Sicherheit

Iran und die Bombe

Atombombentest über dem Mururoa-Atoll 1971 Foto: picture-alliance / dpa

Verfolgt man in diesen Tagen die israelische Politik in Sachen Iran, so scheint sehr viel los zu sein. Der Mossad-Chef David Barnea und Verteidigungsminister Benny Gantz werden in Washington vorstellig. Letzterer spricht davon, die israelische Armee auf einen Angriff auf den Iran vorzubereiten.

Premier Naftali Bennett erklärt, die USA sollten die Gespräche mit dem Iran endgültig einstellen, und falls es doch zu irgendeinem Abkommen mit Teheran käme, so würde sich Israel daran nicht gebunden fühlen, es könnte und würde im Interesse der eigenen Sicherheit auch allein gegen die nukleare Bedrohung aus dem Iran vorgehen. Sehr viel Aufregung.

teheran Zu Recht? Ja. Und nein. Ja, weil der Iran einer Atombombe immer näher kommt. Ja, weil Teheran immer mehr Uran hochprozentig anreichert und bald genug Material für eine Bombe haben könnte.

Das Nuklearabkommen JCPOA aus dem Jahr 2015 war das Ergebnis von Druck und Entgegenkommen gegenüber dem schiitischen Staat.

Dass dem allerdings so ist, liegt nicht zuletzt auch an der Politik von Bennetts Vorgänger im Amt, Benjamin Netanjahu. Dieser hatte schon vor mehr als 20 Jahren vor einer Nuklearmacht Iran gewarnt. Anfangs hatte ihm niemand zugehört. Doch seine – glaubhafte – Drohung, Israels Armee werde die iranischen Atomanlagen angreifen, führte dazu, dass die internationale Staatengemeinschaft nervös wurde und Sanktionen gegen das Regime in Teheran verhängte. Man glaubte, also wurde man aktiv.

Das Nuklearabkommen JCPOA aus dem Jahr 2015 war schließlich das Ergebnis von Druck und Entgegenkommen gegenüber dem schiitischen Staat. Doch Netanjahu fand den Vertrag verheerend. Und überzeugte US-Präsident Donald Trump 2018, das Abkommen aufzukündigen. Das Ergebnis: Teheran begann, sich Schritt für Schritt ebenfalls vom JCPOA zu verabschieden, ließ kaum noch Kontrollen zu und reicherte unkontrolliert Uran an. Dass die iranische Bombe inzwischen im Bereich des Möglichen liegt, hat also viel mit einer fehlgeleiteten Politik Netanjahus in seinen letzten Regierungsjahren zu tun.

geheimoperationen Dafür kann die aktuelle israelische Regierung aber nichts. Sie tut das, was schon seit Jahren geschieht: mit verdeckten Geheimoperationen innerhalb Irans das Nuklearprojekt sabotieren, Positionen des Iran und seiner Stellvertreter in Syrien angreifen, um die schiitische Gefahr von der eigenen Nordgrenze so weit wie möglich fernzuhalten. Und droht weiterhin, so wie einst Netanjahu, man werde notfalls den Iran direkt angreifen.

Auch die USA begreifen, dass mit Raisi ein neuer Wind in Teheran weht.

Hier kommt das oben erwähnte Nein ins Spiel. Premier Bennett legt sich mit der Administration von US-Präsident Joe Biden an, um Druck auf die USA zu machen. Zumindest in der Öffentlichkeit schürt er den Eindruck, als ob Washington einknicken werde, als ob die USA dem neuen iranischen Präsidenten, dem Hardliner Ebrahim Raisi, entgegenkommen werden – mehr als es Israel lieb sein könnte.

Doch es ist völlig unklar, ob dieser Fall wirklich eintritt. Aus Washington kommen inzwischen ganz andere Äußerungen, als Bennett sie insinuiert, nachdem der Iran die letzte Gesprächsrunde abgebrochen hat und mit seinen Forderungen hinter die bereits ausgehandelten Kompromisse zurückgegangen ist. Immer häufiger spricht Washington von einem »Plan B«, der möglicherweise zumindest die Androhung von militärischer Gewalt beinhalten könnte. Auch die Biden-Administration begreift inzwischen, dass mit Raisi ein neuer Wind in Teheran weht.

budget Doch die Töne aus Jerusalem bleiben martialisch, Israels Generalstabschef Aviv Kochavi tätigt ebenso scharfe Äußerungen wie sein Vorgesetzter Benny Gantz; die Armee hat vor Kurzem erst ein spezielles Budget erhalten, um einen Angriff vorzubereiten. Und genau hier beginnt Israels Problem. Viele Experten sind überzeugt, dass Israel um das Jahr 2010 herum durchaus in der Lage gewesen wäre, Irans Atomprojekt auszuschalten (wobei es auch damals massive Zweifel gab, ob die Armee dazu entsprechend ausgerüstet sei).

