Nahost-Reise

Friedensmission

Papst Franziskus und Rabbiner Shmuel Rabinovitch an der Kotel in Jerusalem Foto: Flash 90

Der Papstbesuch im Heiligen Land ist vorüber. Offiziell als Pilgerfahrt deklariert, war diese Reise sowohl von kirchenpolitischer wie auch weltpolitischer Signifikanz. Vor allen aber scheint sie in Bezug auf die katholisch-jüdischen Beziehungen von bleibendem Wert zu sein.

Schon vor seinem Besuch hatte Papst Franziskus deutlich gemacht, dass er neue Akzente im Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum und zu Israel setzen wollte. Als besonderes Signal an das Judentum werteten Beobachter, dass neben Kurienkardinälen auch ein Rabbiner zur Delegation des katholischen Kirchenoberhauptes gehörte.

Eigentlicher Anlass des Papstbesuches war der 50. Jahrestag des ökumenischen Treffens zwischen Papst Paul VI. und dem griechisch-orthodoxen Patriarchen Athenagoras. Das war damals die erste Reise eines Papstes in den Staat Israel. Um den Fortschritt dieses Dialogs zu würdigen, trafen sich Papst Franziskus und Patriarch Bartholomäus in Jerusalem.

gastgeber
Was aber waren die politischen Momente dieser Reise? Erst einmal ist festzuhalten, dass die drei Gastgeber – Jordanier, Palästinenser und Israelis – allesamt zufrieden sein dürften. Die Vatikandiplomatie hatte das dreitägige Besuchsprogramm mit Gesten und Worten meisterhaft gestaltet: Verständnis für jede Seite, Ausgewogenheit als Prinzip. Der Papst pflegt nicht zu polemisieren oder zu polarisieren.

Nachdem sich der Vatikan vorher bei den Präsidenten Peres und Abbas diplomatisch abgesichert hatte, lud Papst Franziskus beide ein, zu ihm »nach Hause zu kommen«, um ein gemeinsames Gebet abzuhalten. Es gehe darum, von Gott das Geschenk des Friedens zu erflehen, sagte Franziskus. Die Dringlichkeit der Befriedung des Nahen Ostens – sei es, um den syrischen Bürgerkrieg zu beenden oder eine zweistaatliche Friedenslösung im israelisch-palästinensischen Konflikt anzustreben – war die politische Richtschnur des Papstbesuches.

Als er beim Treffen am Jordan mit syrischen Flüchtlingen das anhaltende menschliche Leid in Syrien bedauerte, stellte Franziskus die Frage, wer denn die Waffen verkaufe, mit denen der Krieg geführt werde. Darin liege die Wurzel des Übels, so der Papst: Hass und Geldgier. Klar in der Sache, jedoch ohne direkt mit dem Finger auf andere zu zeigen. Franziskus lobte zudem ausdrücklich die Bereitschaft Jordaniens, Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen, und rief die internationale Gemeinschaft zu größeren Finanzhilfen auf.

signal
Jordanien spielte auch sonst eine besondere Rolle. So nahm der haschemitische Prinz Gazi an der Begegnung des Papstes mit islamischen Würdenträgern auf dem Jerusalemer Tempelberg teil. Es war ein unübersehbares Signal, wer der bevorzugte Partner Israels sein könne, wenn es um die Zukunft Jerusalems geht.

Zwei weitere politische Momente des Besuches sind von Bedeutung: zum einen der Fototermin an der Mauer bei Bethlehem – der Papst im stillen Gebet. Ein Zwischenstopp, der auf Wunsch von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas eingelegt wurde. Zum anderen kam der Papst der Bitte von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu nach und suchte die nationale Gedenkstätte für die Opfer des Terrorismus am Herzlberg auf. Franziskus hatte gleich bei seiner Ankunft den Terroranschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel verurteilt. Dies steht im Einklang mit seiner Haltung, jeglichen Antisemitismus und jegliche Gewalt, die im Namen Gottes verübt wird, zu verurteilen.

Unweit der Gedenkstätte legte Franziskus am Grab Theodor Herzls einen Kranz nieder. Mit diesem symbolischen Akt legitimierte der Papst den Zionismus als staatstragende Idee Israels. Vor 110 Jahren hatte Papst Pius X. in einer Audienz mit Herzl die Idee des Zionismus aus theologischen Erwägungen schroff zurückgewiesen. Sie stünde im Widerspruch zu der Auffassung, die Christen seien das neue Volk Israel.

unmenschlichkeit
Franziskus’ Homilie in Yad Vashem war eine Auseinandersetzung mit der Unmenschlichkeit, die durch Menschen verursacht werden kann. Theologisch vollzog er dabei eine Kehrtwende: Er stellte nicht die Frage, warum Gott die Schoa zugelassen habe. Nein, er sagte vielmehr: Adam, Mensch, wo warst du, wie tief konntest du sinken? Bei der Begegnung mit sechs Schoa-Überlebenden küsste er jedem die Hand. Eine Geste der päpstlichen Demut im Stile Franziskus’.

Der Papst hat mehrmals die Annäherung zwischen Juden und Christen als ein Wunder Gottes gewürdigt und die bald 50-jährige Zäsur durch die Erklärung »Nostra Aetate« hervorgehoben. Und er lobte Schimon Peres als Mann des Friedens und machte deutlich, welch große Sympathien er für das israelische Staatsoberhaupt hegt. Im Gespräch mit dem Papst stellte Peres wiederum fest: »Auf dem Weg, Frieden zwischen uns und den Palästinensern zu stiften, haben Sie Frieden zwischen Juden und Christen erreicht.« Die religiöse Befriedung sei eine ausgezeichnete Einleitung zum politischen Frieden, so Peres’ Fazit.

Der Autor war von 2008 bis 2012 Botschafter des Staates Israel im Vatikan.

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