Iran

Ironie der Geschichte

Foto: dpa

Jedes Jahr zu Purim lesen wir im Buch Esther eine jahrtausendealte Geschichte, deren Grundmuster das jüdische Volk in der Diaspora zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten immer wieder als Déjà-vu erleben musste. Antisemiten wünschten und wünschen sich nichts sehnlicher, als die verhassten Juden zu vernichten.

In der Purimgeschichte ist es Haman, der oberste persische Regierungsbeamte, der alle Juden im Land ermorden will. Der Anlass ist banal, und von der Banalität des Bösen wird lange Zeit später Hannah Arendt schreiben: Der Antisemitismus braucht keinen Grund, er existiert als Bösartigkeit aus sich selbst heraus.

Existenzrecht Der Iran, wie Persien heute heißt, ist 2500 Jahre nach Haman erneut zum Hort des staatlich propagierten Antisemitismus geworden. Eine bittere Ironie der Geschichte. Im Unterschied zu damals richtet sich der Hass heute nicht gegen die Juden im eigenen Land, sondern gegen den Zionismus, gegen den Staat Israel, dem das Existenzrecht abgesprochen wird.

Und damit richtet er sich gegen Juden und jüdisches Leben weltweit. Die Terrorakte in Buenos Aires und anderswo wurden vom Iran geplant, finanziert und von seinen Helfern umgesetzt. Der Antisemitismus der Ayatollahs geht einher mit ihrem regionalen Großmachtstreben. Und er dient zugleich als Instrument der Propaganda, um dieses Großmachtstreben zu untermauern. Regelmäßig wird alles Übel dieser Welt den »Zionisten« zugeschrieben – bis hin zum Bürgerkrieg in Syrien.

Vor Kurzem fand in Teheran die »6. Internationale Konferenz zur Unterstützung der Intifada« statt. Dem palästinensischen Volk – in Form zahlreicher anwesender Terroristen-Gruppierungen – dankte dort Irans oberster geistlicher Führer Ayatollah Ali Chamenei für seinen Kampf gegen die »Weltverschwörung«. Das zionistische »Regime« sei geschaffen worden, um die Stabilität und den Fortschritt in der Region zu zerstören, die Völker und Nationen gegeneinander aufzuhetzen und Bürgerkrieg auszulösen. Ziel Israels sei es, so Chamenei, die palästinensische Identität zu unterdrücken und zu vernichten.

Rhetorik Der iranische Staatschef lehnte jeglichen Kompromiss ab. Gaza nannte er eine »Festung« und den von der Hisbollah dominierten Südlibanon »befreit«. Und zum wiederholten Male bezeichnete Chamenei Israel als »Krebsgeschwür«, das vernichtet werden müsse. Wieder einmal gab es im Westen keinen Aufschrei der Empörung. Die Äußerungen werden wohl als bedeutungslose Rhetorik abgetan. Und doch: Diese Drohungen sind real, denn sie beeinflussen seit 40 Jahren nicht nur das Denken, sondern auch das Verhalten vieler Menschen.

Der schiitische Iran benutzt das Feindbild »Zionismus«, um sich unter der sunnitischen Mehrheit der islamischen Welt Freunde zu machen. So soll ein Keil in die islamische Welt getrieben werden, der sunnitisch-arabische Staaten zwingt, gegen Israel – und damit auch gegen ihre Interessen – zu agieren. Den Palästinensern gaukelt man vor, man sei ihr größter Verbündeter. Damit zielt der Iran auch auf Muslime in der Diaspora.

Der Iran generiert und exportiert Hass, Antisemitismus und Anti-Israel-Propaganda in die ganze Welt. Die Auswirkungen spürt man nicht nur in Israel, sondern auch in jüdischen Gemeinden.

Eine noch größere Bedrohung liegt aber in Irans militärischem Potenzial. Dabei geht es nicht nur um die Pläne, eine Atombombe zu bauen. In den letzten Jahren ist der Iran seinem Ziel, der dominante Player im Nahen Osten zu werden, ein großes Stück nähergekommen.

