Frau Udel, Sie forschen zu jiddischer Kinderliteratur. Was ist das Besondere an diesem Genre?
Wir müssen uns den Zeitpunkt ihrer Blütezeit etwas genauer ansehen, nämlich um die vorletzte Jahrhundertwende. Damals geschah so vieles: Emigration der aschkenasischen Juden, Mobilität, Säkularisierung und der Versuch herauszufinden, was die jüdische Vergangenheit für die jüdische Zukunft bedeutet. Insbesondere für die Menschen, die ihre traditionelle Religionsausübung hinter sich ließen, aber dennoch eine Art Verbindung zur »Jiddishkeit« suchten. Das Familienleben veränderte sich, und das allgemeine kulturelle Verständnis von Kindheit im Westen wandelte sich. Und das war im Übrigen ein ganz anderes Verständnis als das im Jahrhundert davor, als Jacob und Wilhelm Grimm ihre Geschichten sammelten.
Was genau war der Unterschied?
Die Grimms erkannten, dass sie eine Art Produkt für Kinder in den Händen hielten, wenn sie bestimmte redaktionelle Anpassungen vornahmen. Also erhöhten sie den Grad an Spannung und auch Gewalt. Oder denken wir an »Struwwelpeter« von Heinrich Hoffmann: Darin gibt es ziemlich viel Gewalt und auch Blut. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts allerdings wandelte sich dieses Verständnis, und es gab eine ganz andere Auffassung davon, wie man Kinder schützen kann. Die Frage, welche Geschichten Kindern guttun, war immanent.
Das war im Jiddischen dann anders?
Ja, das Jiddische hat versucht, das alles zu berücksichtigen und den Kindern zusätzlich noch eine bestimmte ethische Vision zu vermitteln, die aus jüdischen Werten erwächst, aber auch mit den Vorstellungen vom Fortschritt im modernen Westen verbunden ist. Es sollte eine Annäherung zwischen Moderne und ethischer Prägung geschaffen werden. Deswegen fühlt sich ein Großteil dieser Literatur auch heute sehr zeitgemäß an.
In den vergangenen Jahren gab es eine Renaissance des Jiddischen. Auch in der Kinderliteratur?
Das wäre schön. In Schweden beispielsweise ist Jiddisch seit 2000 eine von fünf geschützten Nationalsprachen von Minderheiten. Und auch in den Vereinigten Staaten gibt es kleine, feine Verlage, die gute zweisprachige Versionen von jiddischer Kinderliteratur herausbringen. Mir ist es wichtig, dass Erwachsene verstehen, dass es bedeutsam ist, jiddische Kinderliteratur in den Mittelpunkt unseres jüdischen kulturellen Bewusstseins zu stellen.
Haben Sie ein jiddisches Lieblingswort?
Eigentlich zwei: »Menschlichkeit« und »Mitleid«. Menschlichkeit ist für mich die Vorstellung, ein menschlicher Mensch zu sein. Nicht nur ein Mensch, nicht nur grammatikalisch. Und das hängt auch mit Mitleid zusammen. Man zeigt Mitgefühl, man zeigt Empathie, man versetzt sich einfühlsam in die Lage einer anderen Person – das ist Menschlichkeit.
Mit der Literaturwissenschaftlerin an der Emory University in Atlanta sprach Katrin Richter.