Interview

»Es muss normal sein«

Frau Prien, Sie warnen als Vertreterin des CDU-Arbeitskreises »Union der Mitte« vor einem Rechtsruck der Partei. Warum?
Es ist ein Gesprächskreis, der sich im vergangenen Sommer gebildet hat, als sich der Asylstreit zwischen CDU und CSU und auch in Teilen der CDU zuspitzte. Da wollten wir zeigen, dass es eine große Gruppe in der Partei gibt, die hinter der Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin und der Bundesregierung steht. Uns waren der Stil und der Umgang miteinander in dieser Auseinandersetzung wichtig, und wir wollten nicht, dass Stereotype, wie sie die AfD bedient, Eingang in die Sprache der Unionspolitik finden.

Sie sind auch Sprecherin des Jüdischen Forums in der CDU. Das gibt es seit einem Jahr, aber man hört nichts davon. Warum?
Ich will nicht verhehlen, dass die Irrungen und Wirrungen zwischen CDU und CSU und auch der Prozess zur Neuwahl der Parteivorsitzenden die Union in den vergangenen Monaten sehr stark dominiert haben. Hinter den Kulissen bereiten wir aber gerade alles für einen ersten Aufruf in die gesamte Partei vor. Und auf jeden Fall planen wir für den Sommer wieder unsere »Von Schabbat zu Schabbat«-Woche.

»Wir haben in Deutschland auch unseren eigenen Antisemitismus und allen Grund, uns intensiv um den zu kümmern.«

Gründe, warum sich ein Jüdisches Forum zu Wort melden sollte, gibt es ja: Jüngst hat der deutsche UN-Botschafter, Christoph Heusgen, die Raketen der Hamas mit israelischen Bulldozern verglichen.
Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Ich wünsche mir von Vertretern der Bundesregierung wie auch im Übrigen von den öffentlich-rechtlichen Medien eine differenziertere Haltung. Aber alles in allem erlebe ich die deutsche Außenpolitik als israelfreundlich.

Eine aktuelle Studie behauptet, der Antisemitismus unter jungen Muslimen in Deutschland sei auch Ergebnis einer zunehmenden Islamfeindlichkeit.
Natürlich dürfen wir nicht zulassen, dass sich junge Muslime aus dem Gefühl, in Deutschland sowieso nicht ankommen zu können, in die Solidarität mit konservativen, salafistischen oder islamistischen Ideen begeben. Zugleich gibt es aber auch bei den aus dem arabischen Raum zugewanderten Menschen viele, bei denen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit quasi zur politischen DNA gehören – ich spreche bewusst nicht von Muslimen, sondern von Menschen aus dem arabischen Raum. Und: Wir haben in Deutschland auch unseren eigenen Antisemitismus und allen Grund, uns intensiv um den zu kümmern.

Wurde den Migranten vielleicht nicht deutlich genug gesagt, worin sie sich integrieren müssen?
Das habe ich seit 2015 immer wieder angesprochen. Gewiss soll man Integration einfordern, aber wir müssen zugleich dafür sorgen, dass unser Gesellschaftsmodell attraktiv bleibt. Wir betonen zu wenig unser gemeinsames Narrativ: Freiheit, Demokratie, die Ausrichtung auf Europa, unsere Kultur, Kunst, Literatur, Sprache – und auch unsere deutsche Geschichte.

Was halten Sie von verpflichtenden Besuchen von KZ-Gedenkstätten?
Jeder Jugendliche sollte einmal einen Erinnerungsort besucht haben. Es muss nicht Auschwitz sein. Dies sollte eingebettet in den Unterricht erfolgen und möglichst im lokalen Zusammenhang stehen oder mit einem Forschungsaspekt verbunden werden. Aber: Man wird kein besserer Mensch, wenn man einmal Auschwitz besucht hat. Menschen mit rechtsextremen Ansichten fehlt es meist nicht an historischem Wissen oder an Besuchen in Gedenkstätten, sondern an Empathie und Menschlichkeit.

»Man wird kein besserer Mensch, wenn man einmal Auschwitz besucht hat.«

Sie sind in Schleswig-Holstein in Regierungsverantwortung. Was geschieht da?
Wir haben das Verhältnis zu den jüdischen Landesgemeinden neu geordnet und einen Staatsvertrag geschlossen – ähnlich, wie er mit Kirchen existiert. Wir bekommen auch bald einen Beauftragten für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus.

