Soziale Medien

Historiker: Geschichte von tanzendem Mädchen in KZ frei erfunden

Fake: Dieses Foto soll eine historische Aufnahme eines tanzenden Mädchens im Vernichtungslager Sobibor zeigen, doch es ist KI-generiert Foto: Screenshot

Gefälschte Erzählungen und KI-generierte Bilder mit geschichtlichen Inhalten fluten regelmäßig die sozialen Netzwerke. So kursieren etwa im Herbst 2025 Darstellungen eines vermeintlichen 15-jährigen Roma-Mädchens, das während der Zeit des Holocaust im deutschen Vernichtungslager Sobibor auf dem Weg zu den Gaskammern angeblich getanzt haben soll. »Ihr Kleid war zerrissen. Ihre Füße waren aufgeschnitten und bluteten«, heißt es etwa auf Facebook. Doch bei der Geschichte ist Skepsis vonnöten.

Bewertung

Für die Geschichte zu dem KI-generierten Bild gibt es keine Beweise. Die wenigen erhaltenen Berichte über die Ereignisse in Sobibor erwähnen diese Story nicht. Mehrere Experten bezeichnen sie als »höchst unwahrscheinlich« und »völlig erfunden«.

Fakten

Sobibor ist ein kleines Dorf im Osten Polens, nahe der heutigen ukrainischen und belarussischen Grenze. Das dort während des Zweiten Weltkriegs von den deutschen Besatzern gebaute Vernichtungslager wurde zum Schauplatz einer der grausamsten Episoden des Holocaust. In den 18 Monaten zwischen April 1942 und Oktober 1943 wurden mindestens 167.000 Menschen von der deutschen SS ermordet, die genaue Zahl ist unbekannt.

Das Lager war darauf ausgerichtet, die ankommenden Jüdinnen und Juden so schnell wie möglich zu vernichten. Die Menschen wurden beinah unmittelbar nach ihrer Ankunft entkleidet und in die Gaskammern geführt. Nur sehr wenige Gefangene entgingen dem unmittelbaren Tod, wenn sie zur Zwangsarbeit eingeteilt wurden.

Nach dem erfolgreichen Aufstand einer Gruppe von Gefangenen befahl die SS im Oktober 1943 die Zerstörung des gesamten Lagers und die Auslöschung aller Spuren der Gräueltaten.

Dadurch wurde die Überlieferung der historischen Fakten aus Sobibor erschwert. Nur ungefähr 50 Menschen haben das Grauen überstanden und konnten davon berichten. Der letzte bekannte Überlebende von Sobibor starb 2019.

Die nun in sozialen Netzwerken verbreitete Geschichte der tanzenden, jungen Romni beruht nach Expertenangaben nicht auf historischer Überlieferung. Es gibt es mehrere Hinweise dafür, dass die Erzählung erfunden ist.

Das KI-generierte Bild

Die vermeintliche Aufnahme wurde ganz offensichtlich mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt. Die Darstellung hat einen für KI-Produktionen typischen matten Schimmer.

Das Gebäude im Hintergrund des KI-Bildes hat zudem keine Ähnlichkeit zu den Häusern auf den nur wenigen überlieferten historischen Fotos von Sobibor.

Dieselbe Geschichte erscheint auch mit anderen KI-Bildversionen (hierhierhier oder hier), doch die Umgebung, die umstehenden Personen und das Mädchen selbst sehen jeweils anders aus.

Experten widersprechen Ungereimtheiten in der Erzählung

Die Story selbst passt nicht zu den historischen Tatsachen, allen voran die Darstellung des Mädchens. Angeblich war es mit einem zerrissenen Kleid auf dem Weg in die Gaskammern, auch die anderen Insassen trugen vermeintlich Kleidung. Das ist jedoch unglaubwürdig, da die Gefangenen bei ihrer Hinrichtung stets nackt waren.

Bernolf Kramer von der niederländischen Sobibor-Stiftung erklärt auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa), dass die Deportierten nach ihrer Ankunft direkt von der Rampe ins Lager II gebracht worden seien. »Nach einer kurzen Ansprache der SS, in der ihnen mitgeteilt wurde, dass sie arbeiten müssten, aber vorher duschen sollten, mussten sie all ihre Habseligkeiten abgeben und sich ausziehen«, so der Experte.

Männer und Frauen seien getrennt zu den Gaskammern getrieben worden. »Hätte jemand angefangen zu tanzen, wäre dieser Deportierte vermutlich sofort erschossen oder verprügelt worden. Das wäre vermutlich in einer Zeugenaussage vermerkt worden - was aber nicht geschah«, sagt Kramer.

Ihm zufolge gibt es keine Überlieferung, die der Darstellung des tanzenden Mädchens in sozialen Medien auch nur annähernd ähnelt. Der Experte bezeichnet die Geschichte als »völlig erfunden«.

Waren Roma in Sobibor?

Es ist nicht endgültig belegt, ob in Sobibor auch Roma getötet wurden oder nicht. Im Standardwerk »Sobibor Extermination Camp 1942-1943« heißt es, dass nur sehr wenige Informationen über die (mögliche) Deportation dieser Gruppe der Verfolgten nach Sobibor vorliegen.

Schätzungsweise starben 250.000 bis 500.000 Roma während des gesamten Holocaust.

Das dpa-Faktencheck-Team hat beim niederländischen Niod-Institut für Kriegs-, Holocaust- und Genozidstudien nachgefragt. Vier seiner Experten kannten keine Geschichte von einem tanzenden Mädchen und bezeichneten diese als »höchst unwahrscheinlich«.

