Grundwerte

Hart an der Grenze

Woher bläst der populistische Wind? Wer sein Handeln nach dieser Frage ausrichtet, ignoriert die Ängste von Minderheiten. Foto: fotolia

Der Mann kann es einfach nicht lassen. Die Tinte auf dem Papier, mit dem er den Ausschluss aus der SPD abwenden konnte, war noch nicht getrocknet, da zeigte Thilo Sarrazin den Ober- und Untergenossen, was ein Haken ist. In zwei Sätzen machte er sich vor wenigen Tagen über eine von der Parteiführung geplante 15-Prozent-Quote für Zuwanderer lustig: »Der Verstand kommt und geht ja nicht damit, dass man Migrant ist.« Und: »Je migrantischer diese Leute eingestellt sind, desto weniger neigen sie dazu, Probleme oder Schwierigkeiten objektiv zu sehen.« Kein Zweifel, der Bestsellerautor versteht es zu polarisieren.

Dabei hatten sich die SPD-Verantwortlichen der Hoffnung hingegeben, den Provokateur eingefangen zu haben. »Wir haben uns verständigt, uns nicht auseinanderdividieren zu lassen, auch nicht durch Druck von außen«, lautete unter anderem die Begründung für den Verbleib Sarrazins in der Partei. Wir? Von außen? Auseinanderdividieren? Plötzlich war es nicht mehr der ehemalige Bundesbanker, der Menschen gegeneinander aufbringt, sondern die Gefahr lauerte von »außen«. Man wolle die Entscheidung auch nicht »zerreden lassen«, hieß es. Eine derartig durchschaubare Burgfriedensrhetorik konnte nicht folgenlos bleiben. Einer der »Zerreder«, Sergey Lagodinsky, Gründer des Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokraten, trat aus der Partei aus. Wie er sind viele Migranten enttäuscht, ja empört vom Umgang mit Sarrazin.

Stimmen, Stimmungen Diese plötzliche Kompatibilität von Sarrazins Gedankengut mit einer Mitgliedschaft in der SPD lässt sich im Nachhinein nur durch anstehende Wahlkämpfe erklären: Dessen krude Thesen finden bei vielen Deutschen – und einigen Migranten – sehr wohl Zustimmmung, auch bei Sozialdemokraten. Somit scheint das Schielen auf vermeintliche Befindlichkeiten in der Wählerschaft und die Angst um Stimmverluste den Strategen im Willy-Brandt-Haus allemal wichtiger als die Rücksichtnahme auf Bedürfnisse und Ängste von Minderheiten in diesem Land. Dass Sarrazin viele Menschen aufs Tiefste verletzt und gedemütigt hat, wird dabei ignoriert.

Es stellt sich die beklemmende Frage: Wie kann man künftig den Bekenntnissen zu Toleranz Glauben schenken, wenn Demoskopie offenkundig als wichtiger erachtet wird als das Eintreten für die eigenen Grundwerte? Gerade als Juden sollten wir wissen, wie wichtig es ist, dass sich politische Führung mit rassistisch Angegriffenen solidarisch zeigt – auch wenn dies auf der Straße möglicherweise schlecht ankommt. Schließlich sind antijüdische und antiisraelische Stimmungen in der Bevölkerung weit verbreitet. Doch damit darf keine Politik gemacht werden! Meinungsmache auf Stammtischniveau gilt es zu misstrauen. Das ist der grundfalsche Ansatz, Toleranzgrenzen auszuhandeln.

ungestraft Dabei wäre der Rückgriff auf klare Haltungen gerade jetzt wichtig gewesen. In Finnland konnte eine Partei mit einer Mischung aus Sozialstaatsrhetorik und fremdenfeindlichen Abwehrreflexen beim Wähler punkten. Ungarn hat sich eine neue Verfassung gegeben, die die Verklärung einer christlichen Tradition zur Grundlage des Staatswesens macht. Solche sozial-chauvinistischen und geschichtsrevisionistischen Einstellungen sind auch in Deutschland vorhanden, waren bislang aber nur selten erfolgreich. Auch, weil politische Entscheidungsträger gewisse Grenzen des Diskurses gesetzt haben. Diese Grenzen wurden und werden von Sarrazin immer wieder verletzt – ungestraft, wie sich jetzt zeigt.

