Landtagswahlen

Etablierte Parteien stärken

Die Gemeindevorsitzenden fordern ihre Mitglieder auf, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen. Foto: dpa

Seit acht Uhr sind die Wahllokale in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt geöffnet. Mit Sorge blicken die Jüdischen Gemeinden auf das Abschneiden der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD). »Die Macht der etablierten Parteien bröckelt«, hatte AfD-Vorsitzende Frauke Petry vor einer Woche siegesgewiss nach den Kommunalwahlen in Hessen verkündet. Die Ergebnisse sendeten »ein deutliches Signal«, sagte die 40-jährige Parteichefin. »Auf geht’s Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt.«

Mit 12,5 Prozent liegt in Baden-Württemberg die AfD mit der SPD in den Prognosen der Statistiker von Insa gleichauf. Für Barbara Traub, Vorstandsvorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) sind diese Zahlen besorgniserregend. Bereits in ihrer Gemeindezeitung hatte sie die Mitglieder aufgefordert, »von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen, denn es steht zu befürchten, dass Rechtspopulisten sehr wahrscheinlich in den Landtag einziehen werden.« Gerade als jüdische Bürger habe man das Recht und die Pflicht, »den demokratischen Kräften im Landtag den Rücken zu stärken«, schrieb Traub.

Parolen Als geradezu »absurd« empfinde sie, dass Juden sich auch noch als Kandidaten der rechtspopulistischen Partei aufstellen ließen. So geschehen in Stuttgart und im südbadischen Lörrach. »Die AfD bietet keine Lösung von Problemen an, sondern arbeitet nur mit Parolen und Klischees«, sagte Traub der Jüdischen Allgemeinen. »Juden sind besorgt über die Zuwanderung von vielen Menschen aus dem arabischen Raum. Das darf aber nicht am Schluss bedeuten, dass man sich einer solchen Partei anbietet oder sie wählt.«

Auch in Rheinland-Pfalz rät die Mainzer Gemeindevorsitzende Stella Schindler-Siegreich den Gemeindemitglieder, wählen zu gehen. Nach den Wahlprognosen kann die AfD in Rheinland-Pfalz mit zehn Prozent der Stimmen rechnen. »Das einzig beruhigende an der AfD«, meint Schindler-Siegreich »ist, dass mit der Partei niemand koalieren wird.« Die Gemeindevorsitzende hofft, dass wie die frühere Deutsche Volksunion (DVU) und die Republikaner auch die AfD ein Zeitphänomen ist. Die hohen Prozentzahlen seien eine Reaktion auf eine Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien, die sich auf die Flüchtlingspolitik fokussiert, meint Schindler-Siegreich. Sie setzt auf die Stärke der Gesellschaft, solchen Parteien zu begegnen. »Das Furchtbare sind die hetzerischen Elemente der AfD«, sagt die Mainzer Gemeindechefin.

Zweistellig In Sachsen-Anhalt konkurriert die AfD in der Gunst der Wähler mit der Linken um den zweiten Platz nach der CDU. In dem Land, das bei der letzten Landtagswahl von 2011 noch 4,8 Prozent NPD-Wähler hatte, könnte die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten André Poggenburg aus dem Stand 19 Prozent erreichen.

Der Vorsitzende des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt, Max Privorozki, hält die AfD für gefährlicher als die NPD. »Die Neonazis sind offen antisemitisch, die AfD gibt sich bürgerlich und behauptet noch, dass sie doch für die Juden sei und nicht gegen sie«, sagt Privorozki der Jüdischen Allgemeinen. Er schaue mit großer Sorge auf die Wahlen. Das Ergebnis der Kommunalwahlen in Hessen habe ihn sehr beunruhigt. »Ich dachte nicht, dass die AfD auch im Westen so einen Zuspruch bekommen würde, wie es hier im Osten zu erwarten ist. Das hat mich schon überrascht«, sagte .

Als Ursache für den Zuspruch der rechtspopulistischen Partei nennt Privorozki die Wählerferne der etablierten Parteien. »Kontakte zu ihren Wählern haben sie nur alle fünf Jahre, nämlich dann wenn Landtagswahlen sind. Ansonsten sind sie kaum vorhanden. Die Wähler finden bei ihnen keine Antworten mehr und entscheiden sich für die Partei, die ihnen vermeintlich Antworten liefern. Und das ist derzeit die AfD«, sagt Privorozki. Das Flüchtlingsproblem sei dabei allerdings nur eine der Aufgaben, die die Parteien nicht in den Griff bekämen. Grund für die Abkehr von den etablierten Parteien sei deren »katastrophale Politik«, so Privorozki.

Debatte um Erklärung

Hickhack bei Rot-Grün-Rot: Das steht in den Antisemitismus-Papieren

Die Berliner Regierungsbildung stockt, nachdem die Linke im Abgeordnetenhaus ein eigenes Papier zum Kampf gegen Antisemitismus gebilligt hat. Wo sich die zwei Erklärungen unterscheiden

 14.10.2026

Umfrage

66 Prozent der Unionswähler für Prüfung von AfD-Verbot

Eine Campact-Umfrage zeigt, dass die Wähler der Unionsparteien mehrheitlich für die Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens sind. Auch eine Koalition mit der AfD wird von Anhängern der Mitte-Parteien deutlich abgelehnt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Ministerpräsident Sven Schulze (CDU)

Landtag von Sachsen-Anhalt

Ministerpräsidenten-Wahl: CDU will im dritten Wahlgang im Plenarsaal sein

Bei der Ministerpräsidentenwahl in Sachsen-Anhalt will die CDU den Plenarsaal zunächst verlassen. Für einen möglichen dritten Wahlgang kündigt Fraktionschef Sven Schulze ein anderes Vorgehen an. AfD und BSW beschließen derweil einen Antrag zur Ukraine

 14.10.2026

Berlin

»Eine gute Wahl«: Bundesregierung ernennt von Schnurbein zur Beauftragten für jüdisches Leben

Die 52-jährige EU-Beamtin ist am Mittwoch offiziell zur Nachfolgerin von Felix Klein bestellt worden. Aus den jüdischen Verbänden und Gemeinden kamen unisono positive Reaktionen

von Michael Thaidigsmann  14.10.2026

Regierungsbildung in Berlin

Banaszak: Emdes Fraktions-Aus war Grundlage für Sondierungen

Die Grünen-Landesvorsitzende Stahr betont hingegen, dass ihre Partei weiter »am Tisch sitzt« und auf eine Erklärung der Linken wartet

 14.10.2026

Regierungsbildung in Berlin

Schwerdtner bedauert Gesprächspause in Berlin

Die Gespräche über eine rot-grün-rote Regierung in Berlin liegen auf Eis. Linken-Bundeschefin Ines Schwerdtner hält die Erklärung ihrer Fraktion zu Antisemitismus dennoch für ausreichend

 14.10.2026

Berlin

Julia Klöckner: AfD-Verbotsverfahren nicht »aus dem Bauch heraus starten«

Die CDU-Bundestagspräsidentin warnt davor, die Rechtsaußen-Partei zum »Märtyrer« zu machen

 14.10.2026

Unterbrochene Sondierungen

Berliner CDU an Grüne und SPD: »Hand ist ausgestreckt«

Die Regierungsbildung zwischen Linken, Grünen und SPD in Berlin stockt. Nach der überraschenden Unterbrechung der Sondierungen meldet sich ein Wahlverlierer zu Wort

 14.10.2026