Terrorismus

Irans neue Front

Auch auf die Kenton United Synagogue in London wurde ein Brandanschlag verübt. Foto: picture alliance / Photoshot

Vor zwei Monaten kannte sie niemand. Doch mittlerweile ist Harakat Aschab al-Jamin al-Islamija (HAYI) in aller Munde. In Bekennervideos hat sich die »Islamische Bewegung der Gefährten der rechten Hand« zu mehreren Anschlägen auf jüdische und amerikanische Einrichtungen in Belgien, den Niederlanden, Großbritannien und Nordmazedonien bekannt. Auch Deutschland war bereits betroffen: In der Nacht zum 10. April wurden zwei Fensterscheiben des israelischen Restaurants »Eclipse« in der Münchner Maxvorstadt durch Sprengstoff zum Bersten gebracht; verletzt wurde niemand.

Den mehr als zwei Dutzend Anschlägen gemein ist ihr Modus operandi. Sie wurden zu nächtlicher Stunde ausgeführt und gefilmt. Es entstand jeweils nur Sachschaden; Menschen sollten offenbar nicht zu Schaden kommen. Oder besser gesagt: noch nicht, denn das Bundesamt für Verfassungsschutz vermutet einem Bericht des »Handelsblatts« zufolge, dass es sich bei HAYI um ein schiitisches Netzwerk handelt, das bald auch schlimmere Anschläge durchführen könnte.

Die deutschen Terrorismusexperten Hans-Jakob Schindler, Senior Director beim New Yorker Counter-Terrorism Project (CEP), und Peter Neumann, Professor am Londoner King’s College, sind sich einig. HAYI ist für sie keine eigenständige Terrororganisation, sondern ein Instrument der Staatsführung der Islamischen Republik Iran. So könne das Regime offiziell dem Vorwurf des Staatsterrorismus widersprechen, gleichzeitig aber dem Westen signalisieren, wie weit sein langer Arm reicht.

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Schindler sagte der »Jüdischen Allgemeinen«: »Diese Gruppe gibt es erst seit ein paar Wochen. Sie trat erstmals in Erscheinung, kurz nachdem das Regime Anfang März den ersten öffentlichen Brief des neuen Obersten Führers Modschtaba Chamenei im Staatsfernsehen verlesen ließ. Darin kündigte er an, es würden weitere Fronten eröffnet werden – in Gebieten, in denen sich die Feinde des Iran nicht verteidigen könnten.«

Hinzu komme, so Schindler, dass sich »eine normale Terrorgruppe, die sich irgendwo etabliert, zunächst einmal eine erste Social-Media-Präsenz verschafft, bevor sie Anschläge verübt. In diesem Fall lief es aber genau umgekehrt«. Er hält es für »eher unwahrscheinlich, dass eine neu gegründete Terrorgruppe in der Lage ist, innerhalb kürzester Zeit in Amsterdam, Rotterdam, London, München, Paris und Skopje zuzuschlagen«.

Als weiteres Indiz dafür, dass HAYI nur ein »Narrativ« des Iran und seiner Islamischen Revolutionsgarden sei, verweist der Experte auf die Tatsache, dass zwischen den bislang in Zusammenhang mit von HAYI reklamierten Anschlägen verhafteten Tatverdächtigen kein Zusammenhang bestehe. »Diese Leute haben nichts miteinander zu tun. Sie kommen jedoch in der Mehrheit aus dem kleinkriminellen Milieu in den einzelnen Ländern.«

Auch Peter Neumann betont diesen Aspekt: »Es waren keine polizeibekannten Islamisten, sondern Personen, die über das Internet rekrutiert wurden. Es handelt sich um kriminelle Elemente, um ›Wegwerf-Agenten‹, die offensichtlich von den iranischen Revolutionswächtern beauftragt wurden, gegen Bezahlung bestimmte Ziele anzugreifen. Das ist genau jene Vorgehensweise, wie wir sie aus der Vergangenheit vom Iran kennen.« Es gäbe zwar keinen rauchenden Colt, keine Beweiskette, die vor Gericht über jeden Zweifel erhaben wäre. Aber, so Neumann: »Wenn man die Indizien zusammenzählt, gibt es kaum Zweifel, dass der Iran dahintersteckt.«

Ziel des Regimes sei eine »vorsichtige Eskalation« – zumindest solange, wie die militärische Auseinandersetzung zwischen dem Iran, Israel und den Vereinigten Staaten andauere. Der Terrorismusforscher ist sich sicher: Sollte der Konflikt in eine neue Runde gehen, könnte es auch zu neuen Anschlägen auf jüdische Ziele in Europa kommen – mit potenziell verheerenden Folgen.

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