Interview

»Ich sehe Deutschland als Vorreiter«

Ellen Germain ist die US-Beauftragte für Holocaust-Fragen Foto: Isaac D. Pacheco

Frau Germain, die Erinnerungskultur gehört zu den zentralen Themen, mit denen Sie sich beschäftigen. Wie Sie wissen, sind heute nur noch wenige Holocaust-Überlebende unter uns. Wie können die Stimmen der Zeitzeugen für zukünftige Generationen erhalten werden?
Wir führen viele Diskussionen darüber, wie wir Holocaust-Aufklärung und -Gedenken gestalten können, wenn der direkte Kontakt zu den Überlebenden nicht mehr möglich ist. Denn Forschung und Erfahrungsberichte zeigen, dass das Gespräch mit einem Überlebenden einer der besten, wenn nicht sogar der beste Weg für Schüler und Erwachsene ist, wirklich zu verstehen, was im Holocaust geschah – und es auch zu glauben, denn Holocaustleugnung ist leider ein ernstzunehmendes Problem. Ich habe viele interessante technologische Innovationen gesehen. Die USC Shoah Foundation führt ein virtuelles Überlebendenprojekt durch. Sie sammelt 40 bis 50 Stunden Interview-Material. Anschließend wird ein virtuelles Bild erstellt, mit dem man interagieren kann. Man kann Fragen stellen, und das Bild des Überlebenden, das Hologramm, antwortet. Denn die meisten Menschen stellen dieselben Fragen: Wann haben Sie Ihre Eltern zuletzt gesehen? Wie war es, als Sie im Ghetto lebten?

Von der anderen Seite des Atlantischen Ozeans blicken Sie auch nach Deutschland. Was sehen Sie in Bezug auf die Erinnerungskultur in der Bundesrepublik? Ist Deutschland an dieser Stelle ein Vorbild? Gibt es Defizite?
Ich sehe Deutschland definitiv als Vorreiter und insbesondere in den letzten Jahrzehnten als Vorbild. Deutschland hat es sich wirklich zur politischen Priorität gemacht, über den Holocaust aufzuklären, seiner Opfer zu gedenken und die Verantwortung dafür anzuerkennen. Als ich drei Jahre lang als Leiterin des US-Generalkonsulats in Krakau gearbeitet habe, war der deutsche Generalkonsul einer der Kollegen, mit denen ich am engsten zusammengearbeitet habe. Und er nahm an jeder einzelnen Gedenkveranstaltung teil. Ich war sehr beeindruckt davon, wie fast jede Rede damit begann, dass Deutschland seine Verantwortung für den Holocaust anerkennt. Das heißt, ich habe gesehen, dass die Bundesrepublik der Holocaust-Aufklärung und dem Gedenken wirklich höchste Priorität einräumt.

Holocaust-Bildung kann Antisemitismus eindämmen. Aber funktioniert sie in unseren beiden Ländern, den USA und Deutschland, tatsächlich? Welche Schritte müssen unternommen werden, um sicherzustellen, dass ausreichend Holocaust-Bildung stattfindet?
Holocaust-Bildung ist notwendig, aber nicht ausreichend, um Antisemitismus zu bekämpfen oder einzudämmen. Sie ist definitiv ein wichtiges Instrument im Kampf gegen Antisemitismus, aber sie ist nicht genug. Sie kann es nicht allein schaffen. Und das war in den letzten Jahren, insbesondere natürlich seit dem 7. Oktober, ein Thema, das ich mit jedem Pädagogen und an jeder Schule oder Universität, die ich besucht habe, besprochen habe: Wie können wir es besser machen? Wie können wir die Holocaust-Bildung verbessern? Denn sie kann immer verbessert werden. Was wird sonst noch gebraucht, um Antisemitismus zu bekämpfen?

Ein weiteres Problem, mit dem Sie sich beschäftigen, ist Geschichtsverfälschung in Zusammenhang mit dem Holocaust. Leugnung ist weit verbreitet. In diesem Fall scheinen die deutschen Gesetze deutlich strenger zu sein als die amerikanischen. Wenn es etwa um Holocaustleugnung oder Volksverhetzung geht, hat die Meinungsfreiheit hier klare Grenzen. Bei Ihnen in Amerika ist es etwas anders.
Die amerikanische Regierung unterstützt keine rechtlichen Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Wir können und sollten Holocaustleugnung jedoch verurteilen. Es ist enorm wichtig, sich gegen die Versuche der Geschichtsverfälschung auszusprechen. Wir sagen auch oft, dass einer der besten Wege, Hassrede oder hasserfüllte Veröffentlichungen zu bekämpfen, mehr Rede ist – Rede, die die Wahrheit sagt. Die große Herausforderung besteht darin, diese Botschaft so weit zu verbreiten, dass sie die Leugnung und Verzerrung vielleicht überwindet.