Niod verwaltet auch Interviewaufnahmen des Niederländers Jules Schelvis, der selbst sieben verschiedene Konzentrations- und Vernichtungslager überlebte und mit weiteren Holocaust-Überlebenden sprach. Ihm ist größtenteils das heutige Wissen über Sobibor zu verdanken. Niod zufolge wird die Geschichte des Mädchens in keiner seiner Aufnahmen erwähnt. Die Interviews können vollständig auf der Website »sobiborinterviews.nl« angesehen werden.

Finanzieller Gewinn

Die Geschichte reiht sich in einen Trend erfundener Holocaust-Geschichten ein, über den die dpa bereits berichtet hat (hier und hier). Bestimmte Seiten nutzen KI, um Falschmeldungen zu erfinden und damit über Klicks und Interaktionen etwa auf Facebook Einnahmen zu generieren.

Der Europäischen Beobachtungsstelle für digitale Medien (Edmo) zufolge wurden 2024 im Rahmen dieses Programms zwei Milliarden US-Dollar an Content-Ersteller ausgezahlt. Historiker bezeichnen diesen Trend als »höchst problematisch« und »besorgniserregend«. dpa

Niederländische Sobibor-Stiftung über Lager (archiviert)

Niederländische Sobibor-Stiftung über Schelvis (archiviert)

Deutsches Historisches Museum über Sobibor (archiviert)

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas über Sobibor (archiviert)

»New York Times« über letzten Sobibor-Überlebenden (archiviert)

US Holocaust Memorial Museum mit historischen Fotos von Sobibor (archiviert)

US Holocaust Memorial Museum über Roma-Opfer während Holocaust (archiviert)

US Holocaust Memorial Museum über Ankunft der Gefangenen in Sobibor (archiviert)

»Washington Post«-Artikel mit historischen Sobibor-Fotos (archiviert)

weitere KI-Bilder mit Fake-Story: hier (archiviert), hier (archiviert), hier (archiviert) oder hier (archiviert)

Lagerplan Sobibor (archiviert)

Buch »Sobibor Extermination Camp 1942–1943« (archiviert)

Niod-Institut über sich selbst (archiviert)

Niod-Institut über Schelvis-Interviews (archiviert)

Video der Schelvis-Interviews

dpa-Faktenchecks zu Holocaust-KI-Fakes: hier und hier

Edmo-Artikel über KI-generierte Holocaust-Bilder (archiviert)

Facebook-Post mit Falschbehauptung und KI-Inhalt (archiviert)

Berlin

Israel-Kurs: Streit in der SPD eskaliert

Adis Ahmetović, der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, kritisiert Außenminister Wadephul, weil dieser Sanktionen gegen Israel ablehnt. Das sorgt für Ärger in der Partei

 24.04.2026

Antisemitismus im Alltag

Angefeindet wegen einer Kippa

Zwei Studenten der JSUD werden in Berlin-Mitte angefeindet – weil sie Kippa tragen. Viele Jüdinnen und Juden verstecken aus Angst ihre religiöse Identität

von Jan Feldmann  24.04.2026

Bündnis-Streit

Spanien reagiert auf Bericht über mögliche Nato-Suspendierung

Planen die USA Maßnahmen gegen »schwierige« Nato-Partner? Madrid jedenfalls betont nun die Zusammenarbeit mit Bündnispartnern

 24.04.2026

Fördergeldaffäre

»Evident rechtswidrig«

Kein einziges der 13 vom Berliner Senat mit staatlichen Zuschüssen bedachten Projekte gegen Antisemitismus sei »bescheidungsreif« gewesen, so der Prüfbericht des Rechnungshofes. Die Hintergründe

von Michael Thaidigsmann  24.04.2026

London/Washington

Giuffres Vermächtnis: Epstein-Opfer warten auf Gerechtigkeit

Ihre Berichte brachten den Skandal um Epstein vor Jahren ins Rollen. Doch nach wie vor kämpfen die Opfer des Sexualstraftäters um Gerechtigkeit. Bleibt ihr Kampf am Ende vergeblich?

von Patricia Bartos  24.04.2026

Österreich

Neuer Höchststand an antisemitischen Vorfällen

Seit Beginn des Gaza-Kriegs haben die Anfeindungen stark zugenommen. Der Konflikt droht auch den ESC in Wien zu überschatten. Warum sich die jüdische Gemeinde dennoch auf den ESC freut

 24.04.2026

Berlin

Wegner entlässt Berliner Kultursenatorin Wedl-Wilson

Nach dem die Vergabe von Fördergeldern gegen Antisemitismus als rechtswidrig gerügt wurde, hat Kultursenatorin Wedl-Wilson ein Rücktrittsgesuch eingereicht

 24.04.2026

USA

18-Jährige wollte Anschlag auf Synagoge in Houston verüben

Angelina Han Hicks aus Lexington (North Carolina) befindet sich in Gewahrsam. Der Vorwurf gegen sie: Verschwörung zur Planung eines Massenangriffs auf die Gemeinde Beth Israel

 24.04.2026

Jerusalem

Katz: Israel zu neuer Offensive gegen Iran bereit

Die Armee warte auf grünes Licht aus Washington, sagt der Verteidigungsminister. Die Streitkräfte seien sowohl für Verteidigung als auch für Angriffe vorbereitet. Sämtliche Ziele seien bereits markiert

 24.04.2026