Religionsprojekt

»Ich bin sehr froh«

Ahmad Mansour Foto: Gregor Zielke

Herr Mansour, das Auswärtige Amt hatte drei Berater in sein Team »Religion und Außenpolitik« aufgenommen: einen Rabbiner in spe, einen evangelischen Theologen und die Muslimin Nurhan Soykan. Nun lässt das Auswärtige Amt das Religionsprojekt ruhen. Sie haben Soykans Ernennung zuvor kritisiert. Warum?
Sie ist Vizechefin des Zentralrats der Muslime, in dem unter anderen auch die Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa (ATIB) Mitglied ist. Dieser große Verband wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz wegen seiner Nähe zur rechtsextremen Bewegung der türkisch-nationalistischen Grauen Wölfe beobachtet. Das weiß der Zentralrat der Muslime, und trotzdem hat er sich bisher nicht vom Verband distanziert.

Was halten Sie generell von dem Projekt?
Ich finde die Idee gut. Aber wenn man drei Religionen einlädt, warum einen Verbandsvertreter für die muslimische Seite? Warum immer wieder umstrittene Persönlichkeiten, die kaum Distanz zu legalistischem Islamismus und Antisemitismus haben? Wir haben vier Millionen Muslime in diesem Land, gesetzestreue Muslime, Islamwissenschaftler und Theologen. Warum wird das Gespräch mit fragwürdigen Personen gesucht?

Wie ist Ihre Antwort?
Erstens Naivität. Zweitens will man dem Islam gerne kirchliche Strukturen aufzwingen, weil das bequem ist. Drittens glaube ich mittlerweile, dass es eine gewisse Absicht gibt, genau diese Art von Muslimen zu bestärken. Das bedeutet, dass diese Gesellschaft kein wirkliches Interesse hat, solidarisch zu sein gegen Radikalisierung, Terror und Hass. Sondern es ist eine Pflichtübung, und man denkt das Problem nicht zu Ende. Auch nach dem Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz konnte man Zusammenarbeit mit den falschen Partnern beobachten.

Frau Soykan sagte 2014 in einem Interview, sie distanziere sich von Gewalt am Al-Quds-Tag, aber man müsse jungen Leuten auch einmal die Gelegenheit geben, ihren Ärger zu zeigen …
Man sieht: Solche Strukturen sind unfähig, Extremismus zu bekämpfen. Nein, sie schaffen sogar Extremismus und bereiten den Weg dafür. Wir tun zu wenig, wenn wir uns nur auf die Gewaltebene konzentrieren. Das ist beim Prozess der Radikalisierung nur die Spitze des Eisbergs.

Das Auswärtige Amt hat am Mittwoch erklärt, es nehme die Kritik an Soykans Ernennung zur Beraterin »sehr ernst« und lasse das Religionsprojekt ruhen. Zuvor hatten Vertreter verschiedener Parteien und der Liberal-Islamische Bund die Personalie scharf kritisiert. Was ist Ihre Reaktion auf die Entscheidung des Auswärtigen Amtes?
Ich bin sehr überrascht und gleichzeitig sehr froh, dass wir mit demokratischem Druck und dem Öffentlichmachen unserer Einwände Leute im Auswärtigen Amt dazu bewegt haben, zweimal nachzudenken und sich umzuentscheiden.

Hoffen Sie jetzt, dass das interreligiöse Projekt im Auswärtigen Amt weitergeht, aber mit anderen Vertretern?
Absolut. Ich finde es an sich großartig, aber bitte mit demokratischen Kräften. Alle Religionen sollen miteinander ins Gespräch kommen, aber außerhalb von extremistischen oder radikalen Verbandsstrukturen.

Muss interreligiöser Dialog sonst scheitern?
Das ist ein generelles Problem, und damit meine ich auch die jüdische Seite. Man hängt oft die Erwartungen zu tief und versichert sich gegenseitig, wie lieb man sich hat. Aber ein wirklicher interreligiöser Dialog spricht gerade die Unterschiede und die emotional aufgeladenen Fragen an. Man muss sich sehr genau überlegen, wem man einen Koscherstempel gibt. Es gibt hier genug friedliche Muslime, die den Muslimbrüdern oder dem Islamismus nicht nahestehen oder Antisemitismus legitimieren.

Mit dem Islam- und Antisemitismusexperten sprach Ayala Goldmann.

Teheran

Trotz Angriffen: Iran mobilisiert zu Al‑Kuds‑Protesten

Zum Ende des Fastenmonats Ramadan findet im Iran immer eine staatlich-inszenierte Großdemonstration gegen Israel statt. Die Führung rief die Bevölkerung auf, es dem »Feind« zu zeigen

 13.03.2026

Andenes

Kanzler Merz sieht keinen Anlass für Militäreinsatz in Straße von Hormus

Der französische Präsident treibt die Idee eines Militäreinsatzes zum Schutz von Öltankern und Handelsschiffen in der Straße von Hormus voran. Kanzler Merz ist da deutlich zurückhaltender

 13.03.2026

Washington D.C.

»Schaut mal, was heute mit diesen geistesgestörten Drecksäcken passiert«

»Wir verfügen über beispiellose Feuerkraft, unbegrenzte Munition und viel Zeit«, schreibt der amerikanische Präsident auf seiner Plattform Truth Social

 13.03.2026

Maskat

Bericht: Tote und Verletzte durch Drohne im Oman

Woher die Drohnen kamen, war zunächst nicht bekannt. Trotz Vermittlungsbemühungen wurde der Oman mehrfach zum Ziel iranischer Angriffe

 13.03.2026

Meinung

Iran: Der Verrat des Westens

Die Islamische Republik ist angeschlagen, doch ihre Unterstützer im Westen sind nach wie vor aktiv

von Jacques Abramowicz  13.03.2026

Paris

Nationaler Widerstandsrat will Übergangsregierung im Iran stellen

Die Gruppe exilierter Iraner will nach dem Sturz der Mullahs innerhalb von sechs Monaten Wahlen durchführen. Der Widerstandsrat ist jedoch höchst umstritten

 13.03.2026

Nahost

US-Tankflugzeug bei Einsatz im Irak abgestürzt

Vier der fünf Crew-Mitglieder starben

 13.03.2026

Incirlik

Iranische Rakete auf NATO-Stützpunkt in der Türkei abgefeuert

Als Reaktion auf die wachsende Bedrohung verstärkt die Allianz ihre Luftverteidigung in der Region. Ankara droht derweil dem Regime in Teheran

 13.03.2026

Analyse

Der strategische Fehler Teherans – und die Chance auf eine neue Ordnung im Nahen Osten

Wie der Krieg gegen das iranische Regime die Machtverhältnisse der Region dauerhaft verändern könnte

von Sacha Stawski  13.03.2026