Syrien Den syrischen Bürgerkrieg hat das Regime genutzt, um dort parallel zum Verbündeten Assad eigene militärische Strukturen zu etablieren. Und die schiitische Hisbollah im Libanon gehorcht schon lange den Befehlen Teherans. Gleichzeitig untergräbt der Iran demokratische Bemühungen im Irak und baut dort eine paramilitärische Präsenz auf. Auch im Jemen ist der Iran Kriegspartei. Ende Januar testete der Iran erneut eine ballistische Rakete, und auf die daraufhin verschärften Sanktionen reagiert man in Teheran mit weiteren Militärmanövern. Man fragt sich also: Was bringen Gespräche und Abkommen mit solchen Akteuren? Kann man ihnen auch nur im Mindesten über den Weg trauen?

Die Iran-Frage, und damit unweigerlich die Sicherheitsfrage für Israel und die jüdischen Gemeinden weltweit, gehört wieder auf die Tagesordnung der Politik. Leider gibt es genug Leute im Westen, die das einfach nicht wahrhaben wollen.

Die Geschichte im alten Persien endet anders, als Haman geplant hat. Die Juden wehren sich und kommen ihren Verfolgern zuvor. Haman wird das erste Opfer seines eigenen Hasses, die persischen Juden sind gerettet, sie haben sich selbst gerettet. Das feiern wir an Purim.

Purim ist deshalb nicht nur ein Fest jü-discher Lebensfreude, es ist auch ein Fest unserer Wehrhaftigkeit und Wachsamkeit. Und die ist angesichts der realen Bedrohungen, die nicht nur vom Iran ausgehen, auch dringend notwendig.

Der Autor ist stellvertretender Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses.

Sanaa

Regierungstruppen im Jemen melden 181 Angriffe in 24 Stunden

Mit Drohnen und Raketen attackieren Regierungskräfte Militärstützpunkte und Waffendepots der Huthi-Terrormiliz. Wie weit eskaliert die Lage noch?

 16.08.2026

Teheran

Iran richtet Mann wegen angeblicher Israel-Spionage hin

Die iranische Justiz hat ein weiteres Todesurteil vollstreckt. Menschenrechtler werfen den Behörden vor, die Todesstrafe zur Unterdrückung von Kritik einzusetzen

 16.08.2026

Berlin

Prien: Differenzierte Haltung zu Israel kann ein Wagnis sein

Der Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat Gräben in der Gesellschaft verdeutlicht - und teils auch vertieft. Wer dagegen differenziert argumentiere, habe es oft nicht leicht, sagt Ministerin Prien

 16.08.2026

Magdeburg

Will AfD-Spitzenkandidat Siegmund den Verfassungsschutz abschaffen?

AfD-Spitzenkandidat Siegmund will nach der Landtagswahl die Zukunft des Verfassungsschutzes in Sachsen-Anhalt prüfen lassen. Diese Optionen fasst er ins Auge

 16.08.2026

Washington/Teheran

Frist verstreicht: Iran-Krieg vor ungewisser Zukunft

Während US-Präsident Trump mit einer Übernahme der Straße von Hormus kokettiert, gehen die Angriffe auf zivile Schiffe weiter. Dabei sollte in diesen Tagen ein finales Abkommen stehen

 16.08.2026

Essay

Politische und moralische Bankrotterklärung

Die Literaturkritikerin Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten. Trotzdem wurde sie in die Jury des renommierten Deutschen Buchpreises berufen

von Daniel Neumann  15.08.2026

Dresden/Königstein

Mutmaßliche Kämpfer des Islamischen Staates festgenommen

Zwei Männer sollen als Kämpfer für den IS aktiv gewesen sein und dafür Geld erhalten haben. Nun sitzen die beiden Iraker in Sachsen in Untersuchungshaft

 14.08.2026

Deutschland

Anti-Israel-Aktivisten krachen in Hafenmauer

Ein Kleinschiff mit »pro-palästinensischen« Seefahrern will im Herbst die Gaza-Küste erreichen. Zwischen ihnen und dem Ziel liegen 3000 Kilometer Luftlinie – und eine wachsende Anzahl an Problemen

von Imanuel Marcus  14.08.2026

Erfurt/Berlin

BSW-Spitze fordert Voigts Rücktritt – und Ende der Koalition

Das Bündnis Sahra Wagenknecht regiert in Thüringen mit CDU und SPD – zum Missfallen der Parteizentrale. Schluss damit, verlangt ein Vorstandsbeschluss

 14.08.2026