Wirtschaftsethik

Kredit und Würde

Madrid: Rosa Maria Sastre Castilla (l.) lebt mit ihrer Familie auf der Straße, nachdem sie Job und Wohnung verloren hat. Foto: Reuters

Ein Schnorrer kommt zu Rothschild. Der sagenhaft reiche Baron erkennt ihn und bittet höflich darum, sich wie üblich an den für solche Zwecke eigens bekannten Privatsekretär zu wenden. »Heute komme ich aber als Geschäftsmann, Herr Baron«, entgegnet der Schnorrer. Er wolle erstmals kein Almosen, keine Spende. Sondern eine Anleihe.

So bittet er nunmehr als Geschäftsmann um die Aufmerksamkeit des Barons persönlich, um den Handel abzuwickeln. Rothschild ist so sehr über den unternehmerischen Sinneswandel des Bittstellers erfreut, dass er voller Lob für die erfrischende Initiative des Existenzgründers begeistert zum Verhandlungstisch bittet. Beide werden sich rasch einig über einen Betrag, den der Baron aus lauter Freude sofort und in bar auf den Tisch legt. Der frisch gebackene Unternehmer streicht das Geld ein, bedankt sich höflich und steht auf. Rothschild bemerkt dann, dass es bei einer Anleihe üblich sei, ein Fälligkeits-datum zu vereinbaren. Der Schnorrer dazu trocken: »Herr Baron, machen Sie sich keine Sorgen. Sagen Sie mir bitte nur, wenn Sie das Geld brauchen.«

Wie bei so vielen jüdischen Anekdoten und Witzen steckt auch hinter diesem Klassiker eine Weisheit. Hier handelt es sich um das weite Feld der Wirtschaftsethik.

Gläubiger Maimonides weist in seinem Kodex, der Mischne Tora, darauf hin, wie sehr unser Schnorrer recht haben könnte. In seinem Kapitel zu Schuldverhältnissen (Hilchot Malweh W’loweh 2,1) führt der mittelalterliche Philosoph aus: Solange ein Schuldner keine anderen Mittel hat und auf den Kredit angewiesen ist, sollte er nicht unter Druck gesetzt werden, um zur Rückzahlung gezwungen zu werden. Umgekehrt kann ein Gläubiger auf Eigennutzung seines Darlehens pochen, wenn er in Not gerät. Das gilt selbstverständlich auch für Rothschild, selbst wenn dieser Fall sehr unwahrscheinlich wäre.

Das Schuldverhältnis hat sich einem anderen Verhältnis unterzuordnen: dem zwischen Würde und Wirtschaftstiteln. Maimonides schließt deswegen auch explizit die Verhaftung eines Schuldners aus, was zu seiner Zeit gang und gäbe war, um Schulden einzutreiben. Im Mittelalter ergab sich gerade im deutschen Sprachraum eine »Verhaftung« schon aus dem Begriff »Haftung« heraus. Im Umkehrschluss ist analog zum Gläubiger dann der Schuldner dazu verpflichtet, auf sein Recht zu verzichten, also die Anleihe bis zum vereinbarten Termin des Vertrags ausschöpfen zu dürfen.

In der Tora wird sehr deutlich darauf hingewiesen, wie sehr Schuldverhältnisse sich auf die Lebensgrundlage und damit auf die Würde auswirken können. Im Spannungsverhältnis zwischen Rechtsgütern hat das Leben im jüdischen Recht immer Vorrang, und damit auch die wirtschaftliche Existenzsicherung. Die Exis-tenzgrundlage ist somit wie das Leben selbst zu bemessen. »Man soll nicht pfänden Mühle oder Mahlstein, denn das Leben ist es, was damit gepfändet wird« (5. Buch Moses 24,6). Deutlicher geht es kaum.

Konsequent ist daher auch das Verbot, beim Pfänden einfach nach Belieben vorzugehen und dabei andere Rechtsgüter, wie beispielsweise das Recht auf Privatsphäre, in Mitleidenschaft zu ziehen: »Falls du deinem Nächsten ein Darlehen gewährst, sollst du nicht in sein Haus treten, um ihn ein Pfand abzunehmen« (5. Buch Moses 24, 10-11). Biblische Wirtschaftsethik – vor Tausenden von Jahren so aktuell wie heute, blicken wir beispielsweise nach Griechenland oder Spanien.

Forderungen In einer Zeit, in der nicht nur Theorien, sondern auch ganz handfeste Forderungen nach Schuldenerlass inflationär zunehmen, ist ein Kompass vonnöten, um zwischen den seriösen und den populistischen Forderungen unterscheiden zu können. Nichts anderes ist Wirtschaftsethik, und hier hat das Judentum sowohl Weisheit als auch Witz zu bieten.

In der öffentlichen Diskussion herrscht leider ein Mangel an beidem. Das sei nicht nur unseren Gerichten ins Stammbuch geschrieben, sondern genauso den Universitäten und auch und gerade den »Occupy«-Aktivisten, die sich für besonders schlau und witzig halten. In dem kürzlich geräumten »Occupy-Camp« vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt beispielsweise wirkten Transparente mit Sprüchen wie »Finanzhaie zu Fischstäbchen« eher lächerlich als lustig.

Letztendlich werden wichtige Debatten auf die Gerichte abgewälzt, die in ihren Urteilen noch verzweifelter wirken als die Forderungen aus dem »Occupy«-Lager. Aus den Universitäten kommt dazu lediglich Nebulöses, und davon jede Menge. Von den Bankern ganz zu schweigen. Ihrerseits ist oft blanke Ratlosigkeit, gepaart mit schier unerträglicher Arroganz, festzustellen.

Alle behaupten, stets moralisch zu handeln. Es scheint, als habe der Finanzplatz Frankfurt mit seinem letzten Rothschild vor mehr als 100 Jahren auch seine Weisheit und seinen Humor verloren.

Der Autor ist diplomierter Wirtschaftspädagoge und Rabbiner der Budge-Stiftung in Frankfurt am Main.

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