27. Januar

Gedenken an Holocaust-Opfer

Gedenkstunde am Dienstagnachmittag im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz Foto: dpa

Mahnende Worte, stilles Gedenken: 70 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz ist am Dienstag in der ganzen Welt an die Opfer des Holocaust erinnert worden. Polens Präsident Bronislaw Komorowski sagte bei einer Gedenkfeier in Auschwitz, die Nazis hätten aus Polen einen »ewigen Friedhof gemacht«.

Bundespräsident Joachim Gauck unterstrich im Bundestag, die Erinnerung an die Verbrechen bleibe Sache aller Bürger, die in Deutschland lebten. Dem Judenmord der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg fielen mindestens sechs Millionen Menschen zum Opfer.

Grausamkeiten Komorowski sagte, Auschwitz sei ein »Symbol für die Grausamkeit und den Verlust der menschlichen Würde«. Die Erinnerung an die Verbrechen müsste bewahrt und weitergegeben werden. An der Feierstunde am Nachmittag nahmen rund 300 Überlebende des Vernichtungslagers teil. Der Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Roman Kent, sagte, auch 70 Jahre nach der Befreiung seien die Grausamkeiten nicht aus seinem Gedächtnis auslöschbar. »Wie könnte ich die Verbrechen vergessen?«

Der Präsident des Jüdischen Weltkongress, Ronald Lauder, sagte, es fege eine neue Welle des Antisemitismus über Europa. Unter anderem verwies er auf die Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris, bei der vier Menschen erschossen wurden. »Man fühlt sich erinnert an 1933 und nicht an 2015«, sagte Lauder. Junge Juden hätten heute wieder Angst, eine Kippa zu tragen, erneut würden jüdische Geschäfte attackiert, erneut flöhen jüdische Familien aus Europa.

Gedenken Die Überlebenden erinnerten mit dem jüdischen Totengebet, dem Kaddisch, an die Opfer. Zahlreiche Staats- und Regierungschefs waren nach Auschwitz gekommen, darunter Frankreichs Präsident François Hollande. Deutschland wurde durch Bundespräsident Gauck vertreten. Russlands Präsident Wladimir Putin nahm nicht an der Feierstunde teil. Am 27. Januar 1945 hatten sowjetische Truppen Auschwitz befreit. Allein in diesem Lager starben zwischen 1940 und 1945 rund 1,1 Millionen Menschen.

Im Bundestag sagte Gauck am Morgen, es gebe keine deutsche Identität ohne Auschwitz. In der Bundesrepublik trügen alle Menschen Verantwortung dafür, welchen Weg das Land gehen werde. »Solange ich lebe, werde ich darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war«, sagte das Staatsoberhaupt. In Deutschland wird seit 1996 jeweils am 27. Januar der Holocaust-Gedenktag begangen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) erklärte, die Nachgeborenen seien für die Vergangenheit nicht verantwortlich, wohl aber für den Umgang mit dieser Vergangenheit. Es gelte, staatlich angeordnete und organisierte Verbrechen »an keinem Platz der Welt« wieder geschehen zu lassen. Die Deutschen müssten sich im Bewusstsein ihrer historischen Verantwortung den drängenden Herausforderungen der Gegenwart stellen. Eine Umfrage hatte jüngst ergeben, dass 81 Prozent der Deutschen die Geschichte der Judenverfolgung »hinter sich lassen« wollen. 58 Prozent sind sogar für einen regelrechten Schlussstrich.

Verbrechen In Berlin erinnerten Regierungspolitiker auch am Mahnmal für verfolgte Homosexuelle sowie am Gedenkort für die Opfer der NS-»Euthanasie« an die Verbrechen. Familien-Staatssekretärin Caren Marks (SPD) verwies darauf, dass nicht selten schwule Männer nach ihrer Verfolgung und sozialen Ächtung im Nationalsozialismus auch in der Bundesrepublik erneut bestraft wurden.

Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele, verlangte bei einer Gedenkveranstaltung für ermordete Behinderte und Kranke, heute Diskriminierungen jeglicher Art zu verhindern. In der NS-Zeit wurden rund 260.000 Behinderte getötet und etwa 400.000 zwangssterilisiert.

In vielen Landtagen kamen die Abgeordneten ebenfalls zum Holocaust-Gedenken zusammen. In früheren Konzentrationslagern und an Gedenkstätten wurden Kränze niedergelegt. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) rief dazu auf, Intoleranz und rechtem Gedankengut keinen Platz zu gewähren.

Die besondere Verantwortung der Deutschen nach 1945 mahne dazu, stets wachsam zu sein. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) verwies darauf, dass das NS-Terrorregime nicht das Werk einiger weniger gewesen sei. Viele in der Gesellschaft hätten weggeschaut oder sogar bei den Verbrechen mitgeholfen. Die baden-württembergische Landtagsvizepräsidentin Brigitte Lösch (Grüne) forderte einen unbedingten Einsatz für die Menschenwürde und gelebte Vielfalt in der Gesellschaft. epd

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