo verboten ist. Wenn sich jemand auf dem Flughafen außerhalb der Raucherkabine eine Zigarette ansteckt, hat er es gleich mit dem Sicherheitsdienst und der Polizei zu tun. Und im Stadion? Da kann man nicht nur unbehelligt rauchen, sondern gleich noch ein paar Bengalos anzünden.

So glauben offensichtlich einige, im Stadion alles lauthals herausbrüllen zu dürfen, was es an rassistischen, menschenverachtenden Gedanken gibt – sei es Fremdenfeindlichkeit oder Homophobie. Ich fürchte, da werden Grenzen ausgetestet, was möglich ist, wie weit man gehen kann in diesem Land in diesen Tagen.

Aber: Stopp! Auch Tribünen, Spielfelder, Kabinen und Vorstandsetagen sind keine rechtsfreien Räume. Stadionfußball ist keine Veranstaltung, die auf einem anderen Planeten stattfindet – sondern im Hier und Jetzt. Mitten in der Gesellschaft. Wenn es im Stadion Antisemitismus gibt, dann ist es Judenfeindschaft mitten in Deutschland!

Gesetz Dass es überall Idioten und Unbelehrbare gibt und leider immer geben wird, damit werden wir leben müssen. Aber ihnen muss entschlossen Einhalt geboten werden. Wer eine strafbare Handlung begeht, muss bestraft werden. Und zwar nach Recht und Gesetz, nicht nur nach Vereinsordnung. Da ist ein Stadionverbot zu wenig. Nur so können wir verhindern, dass sich diese Pest ausbreitet.

Wir dürfen den Rassisten nicht das Feld überlassen. Wir müssen den Opfern von Hass beistehen, sie nicht alleine lassen. Dazu braucht es Zivilcourage. Nicht jeder ist ein Held. Aber im Stadion gibt es Sicherheitspersonal und auf der Straße Polizisten. Jeder kann einen Verstoß anzeigen, damit Täter identifiziert und bestraft werden können.

Klubs Auch Vereine und Verbände müssen hier aktiver werden. Es gibt offensichtlich Klubs, da mag es bereits zu spät sein, wie beim eingangs erwähnten Chemnitzer FC. Doch dessen Ex-Sportdirektor Thomas Sobotzik erklärte: »Ich würde es immer wieder so machen und auch den Kampf gegen rechtsradikale Anhänger im Interesse des Vereins und auch des Images der Stadt aufnehmen und mich somit klar positionieren im Sinne des gesellschaftlichen Auftrags des Fußballs.«

Beeindruckend. Wir dürfen uns den Fußball, diesen wunderbaren Sport mit seiner großen gesellschaftlichen Bedeutung, nicht kaputt machen lassen. Doch es geht um mehr. Antisemitismus in Deutschland? Niemals, niemals wieder! Das bedeutet: Wir müssen laut, sehr laut werden. Wir müssen zeigen, dass wir die Mehrheit sind. Nicht nur im Stadion. Aber auch da.

Der Autor ist Sportjournalist und Buchautor. Zuletzt ist von ihm erschienen: »Nachspielzeit. Ein Leben mit dem Fußball«.

Berlin/Hannover

Reichinnek auf Distanz zu antisemitischem Linken-Beschluss

Eine Entscheidung der niedersächsischen Linken gegen den »real existierenden Zionismus« sorgt für Aufregung. Auch die Bundestagsfraktionschefin findet: Das hätte anders formuliert werden müssen

 19.03.2026

Berlin

Prien empört über »Ignoranz« der Linken in Niedersachsen

Ein Landesparteitag der Linken hat sich gegen den »real existierenden Zionismus« gewandt. Die Bildungsministerin reagiert fassungslos

 19.03.2026

Washington D.C.

Trump droht Iran mit massivem Angriff auf zentrales Gasfeld

Eine solche Attacke des US-Militärs werde es geben, falls Iran weiter Katars Gasindustrie angreife, schrieb der US-Präsident auf Truth Social

 19.03.2026

Hannover

Antisemitische Parolen an Holocaust-Mahnmal

»Wir stehen weiterhin solidarisch an der Seite der jüdischen Menschen in unserer Stadt«, sagt Oberbürgermeister Belit Onay

 19.03.2026

Belgien

Streit über Militäreinsatz zum Schutz jüdischer Einrichtungen

Nach einem Anschlag auf eine Synagoge sollen sich Soldaten um die Bewachung kümmern. Zwei Minister vergessen, ihre Kollgin aus dem Justizressort in die Entscheidung einzubeziehen

 19.03.2026

Washington D.C.

Neue Phase im Krieg gegen Iran? USA prüfen Truppenaufstockung

Die Vereinigten Staaten erwägen die Entsendung Tausender weiterer Soldaten in den Nahen Osten und denken über Bodentruppeneinsätze nach. Derweil will das Pentagon 200 Milliarden Dollar für den Krieg

 19.03.2026

Debatte

Niedersachsens Linke weist Antisemitismus-Vorwurf zurück

Nach scharfer Kritik verteidigt Niedersachsens Linke ihren Beschluss zum Nahostkonflikt. Wie die Landeschefs das umstrittene Papier begründen

 19.03.2026

Krieg am Golf

Katar: Israels Angriff auf Gasanlagen »unverantwortlich«

Im Persischen Golf befindet sich das größte Gasfeld der Welt. Ein Angriff auf damit verbundene iranische Anlagen sorgen auch in Katar für Empörung

 19.03.2026

Ehrung

Preis von Union progressiver Juden für Bundesministerin Prien

Sie ist die erste Bundesministerin mit jüdischen Wurzeln. Nun wird Karin Prien für ihre Verdienste für das Judentum in Deutschland geehrt. Sie empfinde die Würdigung vor allem als Auftrag, sagt sie

von Nikolas Ender  18.03.2026