Labour

»Institutionell rassistisch«

Joan Ryan Foto: UK Parliament

Labour

»Institutionell rassistisch«

Joan Ryan über ihren Austritt, den Vorsitzenden Jeremy Corbyn und Antisemitismus in der Partei

von Daniel Zylbersztajn  28.02.2019 09:43 Uhr

Frau Ryan, warum sind Sie aus der Labour Party ausgetreten?
Ich musste mit ansehen, wie Luciana Berger, eine junge jüdische Abgeordnete, mit der ich stets verbündet war, praktisch aus der Partei geekelt wurde. Sie hatte die Partei als institutionell rassistisch bezeichnet.

Zu Recht?
Ich kann nicht behaupten, dass sie unrecht hat. Ein bisschen davon habe ich selbst erfahren, denn ich war über drei Jahre Vorsitzende der Gruppe »Labour Friends of Israel« (LFI). Ich selbst bin nicht jüdisch, und LFI hat traditionell nichtjüdische Vorsitzende.

Hat der Antisemitismus etwas mit dem Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn zu tun?
Bevor Corbyn Parteichef wurde, gab es dieses Problem nicht. Als ich vor 40 Jahren Labour beitrat, war ich angezogen von den Werten der Gleichberechtigung und des Aufstehens gegen Rassismus. Heute ist die Partei von Populismus durchdrungen.

Das liegt an Corbyn?
Durch Corbyn wurde Labour für viele anti-zionistisch motivierte Menschen attraktiv. Gerade viele ältere Jahrgänge aus Organisationen, die Trotzki oder Stalin verehrten, traten ein. Labour ließ es zu. Als die große Mehrheit britischer Juden sich über den Antisemitismus in der Partei besorgt zeigte, hätte sich Corbyn nur laut und solidarisch zu den britischen Juden bekennen müssen. Aber das tat er nicht. So wirft der Antisemitismus ein grelles Licht auf Corbyns Labour und auf die orthodoxe Linke. Dies ist mit der Politik Donald Trumps vergleichbar.

Was meinen Sie damit?
Wenn jemand nicht mit seiner Meinung übereinstimmt, wird diese Person gemobbt. Ich kam zu dem Schluss, dass Corbyn nicht das Zeug zum Premierminister hat. Ich kann mich deshalb nicht vor meine Wählerschaft stellen und sie zur Wahl Corbyns auffordern.

Nicht nur Luciana Berger und andere jüdische Labour-Politiker wurden angefeindet. Auch Sie selbst haben Hass erlebt.
Ja, anfangs nur in den sozialen Medien, dann wurde mir aber auch in meinem Ortsverein das Misstrauen ausgesprochen – weil ich mit meiner Kritik Corbyns Namen beschmutze. Es war eine äußerst fragwürdige Abstimmung mit nur 48 Stunden Vorlauf; sie wurde mit drei Stimmen Vorsprung gewonnen, und es wurden mehr Stimmkarten gezählt, als es Stimmberechtigte gab. Die Stimmung war äußerst aggressiv. Und das faschistische iranische Staatsfernsehen Press TV war auch da.

Glauben Sie, dass sich Corbyns Haltung auch in der Brexit-Frage zeigt?
Ja. Corbyn spielt mit dem Brexit Spielchen, und er tut dies sowohl gegen die eigene Fraktion als auch gegen die Mehrheit der Partei. Dabei gibt es klare Parteitagsbeschlüsse.

Mit der britischen Unterhausabgeordneten sprach Daniel Zylbersztajn.

Debatte

Linke vertagt Entscheidung um Vanessa Emde

Die Berliner Linke ringt seit Wochen um den richtigen Umgang mit einer israelfeindlichen Abgeordneten. Nach einer Fraktionssitzung wurde wieder keine Lösung präsentiert

 27.10.2026

Regierungsbildung

Berliner Linke berät erneut über Vanessa Emde

Kurz vor dem geplanten Beginn von Koalitionsgesprächen mit Grünen und SPD diskutiert die Berliner Linke über Antisemitismus - einmal mehr

 27.10.2026

Berlin

Volker Beck zur Wahl: Regierungswechsel wäre gut für Israel

Der Urnengang entscheidet über die politische Zukunft von Benjamin Netanjahu. Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft argumentiert, der Regierungschef habe viel Vertrauen verspielt

 27.10.2026

Beate Zschäpe im Jahr 2021 in ihrem Prozess

Rechtsextremismus

Gericht: NSU-Terroristin Zschäpe soll bis mindestens 2035 in Haft bleiben

Beate Zschäpe wollte vorzeitig aus der Haft entlassen werden. Das Gericht sagt Nein. Doch die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig

von Christoph Trost  27.10.2026

San Francisco/New York

KI mit Elvis-Songs gefüttert: Millionenklage gegen Anthropic

»Return To Sender« und diverse weitere Lieder des King of Rock’n’ Roll sollen ohne Zustimmung ins KI-Training geflossen sein

 27.10.2026

Berlin

Medienberichte über Israel auf dem Prüfstand

Wie weit klaffen Berichterstattung und Realität auseinander? Darüber ist am Freitag ist ein ganztägiger »Fachaustausch« an der Technischen Universität geplant

 27.10.2026

Ron Prosor

Interview

Ron Prosor: »Der linke Antisemitismus ist der gefährlichste«

Israels Botschafter in Deutschland über Brandmauern gegen Antisemitismus, die Regierungsbildung in Berlin und die Wahlen in Israel

von Bernward Loheide  27.10.2026

Teheran

Irans Generation Z kämpft um ihre Zukunft

Sie sind 17, sprechen über Krieg und denken ans Auswandern. Darja und Negin gehören zu einer Generation, die den Iran verändert, aber an der eigenen Zukunft dort zweifelt

von Arne Bänsch  27.10.2026

Dementi

Trump bestreitet Gespräche über weitere Wahlempfehlung für Netanjahu

Hat Israels Ministerpräsident den amerikanischen Präsidenten um mehr Unterstützung im Wahlkampf gebeten oder nicht?

 27.10.2026