Nun aber wurden diesbezüglich seit vielen Jahren keinerlei Vorbereitungen mehr getroffen. Der Grund war tatsächlich das JCPOA-Abkommen, das Israel Luft verschafft hatte, aber auch das Fehlen eines Staatshaushalts, den Netanjahu aus wahltaktischen Gründen verhindert hatte. Erst jetzt gibt es neue Gelder für eine Operation gegen den Iran. Doch bis die Armee tatsächlich in der Lage wäre, eine solche durchzuführen, könnten Jahre vergehen.

Israel ist gegenüber Iran im Augenblick schwächer, als es erscheinen mag.

Das macht Israel einerseits zum Maulhelden. Washington weiß, dass Israels militärische Möglichkeiten derzeit wohl nicht ausreichen dürften, um alleine zu agieren. Andererseits könnte genau diese Schwäche dazu führen, dass Jerusalem, wenn es tatsächlich überzeugt wäre, Iran stünde unmittelbar davor, Atommacht zu werden, einen Krieg in Gang setzt, der dann die USA und andere Staaten mit in ein großes nahöstliches Chaos hineinziehen könnte.

Israel ist gegenüber Iran im Augenblick schwächer, als es erscheinen mag. Das wiederum könnte Teheran dazu verführen, das Atomprojekt unbedingt fortzusetzen, da man zumindest bislang nicht glaubt, US-Präsident Joe Biden könnte tatsächlich mit einer militärischen Option drohen. Und die Europäer nimmt man sowieso nicht ernst. Doch genau da müsste deutsche Politik, müsste die Politik der EU ansetzen: Teheran klar zu machen, dass man nicht mit sich spielen lässt. Und dass man Israel im Falle der existenziellen Bedrohung nicht im Stich lassen wird.

Der Autor ist Editor-at-Large bei der ARD, Publizist und lebt in Tel Aviv.

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Kunstwelt

»100 Euro für einen Picasso«

Der französische Informatiker Ari Hodara über den unerwarteten Gewinn eines Millionen Euro teuren Gemäldes

von Nicole Dreyfus  27.04.2026

Berlin

Wadephul: UN muss Verantwortung im Iran-Krieg übernehmen

Der Bundesaußenminister reist zu den Vereinten Nationen nach New York. Im Zentrum des Besuchs steht der Iran-Krieg. Doch es geht auch um die Rolle der Weltorganisation insgesamt

 27.04.2026

Hamburg

Mutmaßlicher Block-Entführer: »Ich bin kein Verbrecher«

Er ist ein weiterer mutmaßlicher Entführer der Block-Kinder, den das Landgericht befragt. Der Israeli berichtet, was seine Aufgabe bei der Rückholaktion war

 27.04.2026

Brüssel

Von der Leyen: Lockerung von Iran-Sanktionen wäre verfrüht

Der Kanzler stellt dem Iran eine Lockerung der Sanktionen in Aussicht, wenn Teheran eine Reihe von Bedingungen erfüllt. In der EU stößt er damit auf Skepsis

 27.04.2026

Stuttgart

Skandal im Gericht: Anwälte proben Aufstand

Israelfeindliche Aktivisten stehen in Stammheim vor Gericht. Der Auftakt wird zum Eklat. Gericht und Verteidigung geraten beispiellos aneinander

 27.04.2026

Nahost

Verdrehte Moral

Es ist geradezu atemraubend, mit welcher Inbrunst das Opfer-Täter-Verhältnis hierzulande verkehrt wird, wenn es um Israels Reaktion auf islamistische Terrororganisationen geht

von Jacques Schuster  27.04.2026 Aktualisiert

Nahost

Iran bietet USA Abkommen zur Öffnung der Straße von Hormus an

Gerade hatte Präsident Trump seine Vermittler zurückgerufen, als Teheran einen Vorschlag unterbreitete. Dieser klammert das iranische Atomprogramm vorerst aus

 27.04.2026

Anschlag

Hakenkreuz an Synagoge in Cottbus

Innerhalb weniger Tage ist die Cottbuser Synagoge zweimal von Unbekannten beschmiert worden. In der Nacht zum Montag wurde an der Fassade ein Hakenkreuz entdeckt. Zeitgleich wurde ein alternatives Wohnprojekt mit einer Rauchbombe attackiert

 27.04.2026