Aufmarsch

Im Ausnahmezustand

Am Morgen des 19. Februar geht in Dresden nichts mehr. Die wichtigsten Hauptstraßen sind abgesperrt, die Innenstadt ist komplett leer. Wo Menschen sonst ihren Wochenendeinkauf machen, stehen Polizisten. Schwer bewaffnet bewachen die Beamten in dunkelgrüner oder schwarzer Uniform den Haupt- bahnhof und die vielen Brücken. Auf der Elbe patrouilliert sogar die Wasserschutzpolizei. Dresden erwartet an diesem kalten Februartag 4.000 Rechtsextreme und 20.000 Gegendemonstranten. Drei Aufmärsche haben die Neonazis angemeldet. Die Stadt hatte diese zunächst verboten und den Veranstaltern lediglich lokale Kundgebungen genehmigt – aus Sicherheitsgründen. Am Freitagnachmittag allerdings, einen Tag vor der Demonstration, hat das Dresdener Verwaltungsgericht entschieden: Die Rechtsextremen dürfen marschieren.

11:20 Uhr, Wiener Platz
Der junge Mann mit den rot-blauen Rastazöpfen blickt noch ganz erstaunt in den grauen Dresdener Himmel: Vor wenigen Augenblicken sind fünf Polizeihubschrauber knatternd über den kleinen Vorplatz geflogen und haben die Situation rund um den Hauptbahnhof aus der Luft beobachtet. Denn was sich unten zu beiden Seiten der Halle abspielt, gibt der Polizei Anlass zur Sorge. In südlicher Richtung stehen die Rechtsextremen. Gen Norden, nahe der Prager Straße, haben sich die Blockierer gesammelt: Dresdener und Zugereiste, die verhindern wollen, dass die Neonazis durch die Stadt ziehen.

Und das machen sie lautstark. Die Stimmung auf dem Wiener Platz ähnelt der eines Volksfests. Dicht an dicht stehen die zumeist jungen Leute. Es riecht nach warmer Suppe, eine Band spielt auf einer kleinen Anhöhe, die Besucher hüpfen mehr oder weniger im Takt zu Ska-Klängen.

Auch Anja und Gregor tanzen auf der Stelle. Sie trotzen der Eiseskälte mit heißem Tee aus ihrer Thermoskanne sowie mehreren Schichten bunter Pullover und Jacken. Beide wollen unbedingt einen Blick nach vorne erhaschen. Denn dort drängen gerade Claudia Roth und Volker Beck von den Grünen auf das kleine Podest, um rasch an ein Transparent zu kommen, auf dem »Dresden nazifrei« steht.

Die Anwesenheit der beiden Politiker macht im Publikum allerdings nicht überall Eindruck. Ein Vater steht mit seinem kleinen Sohn in Bühnennähe und brummelt vor sich hin: »Ob die da nun stehen oder nicht.« Aber Anja, die schon seit einer knappen Stunde auf dem Platz ist, findet es gut, dass Prominente die Bürger im Kampf gegen Rechts unterstützen. Die Studentin will auf jeden Fall noch weiterziehen. Wohin? »Wo auch immer wir gebraucht werden!« Auf jeden Fall, da ist sich auch Gregor sicher, in Richtung Nazi-Aufmarsch, »um denen zu zeigen, dass wir die hier nicht wollen«.

Dann klingelt ein Handy. Jemand schreit: »Ja, Wiener Platz, ja, hallo?« Es ist viel zu laut, um ein richtiges Gespräch zu führen. Sirenen, die sich mit Parolenfetzen mischen. Also, weiter geht’s.

11:50 Uhr, Bayrische Strasse
Die Trommeln von der anderen Seite des Bahnhofs sind kaum noch zu hören. Sonst ist es in der Bayrischen Straße still. Bedrohlich still. Bunte Pullover sucht man hier vergebens, von ausgelassener Stimmung keine Spur. Vor der grauen Rückseite des Gebäudes haben sich Hunderte Rechtsextreme versammelt. Sie bilden eine schwarze Masse. Fast alle Teilnehmer tragen Sonnenbrillen, obwohl dicke Schneewolken über Dresden hängen. Sie haben ihre Schals bis zur Nase hochgezogen und die Jackenkragen hochgeklappt, um unerkannt zu bleiben.