Restitution ist ebenfalls ein großes Themenfeld in Ihrem Zuständigkeitsbereich. Wie Sie wissen, ist seit 1945 viel passiert. Deutschland hat 87 Milliarden Dollar (73 Milliarden Euro) an Wiedergutmachung und Entschädigungen gezahlt. Was bleibt noch zu tun?
Mein Büro befasst sich nicht mit Einzelfällen, sondern damit, Regierungen zu ermutigen, das Richtige in Sachen Wiedergutmachung zu tun. Deutschland hat sich das wirklich zu Herzen genommen und sehr viel getan, um Überlebende zu unterstützen. Es gibt andere europäische Länder, die nicht alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um Prozesse einzurichten oder Gesetze zu verabschieden, die es Einzelpersonen oder jüdischen Gemeinden ermöglichen würden, Ansprüche geltend zu machen. Es gibt also noch einige Probleme. Insbesondere Polen ist das einzige EU-Land, das keine umfassende nationale Gesetzgebung zur Restitution von Privateigentum aus der Holocaust-Ära hat.

Wie nehmen die Vereinigten Staaten Einfluss auf die Restitution?
Wir können unsere diplomatischen Mittel einsetzen, uns für die Restitution einsetzen und darauf hinweisen, dass dies ein Wert ist, den die Vereinigten Staaten und die europäischen Länder teilen: die Gewährleistung eines gewissen Maßes an Gerechtigkeit für Holocaust-Überlebende und ihre Erben. Dies ist einer der Punkte, über die Präsident Trump und Außenminister Rubio in Zusammenhang mit dem zivilisatorischen Bündnis zwischen den Vereinigten Staaten und Europa gesprochen haben. Die Anerkennung des Holocaust und die Bemühungen um etwas Gerechtigkeit für die Überlebenden sind Teil unserer gemeinsamen Werte.

Ein Teil dieser Bemühungen wird der Rückgabe von geplündertem und beschlagnahmtem Eigentum gewidmet – einschließlich Kunst. Wir alle haben den Film Woman in Gold gesehen. Aber wie sieht es in diesem Bereich generell aus?
Tatsächlich haben wir in meinem Büro in den letzten Jahren viel daran gearbeitet. Im Jahr 2024 war der 25. Jahrestag der Unterzeichnung der Washingtoner Prinzipien zu Raubkunst. Zu diesem Anlass haben wir, die Vereinigten Staaten, zusammen mit Großbritannien und der Claims Conference eine Gruppe von Ländern bei der Erstellung von Best Practices für die Washingtoner Prinzipien angeführt. Dieses Dokument legte eine Reihe von Regeln für die Umsetzung fest. Ziel war es, erneut ins Rampenlicht zu rücken, dass es wahrscheinlich immer noch Hunderttausende von Kunstwerken und anderen Kulturgütern gibt – Bücher, Judaica, Schmuck –, die nicht zurückgegeben wurden. Wie Sie andeuteten, sind die meisten davon nicht von Gustav Klimt. Es sind beispielsweise Gemälde des Urgroßvaters, gemalt von lokalen Künstlern. Aber sie sind für Familien von großer Bedeutung. Deshalb haben wir die besten Vorgehensweisen erarbeitet. Sie wurden vor fast zwei Jahren hier in Washington vorgestellt. Und 35 Länder haben sie unterstützt und übernommen.

Wie ist das Echo?
Ich habe mit Museen und anderen Organisationen darüber gesprochen, zum Beispiel in Großbritannien. Ich sprach mit Kuratoren, und sie sagten, es sei sehr hilfreich und wichtig, ein solches internationales Dokument zu haben. Ein neues Dokument, damit sie darauf verweisen können, um ihrem Kuratorium zu erklären, warum Provenienzforschung, die Geschichte des Kunstwerks, so wichtig ist. Es ist entscheidend, sicherzustellen, dass ein Gemälde rechtmäßig gekauft und verkauft wurde. Und der Verweis auf dieses Dokument, das erste internationale Dokument zur Restitution von Holocaust-Opfern seit 15 Jahren, gab ihnen etwas Greifbares, um ihre Argumentation zu untermauern.

Welche sind die wichtigsten Projekte in diesem Jahr?
Wir werden uns weiterhin verstärkt mit der Restitution befassen. Ein weiteres großes Projekt ist der deutsch-amerikanische Dialog zu Holocaust-Themen. Unsere beiden Länder arbeiten zusammen, um bewährte Verfahren und Empfehlungen zu entwickeln, die wir mit anderen teilen möchten, um die Holocaust-Aufklärung, das Gedenken und die Bekämpfung von Verzerrung und Leugnung zu verbessern. Ein Projekt, das weiterläuft und auf das wir sehr stolz sind, ist das Modul zu ethischer Entscheidungsfindung, das seit drei Jahren am Marshall Center in Garmisch-Partenkirchen angeboten wird. Es wurde vom United States Holocaust Memorial Museum und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin entwickelt.

Ellen Germain ist seit August 2021 Sondergesandte der USA für Holocaustfragen und gehört dem Senior Foreign Service an. Zuvor war sie unter anderem stellvertretende Missionschefin an der US-Botschaft in Sarajevo sowie Leiterin des US-Generalkonsulats in Krakau. Weitere Stationen führten sie nach Bagdad, New York, Tel Aviv, London und Moskau.

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