Halle-Attentat

Hass auf Juden

Blick in den Saal C24 im Landgericht Magdeburg Foto: picture alliance/dpa

Um kurz vor zwölf am vergangenen Dienstag herrscht gespannte Stille im Saal C24 im Landgericht Magdeburg. Hier wird in wenigen Minuten und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen der Prozess gegen den Attentäter von Halle beginnen. Es ist voll im Saal: In drei Reihen sitzen die Nebenkläger und ihre Anwälte der Anklagebank gegenüber, zahlreiche Pressevertreter sind angereist. Kameras klicken, als der Angeklagte, gefesselt an Händen und Füßen, von vermummten Beamten der Justiz hereingebracht wird.

»Als der Täter in den Gerichtsaal geführt wurde, hat mich das mehr mitgenommen, als ich dachte«, sagt Christina Feist. Die 29-jährige Doktorandin hat den Anschlag in der Synagoge erlebt und sich der Nebenklage angeschlossen, 43 Nebenkläger sind es insgesamt. Sie sieht das auch als Teil ihrer Therapie: »Ich habe das Bedürfnis, dieses Trauma, dieses Kapitel bis zum Ende durchzumachen, und dieses Ende ist vorerst einmal das Prozessende.« Sie wird im Laufe des Prozesses auch aussagen.

Nicht im Saal ist dagegen der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, der zwar Nebenkläger ist, aber dem Prozess nicht beiwohnen will – es sei denn, er wird als Zeuge geladen. »Keine Zeit und keine Lust. Ich möchte ihm nicht in die Augen schauen. Außer pathologischem Antisemitismus und Hass werde ich dort nichts sehen«, sagte er dieser Zeitung.

MOTIV Zunächst trägt Bundesanwalt Kai Lohse die Anklageschrift vor. Vorgeworfen werden dem Angeklagten zweifacher Mord und versuchter Mord an 68 Personen, dazu weitere Straftaten von räuberischer Erpressung bis gefährliche Körperverletzung. Immer wieder betont der Bundesanwalt das antisemitische, rassistische und fremdenfeindliche Motiv hinter der Tat.

Dann hat der Angeklagte selbst das Wort. Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens stellt zahlreiche Fragen, ist sichtbar bestrebt, ihn nicht monologisieren zu lassen, unterbricht ihn immer wieder, um seine menschenverachtenden und hasserfüllten Äußerungen nicht unwidersprochen im Raum stehen zu lassen, ermahnt ihn, dass sie Hetze nicht dulden werde.

Die Aussage des Angeklagten hat wenig Überraschendes zu bieten. Sie gibt Einblick in das Geistesleben des zum Tatzeitpunkt 28-Jährigen, der bei seiner Mutter lebte, weder Beruf noch Freunde hatte und sich im Internet radikalisierte. Der jeden hasst, der anders ist als er: Muslime, Juden, Frauen und Menschen mit anderer Hautfarbe. Der Verschwörungstheorien anhängt und in den Juden die Wurzel aller Probleme sieht. Deshalb habe er sich auch für ein Attentat auf eine Synagoge und nicht auf eine Moschee entschieden.

VORBILD Die Tat selbst gibt er zu, äußert sich umfänglich, versucht, den Ablauf im Plauderton zu schildern, lacht immer wieder über das Erzählte. Was er sagt, ist schwer erträglich: Er habe so viele Juden wie möglich töten wollen, deshalb habe er an Jom Kippur versucht, in die Synagoge einzudringen. Als das misslang, tötete er erst die Passantin Jana L. und später in einem Döner-Imbiss Kevin S., bei seiner Flucht vor der Polizei verletzte er weitere Menschen. Lediglich den Umstand, dass er, wie er sagt, »Weiße« getötet und verletzt habe, bedauert er.

Der Beschuldigte behauptet, er habe die Tat alleine geplant und umgesetzt. Gleichzeitig gibt er zu, ein Vorbild gehabt zu haben: Zur Tat entschlossen habe er sich nach dem Attentat in Christchurch im März 2019, bei dem ein Terrorist in zwei Moscheen 51 Menschen erschoss. Und auch er wollte als Vorbild dienen, weshalb er seine Taten live im Internet streamte.

In den Augen der Nebenkläger sind viele Fragen ungeklärt.

Obwohl der Angeklagte an diesem ersten Prozesstag stundenlang Angaben macht, sind in den Augen der Nebenkläger noch viele Fragen ungeklärt – vor allem, inwiefern er tatsächlich alleine gehandelt und wie genau er sich radikalisiert hat. »Es ist so ein bisschen darüber hinweggegangen worden, was er eigentlich im Internet getrieben hat«, sagt Onur Özata, der als Anwalt einige Nebenkläger vertritt. »Er hat sich in den letzten Jahren sehr intensiv in der Gaming-Szene bewegt. Da müssen wir schauen, mit wem er Kontakt hatte, was er für Inhalte ausgetauscht hat und ob da auch Einfluss genommen wurde auf seine Tat.«

Der Zentralrat der Juden in Deutschland fordert, die Hintergründe der Tat »gründlich und lückenlos« aufzuarbeiten. Zentralratspräsident Josef Schuster erklärte am Dienstag: »Ebenso muss der Frage nachgegangen werden, ob der Attentäter Unterstützer hatte und in rechte Netzwerke eingebunden war.« Der Zentralrat ist als Prozessbeobachter in Magdeburg vertreten.

IDEOLOGIE Nach diesem langen Tag sind einige der Nebenkläger noch zur Kundgebung gegenüber dem Landgericht gekommen. Hier haben verschiedene Gruppen eine Solidaritätsveranstaltung organisiert, die bereits den ganzen Tag dauert. »All diese Unterstützung bewegt mich sehr«, sagt Rebecca Blady. Die Amerikanerin, die in Berlin lebt, hat den Anschlag ebenfalls in der Synagoge durchlitten. Heute war ein schwieriger Tag, sagt sie. Es habe ihr aber »eine Art Abschluss« gegeben, den Mann zu sehen, »der diese schrecklichen Taten begangen hat«. Und: »Er ist nicht verrückt. Er sagt, was er denkt. Und was er denkt, tötet Menschen. Und dafür ist kein Platz in der Gesellschaft.« Blady möchte wie viele der Nebenkläger, dass die deutsche Gesellschaft Antworten findet auf diese Tat.

Und auch Christina Feist ist wütend, dass so etwas in Deutschland möglich war. »Es geht hier nicht um mich als Einzelperson, es geht nicht nur um uns, die wir in der Synagoge waren«, sagt sie. Es gehe um Antisemitismus und um rechte Ideologien, die tief in der deutschen Gesellschaft verankert seien. »Das ist so ein Thema, darüber will keiner sprechen, die Regierung, aber auch ein guter Teil der Bevölkerung will sich dieser Sache nicht stellen. Und ich habe tatsächlich die Hoffnung, dass dieser Prozess dazu führt, dass die Leute aufgerüttelt werden.«

In eigener Sache

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