Oslo

Gemeinsame Trauer

Er hatte falsche Papiere, trug eine nachgeahmte Polizeiuniform, die er sich im Online‐Versandhaus Ebay besorgt hatte, und fiel überhaupt nicht auf, als er sich am vergangenen Freitagnachmittag Zugang zum Sommerlager der sozialistischen Arbeiterpartei (AP) auf der Insel Utoya verschaffte und dort nach dem Bombenanschlag in Norwegens Hauptstadt Oslo Jugendliche erschoss.

Anders Behring Breivik, 32, der sich zurzeit in Untersuchungshaft befindet, tötete mindestens 76 Menschen. Die kleine jüdische Gemeinde von Oslo, die nach eigenen Angaben rund 850 Mitglieder hat, versammelte sich am Tag nach den Anschlägen, um für die Überlebenden und die Familien der Opfer zu beten. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Oslo, Ervin Kohn, konstatierte, dass die beiden »schockierenden Attentate die norwegische Naivität besonders in Sachen Sicherheit verändern werden«.

Verhalten Tatsächlich gilt Misstrauen in Norwegen nicht gerade als Primärtugend. Das skandinavische Land richtet sich nach den sogenannten Jante‐Loven, einem skandinavischen Verhaltensmuster, das vor allem besagt: »Glaube nicht, dass du etwas Besonderes bist.« Zu dieser norwegischen Variante des »Alle sind gleich« gehört, dass man stolz darauf ist, sogar den Regierungschef zu duzen und dass im »folkehjemmet«, dem Volksheim, wie der Staat nicht immer nur ironisch tituliert wird, für jeden Platz ist.

Die blutigen Anschläge der vergangenen Woche allerdings haben das Land tief erschüttert. Ervin Kohn hofft, dass der Vorfall wenigstens den »chronischen Willensmangel der norwegischen Gerichte stoppt, gegen Straftäter drastische Strafen zu verhängen, aus Angst, man könne deren Rechte verletzen«. Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, betonte in einer offiziellen Erklärung, die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sei tief erschüttert: »Als eine Gruppe, die selbst stets von Hass, Fanatismus und Terrorismus bedroht ist, können wir uns in besonderem Maße mit dem schrecklichen Verlust der norwegischen Gesellschaft identifizieren. Unsere Gedanken sind bei den Opfern, den Verwundeten und Ihren Angehörigen.«

Zudem forderte Graumann als Konsequenz aus den Anschlägen in Norwegen eine verstärkte Extremismusbekämpfung. Notwendig sei dabei ein grenzüberschreitendes Vorgehen. Der Zentralrat wandte sich auch direkt an die jüdische Gemeinde in Oslo, um sein Mitgefühl auszudrücken.

Auch Lala Süsskind, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, äußerte sich zu den Anschlägen in Norwegen: »Ich bin immer noch fassungslos. Meine Gedanken gehören ganz den Überlebenden und den Angehörigen der Opfer.« Der Anschlag mache deutlich, dass der Kampf gegen Rassismus weltweit intensiviert werden müsse, betonte Süsskind. Und Deidre Berger, Direktorin des AJC Berlin Ramer Institute for German‐Jewish Relations, schloss sich dieser Einschätzung an: »Hate Crimes sind eine der heimtückischsten Gefahren für die Demokratie und müssen klar verurteilt werden, um einem wachsenden Gefühl der Verunsicherung vorzubeugen.« Solche Verbrechen zielten darauf ab, Demokratie zu destabilisieren und autoritäre Machtverhältnisse zu fördern.

Fundamentalistisch Breivik hatte sich seine Opfer gezielt ausgesucht. Die Sommerlager auf Utoya gelten als Kaderschmiede der norwegischen Arbeiterpartei. Beinahe jeder, der in der Partei auf einen wichtigen Posten gelangt, hat sie irgendwann als Jugendlicher besucht. Wenn der Nachwuchs tot ist, so das Kalkül des 32‐Jährigen, ist irgendwann auch die Partei tot. Und damit sei der Weg frei für einen neuen Gesellschaftsentwurf.

In seinem 1.500 Seiten langen Manifest beschrieb der Attentäter detailliert, wie er sich Norwegen und Europa im Jahr 2085 vorstellt: Christlich solle es sein und zwar fundamentalis‐tisch christlich, denn »Kirchen, die wie minimalistische Einkaufszentren aussehen, kotzen mich an«. Breivik fordert eine »eine indirekte kollektive Konvertierung der protestantischen Kirche zurück zu den Wurzeln der katholischen«.

Zunächst aber sollten »20 nationalistische oder kulturkonservative Politiker oder Intellektuelle die Regierung übernehmen, sie müssen vor allem gegen Islamisierung und Multikulturalismus sein«, schrieb der Attentäter, der sich mit seinen Postings in sozialen Netzwerken als Fan Israels präsentierte. Serge Cwajgenbaum, Generalsekretär des European Jewish Congress, antwortete in der Nachrichtenagentur JTA: Breivik sei nicht pro‐israelisch, er sei anti‐muslimisch. Zugleich drückte Cwajgenbaum sein Mitgefühl für die Familien der Opfer aus.

Wie viele andere Verschwörungstheoretiker sieht Breivik finstere Mächte am Werk, die von Regierungen geduldet ein Programm umsetzen, mit dessen Hilfe alle freiheitsliebenden und intelligenten Menschen versklavt würden. Dazu gehörten der Feminismus, Kapitalismus, das Zinssystem und die Globalisierung. Die Besonderheit in Breiviks Wahnwelt ist, dass in seinem Programm Muslime – und nicht Juden – die Schuldigen sind und deportiert oder umgebracht werden sollen.

Israel sieht er als Vorkämpfer‐Staat gegen die angebliche geplante Unterwanderung und Versklavung Europas durch den Islam. Sollten Juden allerdings Züge des »Kultur‐Marxisten« annehmen, der befürworte, dass verschiedene Kulturen gleichberechtigt miteinander leben, so dürfte auch für sie gelten, was er allen »Verrätern« zugedacht hat: Tod durch Vergiftung. Oder Hinrichtung.

Verschwörung Auf die Verhaftung hatte sich Breivik gewissenhaft vorbereitet, sogar ein Sonnenstudio hatte er vor der Tat besucht, um auf Fotos gut auszusehen. Eine ausführliche Verteidigungsrede durfte er beim ersten Haftprüfungstermin nicht halten, aber auch ohne Erklärungen seines Weltbildes hat der Massenmörder bereits Gehör gefunden, wie vielfältige Reaktionen aktiver Verschwörungstheoretiker im Internet zeigen.

Dass diesen hasserfüllten Pamphleten durchaus auch Taten folgen, ist spätestens seit vergangenem Freitag klar: Anders B., wie Breivik sich in zahlreichen Internetforen nannte, hatte dort immer wieder seine radikale Haltung deutlich gemacht.

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