Jahrestag

Fest der Freiheit

Die Mauer zerbröckelte und machte deutlich, dass es Menschen sind, die Trennungen herbeiführen. Foto: dpa

In Berlin gab es vor dem 9. November 1989 sehr unterschiedliche Welten, auch unterschiedlichste jüdische Welten. Die Stadthälften waren hermetisch getrennt. Auch die jüdische Gemeinde gab es doppelt – so wie Funktürme, Postscheckämter und Radiostationen.

Alljährlich findet im Jüdischen Gemeindehaus zum Gedenken an die Novemberpogrome eine Veranstaltung statt, auf der neben dem Gemeindevorsitzenden der Regierende Bürgermeister eine Gedenkrede hält. Das war auch in der geteilten Stadt so. Für Juden in West-Berlin war die Teilnahme an der Gedenkfeier zum 9. November 1938 ein Höhepunkt des Jahres, die »Gemeinde« war dabei, traf dort doch alles zusammen, was Rang und Namen in der eingemauerten Weststadt hatte: Senatoren, Intendanten, Geschäftsleute, Schauspieler, große und kleine Fürsten aller Parteien im Abgeordnetenhaus, den Bezirken oder den Gewerkschaften: Man war sich einig, weil die Stadt geteilt war.

höhepunkte
Es gab auch ganz andere jüdische Höhepunkte in der geteilten Halbstadt. In der Entourage meines Vaters Estrongo Nachama gehörte ich zu denjenigen, die zu Chanukka im Ost-Berliner Café Moskau am Get-together der Ost-Berliner Gemeinde teilnehmen durften. Dort trafen sich zwar nicht alle, die Rang und Namen in der Hauptstadt der DDR hatten, aber doch die Persönlichkeiten, die für das jüdische Gemeindeleben von Bedeutung waren: der Staatssekretär für Kirchenfragen, einige seiner Mitarbeiter, Zuständige des Magistrats von Ost-Berlin, Professoren der Theologie von der Humboldt-Universität, Schriftsteller und die »jüdische Familie« in Ost-Berlin, also fast die ganze kleine Gemeinde von rund 200 Mitgliedern.

Ja, es gab eine ausweglose Situation um West-Berlin, strategisch unhaltbar, trotz der paar Tausend alliierten Soldaten und doch unantastbar, weil der Kalte Krieg ein Gleichgewicht des Schreckens zum Garanten des Status quo gemacht hatte. Ja, es war persönlich anstrengend, für jeden Ost-Berlin-Besuch zuvor in ein Passierscheinbüro zu gehen und 25 Westmark in 25 Ostmark umzutauschen; ja, auch die Fahrstrecke über die Transitautobahnen bei maximal 100 Stundenkilometern mit Eingangs- und Ausgangskontrollen, bei denen man immer in der langsamsten Spur landete. Die Züge der Reichsbahn waren antiquiert, und S-Bahnen hatten nicht nur einen besonderen Duft, sondern ratterten auch ermüdend über das marode Gleisbett.

identität
Aber als Jude aus West-Berlin hatte man auch eine besondere Identität. Man konnte in drei völlig verschiedenen Welten in die Synagoge gehen: museumsreif in der Ost-Berliner Rykestraße mit einem Vorbeter, der schtetlhaftes Hebräisch in einem Berliner Tempel lebte, faszinierend in der West-Berliner Pestalozzistraße mit Orgel und gemischtem Chor wie anno 1935 oder im Hüttenweg mit einem Reformgottesdienst, der durch koschere Goodies der Amerikaner die Neue Welt nach »Old Europe« brachte. Ja, hier prallten jüdische Welten aufeinander, aber völlig schmerzlos, denn durch die Mauer waren die verschiedenen Welten, die diese eine Stadt ausmachten, scheinbar unheilbar getrennt.

Das alles war weg in dieser einen Nacht. Keine Revolution wie 1918, keine Nazi-Konterrevolution wie 1923, keine »Kristallnacht« wie 1938, sondern etwas Unvorstellbares: Die Mauer zerbröselte, zerfiel in einer Nacht und zeigte ganz deutlich, dass es heute nicht Bauwerke wie die Chinesische Mauer oder andere Mauern sind, die es zu überwinden gilt, sondern dass es Menschen sind, die Trennungen herbeiführen.

nachkriegsfolge
Die jüdischen Gemeinden von damals gibt es nicht mehr, weder die »jüdische Familie« in Ost-Berlin noch die »Gemeinde« West-Berlins. Unsere Jüdische Gemeinde von heute hat unterschiedlichste Identitäten: Chabad, Masorti, orthodox, liberal, Reform – eine Einheitsgemeinde, die keine Einheit ist, sondern Vielfalt. Ein Abbild des vereinigten Berlin, das auch bunter und vielfältiger ist als vor 25 Jahren. Die Mauer, die letzte noch sichtbare Nachkriegsfolge der Naziherrschaft, die Deutschland und Berlin getrennt hatte, war offen – oder, wie es Richard von Weizsäcker formuliert hatte, »solange das Brandenburger Tor geschlossen ist, ist die deutsche Frage offen«.

Seit dieser Zeit bin ich nun kein West-Berliner Insulaner mehr, sondern lebe und wirke in der Bundeshauptstadt Berlin, einer Stadt, die von New York bis Tel Aviv »in« ist: eine Stadt mit vielen Welten. Solange es aber in diesem vereinigten Berlin noch immer Welten im Schatten der Vergangenheit gibt, wie »Glatzen« und Rechtsradikale, ist die Einheit in Freiheit noch nicht vollendet.

Dass die leuchtenden Heißluftballons entlang der Verlaufslinie der Berliner Mauer, die an den 9. November 1989 erinnern sollen, in diesem Jahr den 9. November 1938 überstrahlen werden, liegt an der Bedeutung dieses Tages im 20. Jahrhundert: Tag der Revolution 1918, der Konterrevolution 1923, des Novemberpogroms 1938 und als Schlusspunkt der Fall der Mauer. Ein Schicksalstag der Deutschen – ein Trauertag für uns Juden: Bei allem Mauergedenken werden wir auch in diesem Jahr die brennenden Synagogen und die Ermordeten nicht vergessen.

Der Autor ist Rabbiner in Berlin und Direktor der Stiftung Topographie des Terrors.

Washington D.C.

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