Identität und Halacha

In Vaters Namen

Weitergeben: Auch Menschen, die allein einen jüdischen Vater haben, sollten ihren Platz in der Gemeinde finden. Foto: imago

Identität und Halacha

In Vaters Namen

Wie eine assoziierte Mitgliedschaft ein zukunftsorientiertes Erfolgsmodell für die Gemeinden werden könnte

von Grigori Lagodinsky  22.06.2010 07:20 Uhr

Turbulente politische Zeiten: Von Staatsschulden bis Bundespräsidenten – Probleme, die nur mit Mut und Fantasie zu bewältigen sind. Auch die jüdischen Gemeinden in Deutschland machen da keine Ausnahme. Ihre Zukunft steht auf dem Spiel. Zwar ist allgemein bekannt, dass die Gemeinden seit dem Ende der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion an Größe und Vitalität verlieren. Diese bittere Wahrheit auszusprechen, fällt uns allen aber immer noch schwer. Kein Wunder, erfordert doch die Benennung eines Problems gleichzeitig einen Plan, wie man es lösen kann. Und so schauen wir sprachlos zu, während die Alten sterben und die Jüngeren uns den Rücken kehren.

Option Dabei gäbe es Wege, dem fatalen Trend zu trotzen. Wir sollten auf die unterschiedlichen Facetten unseres jüdischen Daseins setzen und diese fördern. Statt exklusiv und abgrenzend zu wirken, sollten wir offener alle Optionen in Betracht ziehen, jüdische Menschen und ihre Familien an die Gemeinden zu binden, ihnen zeigen, dass sie willkommen sind. Doch viele der Vorschläge werden aus Angst vor Veränderungen ignoriert. So auch die Idee einer sogenannten assoziierten Gemeindemitglied- schaft: die Einbindung von Kindern jüdischer Väter und nichtjüdischer Mütter. Das Modell bietet eine Chance, das Gemeindeleben attraktiver zu gestalten und Mitglieder zu gewinnen.

Denn die Zuwanderung brachte nicht nur den lebenserhaltenden Stamm an Mitgliedern, sondern auch viele Familien, die sich zwar nach Einreisebestimmungen, jedoch nicht nach Satzungen »jüdisch« nennen dürfen. Viele nichtjüdische Ehefrauen und Kinder wurden so zum Anhängsel der jüdischen Zuwanderung degradiert und verschwinden sofort nach ihrer Einreise vom Gemeinderadar. Auch für »Alteingesessene« wird das Problem zunehmend virulent: Immer mehr junge Jüdinnen und Juden heiraten nichtjüdische Partner. Bleibt alles beim Alten, werden uns die Kinder der nichtjüdischen Mütter verloren gehen.

Integration Zwar wird jetzt schon zuweilen versucht, Kinder jüdischer Väter in das Gemeindeleben zu integrieren. Doch ohne Mitgliedsstatus wird ihre Zugehörigkeit zum Spielball der jeweils Verantwortlichen, die nach eigenem Gusto entscheiden, wer an Veranstaltungen teilnehmen darf. Religiös gesehen ist das folgerichtig: Nach der jahrtausendealten Tradition ist nur das Kind einer jüdischen Mutter ein Jude. Doch ist auch hier, wie so oft, zwischen religiöser und struktureller Ebene zu trennen.

Die strenge Tradition und eine lebenserhaltende Zukunftsvision gilt es durch einen pragmatischen Mittelweg miteinander zu befrieden. Religiös gesehen, ist dieses Thema ein Fall für die Rabbiner und Gelehrten. Strukturell betrachtet, haben wir als Gemeindemitglieder jedoch die Befugnis, die betreffenden Familien zum Teil unserer Gemeinschaft zu erklären. Eine entsprechende Satzungsänderung, die eine spezielle Mitgliedschaft für Kinder jüdischer Väter erlaubt, hat mehr als nur symbolische Kraft. Ein Jugendlicher, der kein Fremdkörper mehr ist, wird sich stärker in den Alltag einbringen wollen. Einem Herausbilden seiner jüdischen Identität, deren Anfänge schon der jüdische Vater geliefert hat, steht nichts mehr im Wege.
Wahlrecht Berechtigterweise fragen die Kritiker nach dem Unterschied zu einem ordentlichen Mitglied. Doch auch dies haben die Befürworter der assoziierten Mitgliedschaft im Blick. So schlägt etwa der jetzige Vorsitzende des Integrationsausschusses der Berliner Gemeinde, (mein Bruder) Sergey Lagodinsky, in seinem Konzept vor, zwischen religiösen, politischen und sozialen Mitgliederrechten zu unterscheiden: Dass religiöse Rechte nur einem Mitglied zustehen, das auch im Sinne der Halacha als jüdisch gilt, bleibt unbestritten und garantiert die Unantastbarkeit der religiösen Ausrichtung. Ob einem assoziierten Mitglied auch politische Rechte zugesprochen werden, bliebe den einzelnen Gemeinden überlassen. Doch keine Wahlrechte oder nur ein aktives erscheinen denkbar, um die Grenzen zur assoziierten Mitgliedschaft nicht zu verwischen. So bleibt die Gleichstellung im Grunde auf alle übrigen, gewichtigeren Rechte des sozialen Gemeindelebens beschränkt. Es geht weniger um Politik als um den sozialen Kontakt zu anderen Mitgliedern.

Brücke Dieses Modell ist keine Gefahr für das Judentum, sondern eine Chance. Durch eine Verknüpfung der speziellen Mitgliedschaft mit der Teilnahmepflicht am Religionsunterricht oder gar mit einer Übertrittsperspektive würden wir die nötige Brücke zwischen kulturellem und religiösem Judentum schlagen und den Gemeinden neuen Lebensgeist einhauchen. Eine Anerkennung dieses Modells über die Ge- meindegrenzen hinweg ist Voraussetzung für dessen Effektivität. Sicherlich werden wir in den nächsten Jahren nicht mehr werden. Aber zumindest können wir darauf hoffen, dass wir unsere Mitgliederzahlen und unsere Vitalität sichern, damit die neu erbauten Synagogen nicht schon bald zu Museen verkommen.

Der Autor ist Jurist und stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Kassel.

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