Junge Frauen, junge Männer, aber auch einige Ältere stehen sich, umringt von Polizisten, die Beine in den Bauch. Jemand trägt eine Reichskriegsflagge. Es brodelt mächtig. Die Blicke der Polizisten in Kampfmontur gehen hochkonzentriert hin und her. Ein herumrennender Mensch, jemand, der versucht auszubrechen, würde wohl genügen, um die aggressive Stimmung zum Explodieren zu bringen. Einige Passanten stehen in sicherer Entfernung und beobachten das düstere Szenario kopfschüttelnd. Plötzlich kommt Unruhe auf. Zehn Polizisten rennen zum Hintereingang des Bahnhofs. Weiter hinten rollt ein Wasserwerfer in Position.

Dann ist es wieder still. Aber nur für kurze Zeit, denn schon schallt »deutsch-sozial und national« – der Schlachtruf der Nazis – durch die kleine Straße. Ein Mann versucht tapfer, aber vergeblich, mit einer Rassel den rhythmischen Schreien etwas entgegenzusetzen. »Ihr seid Müll«, brüllt er. SPD-Politiker Wolfgang Thierse, der sich von hinten den Rechtsextremen nähert, blickt auf die Menschenmenge. »Wichtig ist, dass sie nicht ungestört demonstrieren können«, betont der Vizepräsident des Deutschen Bundestags im Vorbeigehen. Dann huscht er an den ratlosen Zuschauern vorbei, die auf die Rechtsextremen starren, als hätten sie Außerirdische vor sich.

12:30 Uhr, Kaitzer Strasse
Pauline sagt es im Brustton der Überzeugung: »Nazis sind scheiße, und sie müssen weg.« Die 26-jährige Hamburgerin sitzt mit ihrem Freund inmitten einer Blockade unweit des Bahnhofs. Vor 20 Minuten haben sie sich hier versammelt und wollen so lange bleiben, bis die Rechtsextremen, die immer noch in der Bayrischen Straße stehen, endlich aufgeben.

Die beiden sind nicht allein. Um sie herum rücken immer mehr Blockierer heran. Eine ältere Frau spielt Akkordeon. Es gibt Pizza aus der Brotbüchse und geschnittene Apfelstückchen. Die Sitzenden schützen sich mit Isodecken gegen die Kälte. Sie haben direkt vor einem Wasserwerfer Platz genommen, der vom Boden aus wie ein Hochhaus wirkt. »Warum beschützt ihr die?«, ruft einer den Polizisten zu und zeigt in Richtung Bahnhof. Alles, was er danach sagt, wird vom Lärm der kreisenden Hubschrauber verschluckt.

13:10 Uhr, Synagoge
Vor dem Sandsteinbau hat sich eine Handvoll Menschen zur Mahnwache versammelt. Sie sitzen auf Holzbänken, halten Kerzen in der Hand und trinken Tee. Eine Frau verteilt Pfannkuchen und Spritzgebäck. Aus den aufgestellten Boxen wummert Musik. Es ist Schabbat. Nur wenige Gemeindemitglieder sind gekommen. Die Mahnwache, die von der Dresdener CDU und FDP organisiert wird, wirkt verloren. Etwas unmotiviert sind bunte Luftballons mit den Parteilogos an das Geländer gebunden worden. »Wir wollen uns solidarisch mit den Juden zeigen und ein Zeichen setzen«, meint eine Frau.

Währenddessen setzt die Polizei in der Südvorstadt am Münchner Platz Wasserwerfer gegen etwa 1.000 Gegendemonstranten ein. Südlich des Bahnhofs brennen Müllcontainer.

