Interview

»Es kann passieren, dass Juden Europa den Rücken kehren werden«

Armin Laschet empfing am Donnerstag Moskaus Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt (M.) und CER-Generalsekretär Gady Gronich.

Der Präsident der orthodox geprägten Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER), Moskaus Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, hat sich am Donnerstag in Düsseldorf mit dem NRW-Ministerpräsidenten und CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet ausgetauscht. Über die Themen dieser Begegnung, Erwartungen an die Bundesregierung, die Lage von Juden in Europa und das laufende Festjahr zu »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« sprach Goldschmidt im Interview.

Oberrabbiner Goldschmidt, über welche Themen haben Sie sich mit dem NRW-Ministerpräsidenten und CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet ausgetauscht?
Wir sprachen über die Zukunft der Juden in Europa und über jüdisches Leben sowie über Probleme, die wir haben. Wir möchten, dass Deutschland mit seinem künftigen Kanzler, wer auch immer das sein wird, uns bei der Bewältigung der Herausforderungen, die unsere Gemeinden haben, unterstützt.

Wenn Sie nun mit Armin Laschet gesprochen haben, bedeutet das, dass Sie ihm vor allem den Umgang mit diesen Herausforderungen zutrauen?
Die Union hat eine sehr klare Haltung, was den Schutz jüdischen Lebens hierzulande angeht und hat gerade nach der jüngsten Eskalation des Nahostkonflikts eine klare Kante gegen diesen unerträglichen Antisemitismus gezeigt. Hier liegen unsere Hoffnungen, dass die CDU/CSU auch weiterhin für eine nachhaltige Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland und Europa einsteht.

Planen Sie denn auch Begegnungen mit den weiteren Kandidaten Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne)?
Ja, ich würde mich freuen, wenn ich den guten Austausch, den ich heute mit Armin Laschet hatte, auch mit seinen Gegenkandidaten führen könnte.

Sie sprachen Probleme der jüdischen Gemeinschaft in Europa an. Welche sind das vor allem?
Da ist insbesondere die Religionsfreiheit, die mehr und mehr unter Druck gerät. In einigen skandinavischen Ländern ist die Debatte über die Beschneidung von Jungen aufgeflammt. Und in Teilen Belgiens bereitet Juden das Verbot des Schächtens, also des rituellen Schlachtens von Tieren ohne Betäubung, Probleme. Viele Politiker sagen, dass Europa ohne Juden kein Europa wäre. Gleichzeitig nehmen sie aber in Kauf, dass die Religionsfreiheit durch Gesetzgebungen gefährdet oder sogar beschnitten wird. Das kann zur Folge haben, dass Juden Europa den Rücken kehren werden.

Wie ist es um die Religionsfreiheit in Deutschland bestellt?
Es hat in Deutschland zwar auch eine Debatte über die Beschneidung als angebliche Körperverletzung gegeben, das war im Jahr 2012. Sie ist dann aber befriedet worden. Die Beschneidung ist in Deutschland möglich, und auch das Schächten wird nicht unterdrückt. Somit könnte Deutschland ein Modell für andere Staaten werden. Es gibt zwei Länder in Europa, in denen die Zahl der Juden wächst: Deutschland und Monaco.

Woran liegt das?
Deutschland hat viel getan, um die Immigration von Juden zu unterstützen und steht an der Seite der jüdischen Gemeinden. Auch ist es das europäische Land, in dem es die meisten Neubauten von Synagogen gibt. Und der kleine Staat Monaco hat viele Juden aus Osteuropa aufgenommen.

Zugleich ist hierzulande Antisemitismus ein großes Problem. Die Zahl der erfassten antisemitisch motivierten Straftaten stieg 2020 um 15,7 Prozent auf 2351.
Antisemitismus wird immer ein Problem bleiben. Dabei ist die Frage entscheidend, was Politik und Sicherheitsbehörden tun, um Täter zu bestrafen und jüdische Gemeinden zu unterstützen. Wichtig ist der Wille, entsprechende Taten konsequent zu ahnden, aber auch mehr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu tun und den Sumpf des Antisemitismus auszutrocknen.

Israels Präsident Reuven Rivlin hat anlässlich des Besuchs von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gesagt, Deutschland sei ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Hass. Wie sehen Sie das?
Deutschland ist einer der größten Verbündeten von Israel, Europa und der jüdischen Gemeinschaft. Es ist ein Glücksfall, so einen inzwischen wichtigen Partner an unserer Seite zu haben.

Hierzulande wird aktuell ein Festjahr zu 1700 Jahren jüdischen Lebens auf dem Gebiet, das heute Deutschland ist, gefeiert. Kann dies zu einem verstärkten Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinschaft beitragen?
Ich hoffe es sehr, denn das Festjahr ist eine wirklich gute Idee. Die Konferenz der Europäischen Rabbiner wird unter dem Eindruck dieses Festjahres ihre nächste Generalversammlung Ende November in München veranstalten. Es ist der eindrucksvolle Beweis, dass jüdisches Leben hierzulande blüht und ein fester, selbstverständlicher und lebendiger Bestandteil Deutschlands ist. Doch viele Deutsche haben bislang wenig oder keine Berührungspunkte mit jüdischem Leben gehabt, waren noch nie in einer Synagoge, haben noch nie mit einem Rabbiner gesprochen oder haben jüdische Bekannte und Freunde. Ich wünsche mir, dass das Festjahr der Startpunkt ist, dass beide Seiten viel mehr übereinander erfahren, voneinander lernen und viele Gemeinsamkeiten entdecken.

Das Interview führte Leticia Witte.

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