Den Scherbenhaufen, vor dem die Partei mit dem Verbleib des »Querdenkers« steht, versucht sie nun, mit einer Quotenregelung für Migranten in Parteigremien zu lösen. Und in der Tat: Es ist absurd, dass in der SPD eine Vielzahl von Institutionen das Thema Integration bearbeitet, die Außenwahrnehmung aber von Leuten wie Sarrazin oder Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky geprägt wird.

Kulturkampf Doch allein durch eine (ohnehin unrealistische) Quotenregelung wird man dies nicht ändern können. Vielmehr braucht es eine SPD – das gilt im Übrigen für alle Parteien –, die Stellung bezieht und sich klar gegen populistische Konzepte und Kulturkampfrhetorik wehrt, selbst, wenn es einige Stimmen kosten mag. Es gilt zwar, die Ängste vor dem Fremden ernst zu nehmen. Allerdings bedeutet ernst nehmen eben nicht die Anbiederung und Bestätigung dieser Ängste. Vielmehr muss für eine Kultur der Solidarität und gegenseitigen Anerkennung geworben werden. Das wäre eine richtige Antwort auf die Ressentiments von Sarrazin und Co.

Der Autor ist Historiker und Publizist. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Erinnerungspolitik und Antisemitismus. Er lebt in Berlin und Zürich.

Diether Dehm

Nach Auftritt mit Höcke

Strafbefehl gegen Diether Dehm wegen SA-Parole

Björn Höcke wurde wegen der Verwendung der Parole »Alles für Deutschland« bereits rechtskräftig verurteilt. In einem Interview mit dem AfD-Mann wiederholte der frühere Linken-Politiker Diether Dehm diese Worte und soll dafür nun 9000 Euro zahlen

 20.10.2026

Reaktionen

Ein Hausmeister für die Mullahs

Die Bundesregierung habe zu lasch auf die iranischen Mordkomplotte in Deutschland reagiert, finden jüdische und pro-israelische Organisationen. Sie fordern tiefgreifende Konsequenzen

von Stefan Laurin  20.10.2026

Würzburg

Zentralratspräsident Josef Schuster kandidiert erneut

Der Würzburger Internist will auf der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden am 29. November für weitere vier Jahre antreten

 20.10.2026 Aktualisiert

Vereinte Nationen

Wer finanziert die Arbeit der UN-Berichterstatter?

Die Genfer NGO UN Watch hat einen Bericht vorgelegt, der die Zuwendungen an rund 140 unabhängige Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen unter die Lupe nimmt. Auf Platz 3 der Liste: Francesca Albanese

von Michael Thaidigsmann  20.10.2026

Israel

»So wollte ich nicht sterben«

Der indische Kapitän des »Fly Dubai«-Fluges schildert erstmals ausführlich, was genau sich an Bord abspielte

 20.10.2026

Washington D.C.

Vance gibt keine Wahlempfehlung für Netanjahu ab

Im Gegensatz zu seinem Chef Donald Trump sieht der amerikanische Vizepräsident von einer Unterstützung des israelischen Ministerpräsidenten ab. Warum?

 20.10.2026

Nach Spionage-Urteil

Deutscher Botschafter im Iran einbestellt

Dem Diplomaten solle der starke Protest des Iran übermittelt werden, heißt es. Kurz zuvor hatte das Auswärtige Amt den iranischen Botschafter einbestellt

 20.10.2026

Gießen

Staatsanwaltschaft klagt AfD-Politiker wegen NS-Parole an

Bei seiner Bewerbungsrede für den Vorstand der AfD-Jugendorganisation soll Kevin Dorow eine Parole der Hitlerjugend verwendet haben. Nun muss ein Gericht über die Anklage entscheiden

 20.10.2026

Luftwaffenstützpunkt Ovda

Hegseth trifft Netanjahu bei unangekündigtem Israel-Besuch

Wenige Tage vor der israelischen Wahl ging es bei dem Geheimtreffen wohl um das weitere Vorgehen gegen das Mullah-Regime in Teheran

 20.10.2026