14:00 Uhr, Hinter der Carolabrücke
Die Polizisten am Ende der Carolabrücke sind gereizt. Jede noch so kleine Frage wird von den Beamten, die an der Elbe hinter ihren Schutzschildern stehen, weggebrummt. Viel zu tun gibt es hier allerdings nicht. Im Regierungsviertel ist, von der kleinen Versammlung einmal abgesehen, nichts los. Vom Wagen, der mitten auf dem Carolaplatz steht, tönt mit tiefen Bässen »Born Slippy« der britischen Band Underworld. Eine friedliche Blockade, die aus der Ferne eher nach Party klingt. Junge Leute tanzen und machen sich, nachdem per Lautsprecheransage die Kundgebung für beendet erklärt wurde, auf in Richtung Hauptbahnhof. »Dort wollen wir uns der friedlichen Demonstration anschließen«, hatte eine Frau mit Megafon verkündet.

14:30 Uhr, Reichenbachstrasse/ Fritz-Löffler-strasse
An der Reichenbachstraße haben sich 300 linke Blockierer versammelt. »Keine Gewalt«, rufen sie. Unter die friedlichen Demonstranten mischen sich auch gewaltbereite Nazi-Gegner. Insgesamt sind es an die 500 Menschen, die sich im Neubaugebiet versammeln.

15:05 Uhr, Augustusbrücke
Langsam sammeln sich die gelben Straßenbahnen wieder hinter der Augustusbrücke. Die Prager Straße füllt sich mit Menschen, die den Nachmittag zum Schlendern nutzen wollen. Sogar die Polizisten wirken entspannter; einige genehmigen sich erst einmal einen Pfannkuchen. Ihre Kollegen in der Reichenbachstraße allerdings haben einiges zu tun. Linksautonome demolieren parkende Autos und reißen Pflastersteine aus dem Boden.

15:45 Uhr, Bahnhof Südseite
Wo sind die Nazis? Nur noch ein klägliches Häufchen steht hinter dem Bahnhof. Gerade hat ihr Versammlungsleiter bekannt gegeben, dass die Kundgebung, zu der es im Verlauf des Tages nicht gekommen ist, abgeblasen wird. Man wolle nach Leipzig fahren.

Aus dem Wohngebiet in der Reichenbachstraße dringt Musik. Kleine Grüppchen der Gegendemonstranten stehen vor den Polizisten, die noch immer die zusammengeschrumpfte Kundgebung schützen. Die Enttäuschung steht den Nazis ins Gesicht geschrieben. Selbst die Vermummung kann nicht verbergen, dass sie seit dem Vormittag auf der Stelle treten. Schweigend ziehen sie, begleitet von der Polizei, in das Bahnhofsgebäude, wo sich ihre Wut in Parolen entlädt. »Deutsch-sozial und national«, schreien sie immer wieder. Die Akustik in der Bahnhofshalle verleiht der kleinen Gruppe eine ungeheure Stärke.

Alle Geschäfte im Bereich der Gleise schließen ihre Türen. Wer raus möchte oder noch seinen Zug erwischen muss, hat »Pech gehabt«, wie ein Polizist einen Reisenden anschnauzt. Immer wieder dröhnt das Geschrei der Nazis durch den Bahnhof. Um 16.23 Uhr verlässt der Zug endlich Dresden in Richtung Leipzig. Die Rechtsextremen, die nicht mitfahren, verteilen sich nach und nach auf Cafés und Backstände in der Halle. Das lange Stehen hat hungrig gemacht. Ein Ehepaar, das ohne den schwarz-weiß-roten Schal in der friedlichen Blockade nicht aufgefallen wäre, bestellt sich eine Pizza. »Ein Glück, dass wir am vergangenen Sonntag schon marschiert sind«, sagt sie. Nächstes Jahr wollen beide wiederkommen, das sei ihre Pflicht als Deutschnationale. Dann tauchen sie in der Masse der Cafébesucher unter. Gute Dresdener Bürger.

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