Netz

Justiz im Warte-Modus

Verfasser anonymer Hass-Posts sollen künftig ans Bundeskriminalamt gemeldet werden können. Foto: imago images/Ralph Peters

Das Gesetz zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität im Internet müsse endlich in Kraft treten, fordert der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. Das in Bundestag und Bundesrat bereits beschlossene Gesetz gegen Hetze und Hass im Netz war von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wegen rechtlicher Bedenken nicht unterzeichnet worden. Das Bundespräsidialamt hatte damit auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts reagiert, das eine weitreichende Bestandsdatenauskunft als nicht verfassungskonform gerügt hatte.

Bisher sind antisemitische Beleidigungen und Drohungen, versteckt hinter ano­nymen Accounts, an der Tagesordnung, aber nur schwer strafrechtlich aufzuklären und zu verfolgen. Das im Vorjahr beschlossene Gesetz sollte Anbieter sozialer Netzwerke verpflichten, Hassmails und angekündigte Straftaten nicht nur zu blockieren und in den sozialen Medien zu löschen, sondern die Verfasser auch an das Bundeskriminalamt (BKA) zu melden. Dort sollte die Strafbarkeit geprüft und entsprechend Strafverfahren eingeleitet werden.

Zudem sollen auch die Androhung von Straftaten künftig geahndet und Beleidigungen vor Millionenpublikum im Netz schärfer bestraft werden. Allein in Berlin wurden nach Informationen der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) seit 2017 mehr als 2000 Vorfälle im Internet bekannt.

GESETZESLÜCKE »Mit dem neuen Gesetz hätten wir endlich ein praktikables Instrument, um nicht nur Hetzmails löschen zu lassen, sondern auch die Identität der Hetzer herauszufinden und diese strafrechtlich zu verfolgen«, mahnte Felix Klein die Parteienvertreter im Bundestag. Allerdings sieht Klein nach wie vor eine zusätzliche Gesetzeslücke, »die dringend geschlossen werden muss«. Private Messenger-Dienste wie Telegram, »wo übelst gehetzt wird«, sind im Gegensatz zu den großen Online-Plattformen bei der Gesetzesnovelle nicht eingeschlossen.

Im Vermittlungsausschuss des Bundestages sitzen derzeit Abgeordnete aller Parteien, um das neue Gesetz und davon betroffene rechtliche Regelungen entsprechend dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts anzupassen. Bisher erfolglos, weil sich die Vertreter der Regierungsparteien und der Opposition nicht einigen können und sich gegenseitig die Schuld dafür zuschieben.

Thorsten Frei sieht dafür die Grünen und die Liberalen in der Verantwortung. Die derzeitige Verzögerung beim Inkrafttreten des Gesetzes »ist der mangelnden Unterstützung durch Grüne und FDP und der Kompliziertheit des Sachverhalts geschuldet«, klagt der CDU-Bundestagsabgeordnete. »Wir haben darauf schnell mit einem neuen Gesetz reagiert. Leider haben Grüne und FDP das sogenannte Reparaturgesetz im Bundesrat in unverantwortlicher Weise scheitern lassen.«

BUNDESRATSSITZUNG Der Jurist Frei hofft aber, mit einem entsprechenden Kompromissvorschlag für die Gesetzesfassung die Bundesratssitzung Ende März zu erreichen. »Ich hätte mir gewünscht, dass das Gesetz bereits angewandt werden könnte.« Schließlich sei »das Gesetz ein Statement gegen die Verrohung und Drohungen im Netz. Wir senden das klare Signal: Wir wollen und werden Hetze und Hass nicht akzeptieren«.

Bisher sind antisemitische Beleidigungen nur schwer strafrechtlich aufzuklären.

Die ehemalige Landwirtschafts- und Ernährungsministerin Renate Künast weist die Anschuldigungen Freis entschieden zurück. Weil rechtliche Vorgaben und Beschränkungen des Bundesverfassungsgerichts zur Vorratsdatenspeicherung nicht berücksichtigt worden seien, habe der Bundespräsident das Gesetz nicht ausfertigen können, sagte sie.

Künast, die in der Vergangenheit selbst Zielscheibe von Beleidigungen und Bedrohungen im Netz gewesen ist, kritisiert, dass in der Union immer wieder mit der Begründung der effektiveren Strafverfolgung versucht werde, »Zugriff auf Nutzerdaten über das verfassungsrechtlich Abgedeckte hinaus durchzusetzen«.

