Chanukka

Im Licht der Geschichte

»In jenen Tagen zu dieser Zeit«: Der Chanukka-Segensspruch hat diesmal eine ganz besondere Bedeutung. Foto: Getty

Wann immer es in der langen Geschichte des Judentums Konflikte mit anderen Kulturen gab, war das Muster immer dasselbe: Die erklärten Feinde des Judentums gaben sich stets als fortschrittlich und auf der »richtigen« Seite aus, ob unter religiösen, rassischen oder »zivilisatorischen« Vorzeichen.

Dass diese unselige Tradition alles andere als überwunden ist, zeigt auch der Kulturkampf unserer Tage um die Beschneidung. Das Muster dieser Auseinandersetzung ähnelt erschreckend dem des Kulturkampfs zwischen Hellenismus und Judaismus vor nunmehr fast 2200 Jahren. So müssen wir dieses Jahr zu Chanukka selbst erleben, was uns von unseren Vorfahren überliefert ist. Das verleiht dem Segensspruch »In jenen Tagen zu dieser Zeit« einen unguten Beigeschmack.

minderheit Damals wie heute sind es selbst ernannte fortschrittliche Kräfte, die uns diesen Kampf aufdrängen. Damals wie heute stehen wir als Minderheit gegen eine Mehrheit, die uns qua Kriminalisierung der Beschneidung assimilieren möchte, ob wir wollen oder nicht. Damals wie heute müssen wir uns gegen abenteuerliche und bösartige Beschuldigungen wehren, die bar jeder Grundlage sind.

Die Makkabäerbücher berichten, dass der Aufstand begann, als in dem judäischen Ort Modi’in eine Mutter zusammen mit ihren Söhnen hingerichtet wurde. Sie hatte sie trotz des Verbots durch die seleukidischen Besatzer beschnitten. Die Beschneidungsgegner damals wollten ihre vermeintlich fortschrittlichere hellenistische Kultur mit aller Macht aufzwängen. Auch unsere heutige westliche Kultur ist nicht frei von dem Einfluss totalitärer Kräfte, die Zivilisation sagen und die gewaltsame Durchsetzung ihrer eigenen Lebensweise meinen. Genau darum geht es in dem Drama, dessen wir zu Chanukka gedenken und das wir fröhlich feiern.

traditionen Unsere westliche Kultur ist bis heute von zwei sich gegenseitig ausschließenden Traditionen geprägt: der des Todes und der des Lebens. Schon in der Antike positionierte sich das Judentum eindeutig auf der Seite des Lebens. Mehr noch, es machte sie sich zum Inhalt. Umringt von heidnischen Völkern, die eine gemeinsame Neigung zur Kultur des Todes teilten (die Kindesopfer Kanaans etwa, also der Phönizier und Punier, sind historisch belegt), postulierte das Judentum seinen lebensbejahenden Gott und dessen Entwurf von der Heiligkeit allen Lebens: »Ich habe Euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit Du das Leben erwählst« (5. Buch Moses 30,19).

Der Konflikt zwischen Kultur des Lebens und Kultur des Todes setzt sich fort bis in unsere Tage. Osama bin Laden definierte ihn in einer seiner berüchtigten Video-Botschaften: »Euch ist das Leben heilig; für uns ist es der Tod; ihr fürchtet ihn, wir sehnen uns nach ihm.« Diese Todessehnsucht ist aber auch in der modernen westlichen Kultur vorhanden; es ist noch nicht einmal ein volles Jahrhundert her, dass ganz Europa von einer nie zuvor gekannten flächendeckenden Kriegsbegeisterung erfasst wurde, die Sigmund Freud als »massenhafte Todessehnsucht« diagnostizierte.

Lebensheiligkeit Das Judentum dagegen erkennt von Anfang an einen Gott der Lebensheiligkeit an, mit dem ein Bund – hebräisch: Brit – des Lebens eingegangen wird. Nicht von ungefähr ist es gerade die Brit Mila, die den Nachwuchs beschützt. Sie sind Bnai Brit, Kinder des Bundes und damit Kinder Gottes, daher auch nicht mehr der väterlichen Gewalt und Willkür ausgesetzt, sondern mit dem Zeichen des Bundes dem Schutz Gottes unterstellt. Im heidnischen Rom dagegen wurde die Entscheidung über Leben und Tod innerhalb der Familie als Grundrecht des freien Römers praktiziert (»patria potestas vitae necisque«), was sich auch lange nach der Christianisierung Roms hartnäckig hielt.

Es kommt auch nicht von ungefähr, dass die Brit Mila am achten Tag des Lebens stattfindet: Der achte Tag steht nach dem Schöpfungsakt, der sieben Tage dauerte. Die Beschneidung signalisiert: Wir vollenden, was der Schöpfer uns vorgibt. Und wir fangen bei uns selbst an, ganz zu Beginn eines menschlichen Lebens. Ein kleiner Schnitt für den kleinen Menschen bedeutet einen Riesenschnitt für die riesige Menschheit. Gerade deswegen wird er wohl auch umso hartnäckiger bekämpft.

Grundrechte Chanukka ist unter unseren jüdischen Feiertagen derjenige, der exemplarisch für den Kulturkonflikt um Religionsfreiheit und das Menschenrecht auf unversehrtes Leben steht. Diese beiden Grundrechte ergänzen sich gegenseitig – alles andere als eine Selbstverständlichkeit für die Beschneidungsgegner unserer Tage, die hier zwei sich wechselseitig ausschließende Rechtsgüter sehen; und folgt man ihrer Argumentation, sollte die Religionsfreiheit weichen.

Wir stehen in dieser Auseinandersetzung in der Minderheit, heute wie damals. Doch: »Die wenigen setzten sich gegen die vielen durch, die Schwachen gegen die Starken«, daran erinnern wir im Gebet während der acht Chanukkatage. Mögen wir wie unsere Vorfahren auch heute als Minderheit bestehen. Acht Tage lang haben wir dazu die Gelegenheit. Acht Tage, nicht von ungefähr.

Der Autor ist Rabbiner der Budge-Stiftung in Frankfurt/Main.

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