Jüngst gab es Kritik: Das Wort »Antisemitismusbeauftragter« verenge den Blick.
Das sehe ich genauso. Deswegen sprach ich auch zuerst vom Beauftragten zur Förderung jüdischen Lebens. Wir können die Bereicherung unserer Kultur nicht wahrnehmen, wenn wir immer nur von Antisemitismus reden. Es muss normal sein, dass sich Juden in die großen Debatten dieses Landes aktiv einbringen und ihre auch spezifisch jüdischen Sichtweisen als Bereicherung wahrgenommen werden.

Sprechen Sie gerade auch von sich selbst?
Meine Entscheidung, politisch aktiv zu werden, hat natürlich auch viel mit meiner Familiengeschichte zu tun. Ich komme aus einer klassischen jüdischen europäischen Migrantenfamilie. Die Schoa spielte bei uns eine beherrschende Rolle. Meine Eltern waren in gewisser Weise entwurzelt, und ich empfinde es als großes Privileg, in einem freien Land zu leben, in dem ich heute starke Verwurzelung empfinde.

»Ich komme aus einer klassischen jüdischen europäischen Migrantenfamilie.«

Sie haben aber lange Zeit nicht gesagt, dass Sie Jüdin sind.
Meine Mutter, die in Amsterdam aufwuchs und große Schwierigkeiten hatte, nach Deutschland zurückzukehren, hat mir geraten, das nicht zu sagen; es könnte vielleicht wieder gefährlich werden. Ich sprach erst vor drei oder vier Jahren öffentlich darüber. Das ist mir nicht leichtgefallen.

Sind Sie Mitglied einer Gemeinde?
Nein, aber nicht etwa wegen einer Distanz zum organisierten Judentum, sondern weil ich mich mit meinem Glauben individuell auseinandersetze.

Pessach steht an, hat das eine Bedeutung für Sie?
Im Krieg war das Nichtjüdischsein überlebenswichtig. Davon haben sich meine Eltern nie erholt. Mein Mann und ich haben versucht, unseren Kindern Rituale mitzugeben. Dafür habe ich mir viel angelesen, aber ich war nicht wirklich glaubwürdig. Das bedaure ich sehr, mir fehlt da auch selbst ein Stück Identität. Aber das kann man sich im Leben nicht immer aussuchen.

Seit 2017 sind Sie Ministerin in Kiel, einige sehen Sie auch auf dem Weg an die Kabinettsspitze. Gibt es irgendwann die erste jüdische Ministerpräsidentin?
Mir wird ja oft Ehrgeiz nachgesagt, aber mein Ehrgeiz ist in meinem Ministerium voll befriedigt. Ich empfinde es als großes Privileg, in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Kultur Politik gestalten zu können!

Mit der schleswig-holsteinischen Bildungsministerin und Sprecherin des Jüdischen Forums in der CDU sprachen Detlef David Kauschke und Martin Krauß.

Madrid

Kritik an Zara wegen Halloween-Kostüm mit Ähnlichkeit zu KZ-Kleidung

Die Hintergründe

 01.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  01.10.2026

Aufruf

Rapper Danger Dan: Man darf sich von Angst nicht lähmen lassen

Das ZDF untersagte im Sommer den Auftritt von Danger Dan und Igor Levit mit ihrem Song »Keine Angst« in der Satire-Sendung »Die Anstalt«. Doch das Lied motivierte andere, aktiv zu werden gegen Neonazi-Umtriebe

von Barbara Just  01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Terrorismus

Sicherheitsbehörden verhindern Mordanschläge auf jüdische Ziele in Deutschland

Die Hintergründe

 01.10.2026

Washington D.C.

Keith Sonderling als US-Arbeitsminister bestätigt

In den Vereinigten Sraaten ist der in New York geborene Anwalt bereits der vierte Jude, der dieses Amt ausübt

 01.10.2026

Der RAF-Stützpunkt Fairford, im Hintergrund ein B1-Bomber

London

Vorfall bei US-Militärbasis: »Hinweise« auf Beteiligung eines Drittstaates

Nach dem Vorfall an einem US-Luftwaffenstützpunkt in Großbritannien kommen immer mehr Details ans Licht. Andy Burnham bestätigt nun eine mögliche Verbindung zu einem ausländischen Akteur.

 01.10.2026

Berlin

Linken-Politiker Ferat Koçak gibt Sitz im Innenausschuss ab

Der Wahlsieg der Linken lässt die Linken jubeln. Doch Fotos werfen Fragen zu Mitfeiernden auf. Der Neuköllner Bundestagsabgeordnete steht besonders in der Kritik und zieht nun Konsequenzen

 01.10.2026

Berlin

Linke, Grüne und SPD reden über Antisemitismus

Die drei potenziellen Koalitionspartner diskutieren nach der Wahl gemeinsam über Judenhass und organisierte Kriminalität. Warum das offiziell noch keine Sondierungen sind

 01.10.2026