VORWÜRFE »Wir brauchen dringend ein Hass- und Hetze-Gesetz mit einer Meldepflicht ans BKA«, sagte die Grüne-Bundestagsabgeordnete, »aber das muss verfassungskonform geregelt sein.«

Manuel Höferlin, digitalpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, findet die Vorwürfe der Union eine »Frechheit«. Das Gesetz sei bisher gescheitert, weil die Bundesregierung und »namentlich die Union immer wieder bei der Bestandsdatenauskunft bis an und über die Grenze des verfassungsmäßig Erlaubten« hinausgehe.

Das Mitglied des Innenausschusses geht davon aus, dass im Vermittlungsausschuss ein Kompromiss gefunden werde, der Sicherheitsinteressen der Bürger und die Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes gegen Hass und Hetze berücksichtigt. »Wir tragen eine historische Verantwortung, nie wieder freiheitsgefährdende Gesetze zuzulassen«, sagte Manuel Höferlin.

Auch die nordrhein-westfälische Antisemitismusbeauftragte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hofft, dass es »bald eine rechtliche Lösung für den Umgang mit Bestandsdaten gibt. Wir brauchen das Gesetz dringend«.

ZAC Allerdings stellt sie auch fest, dass nach Inkrafttreten des Gesetzes riesige Aufgaben auf die Staatsanwaltschaften und das Bundeskriminalamt zukommen, die Meldungen auf Strafwürdigkeit prüfen und dann Verfahren einleiten müssen. Die Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime Nordrhein-Westfalen (ZAC NRW), die bei der Staatsanwaltschaft Köln eingerichtet und seit zwei Jahren bereits für Hasskriminalität zuständig ist, habe in dieser Zeit über 300 Fälle bearbeitet.

Auf die ZAC werde an Rhein und Ruhr weitere Arbeit zukommen, ist sich Leutheusser-Schnarrenberger sicher. »Wir werden mehr Staatsanwälte und Strafverfolger benötigen, um Hetz- und Hasskriminalität künftig zu verfolgen.«

Berlin

CDU will Grünen und SPD Sondierungsgespräche anbieten

Nach einem Bericht über Sorgen der Berliner linken Wahlsiegerin Eralp um die Sicherheit ihrer Familie sorgt sich die CDU um die Sicherheit der Stadt. Welche Alternative sie zu Rot-Grün-Rot sieht

 29.10.2026

Berlin

Zentralrat warnt vor Linken-Regierungsbeteiligung in Berlin

»Die Ohnmacht der Parteiführung und die Angst, die Frau Eralp persönlich zu verspüren scheint, schockieren mich – aber sie überraschen mich nicht«, sagt Zentralratspräsident Josef Schuster

 29.10.2026

Meinung

Elif Eralp und die Angst

Die Linken-Politikerin traut sich nicht, Terrorsympathisanten beim Namen zu nennen. Wer nicht einmal die Israelfeinde in den eigenen Reihen bekämpfen kann, kann auch keine Stadt regieren

 29.10.2026

»Social Media«

Hasskampagne von Influencern gegen Bildungsstätte Anne Frank

Die Bildungsstätte Anne Frank klärt über Antisemitismus und Extremismus auf Social Media auf. Nun erlebt sie eine Hasskampagne von Fitness- und Ernährungs-Influencern

 29.10.2026

Auszeichnung

Shimon-Peres-Preis für deutsch-israelische Projekte

Für einen Dialog in Krisenzeiten werden jetzt zwei deutsch-israelische Projekte ausgezeichnet. Der Preis erinnert an den Friedensnobelpreisträger und israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres

 29.10.2026

Debatte

Nach der »Spiegel«-Enthüllung: Jetzt spricht Elif Eralp

Die wichtigsten Statements der Linkspartei-Spitzenkandidatin im Überblick

 29.10.2026 Aktualisiert

New York

NYPD stoppt Direktvergabe an israelischen Überwachungstechnik-Hersteller

Linke Politiker und Aktivisten aus dem Umfeld von Bürgermeister Zohran Mamdani hatten den geplanten Kauf eines Ortungssystems kritisiert

 29.10.2026

Straßburg/Prag

Europarat warnt vor zunehmendem Antisemitismus in Tschechien

Sowohl die Zahl als auch die Schwere der Judenhass-Vorfälle nimmt zu

 29.10.2026

Berlin

Wie sich Elif Eralp von Terrorunterstützern mundtot machen lässt

Das Nachrichtenmagazin »Spiegel« hat brisante Hintergründe zur Spitzenkandidatin der Linkspartei veröffentlicht

 29.10.2026 Aktualisiert