Interview

»Es braucht einen klaren Neuanfang«

Daniel Botmann Foto: Marco Limberg

Interview

»Es braucht einen klaren Neuanfang«

Daniel Botmann über den massiven Machtmissbrauch von Walter Homolka, weitere Vorwürfe und notwendige Reformen der Rabbinerausbildung in Potsdam

von Philipp Peyman Engel  01.03.2023 18:21 Uhr Aktualisiert

Herr Botmann, als Konsequenz aus den zahlreichen massiven Verfehlungen von Rabbiner Walter Homolka hat der Zentralrat der Juden nun angekündigt, eine tragfähige Struktur für die liberale und konservative Rabbinerausbildung in Potsdam entwickeln zu lassen. Wie sollte diese Ihrer Ansicht nach beschaffen sein?
Bei der Neuentwicklung der Struktur steht im Vordergrund, dass ein Machtmissbrauch, wie er von zwei unabhängigen Untersuchungen festgestellt wurde, nicht mehr stattfinden kann. Die neue Struktur muss eine Ausbildung gewährleisten, die den jeweiligen religiösen Ausrichtungen des Abraham Geiger Kollegs und des Zacharias Frankel College entspricht und fest innerhalb der Religionsgemeinschaft verankert sein. Das ist der Auftrag, den der renommierte Religionsverfassungsrechtler Professor Gerhard Robbers nun hat.

Ist bereits absehbar, wann die Ausarbeitung vorliegen wird?
Der Entwurf soll im ersten Quartal des neuen Jahres fertiggestellt sein. Die seit Mai vorherrschende Hängepartie darf nicht unnötig verlängert werden. Auf dem Weg zu dem Entwurf soll mit allen beteiligten Stakeholdern gesprochen werden. Vor allem die Perspektive der Beschäftigten und der Studierenden ist uns sehr wichtig.

Ende Oktober hat die Universität Potsdam ihre Untersuchung der Vorwürfe gegen Walter Homolka vorgestellt. Die Darstellungen des Machtmissbrauchs lesen sich vernichtend. Jetzt hat die vom Zentralrat beauftragte unabhängige Kanzlei Gercke Wollschläger eine Kurzzusammenfassung ihrer Ermittlungen präsentiert. Mit welchem Ergebnis?
Festgestellt wurde ein breit angelegter und strukturell verankerter Machtmissbrauch durch Walter Homolka, den Gründer und Besitzer beider Rabbinerausbildungsstätten. Es herrschte laut den Untersuchungsführern eine »Kultur der Angst«. […] Wir sprechen hier über die Ausbildung von Geistlichen – da müssen höchste ethische und moralische Standards gelten.

Viele Opfer des Machtmissbrauchs von Walter Homolka haben sich in ihrer Not auch direkt an den Zentralrat gewandt. Mit welchen Eindrücken sind Sie aus diesen Gesprächen gegangen?
Wir haben als Zentralrat die Studierenden eingeladen, in einem sogenannten Safe Space zu sprechen. Die Erfahrungen, von denen sie berichtet haben, waren schlicht verstörend.

Inwiefern?
Die institutionell verankerte Angst war so tiefgehend, dass sich über Jahre hinweg niemand getraut hat, über Vorkommnisse zu sprechen. Ich persönlich war ob dieser emotionalen Schilderungen schockiert. Kein Student sollte sein Studium in Angst absolvieren müssen.

Die Union progressiver Juden (UpJ) hat nun ihrerseits mitgeteilt, dass sie die Trägerschaft der Rabbinerausbildungen in Potsdam übernehmen wird. Eine akzeptab­le Ankündigung?
Die UpJ hat Homolkas Machtsystem über Jahre mitgetragen und unterstützt. Die jetzige Vorsitzende Irith Michelsohn ist eine langjährige enge Vertraute von Walter Homolka, die als Geschäftsführerin und Generalsekretärin unter seiner Führung gearbeitet hat. Die UpJ hat kürzlich ein Gutachten zu der Frage erstellen lassen, ob die Universität Potsdam einen Machtmissbrauch von Walter Homolka überhaupt hätte feststellen dürfen. Anstatt sich mit den Schicksalen Betroffener auseinanderzusetzen, versucht man weiterhin, zu vertuschen und zu bagatellisieren. So publizierte die UpJ auf ihrer Website: »Es war kein Machtmissbrauch!« Erst nachdem der Zentralrat das öffentlich kritisiert hat, wurde die Meldung entfernt. Die UpJ handelt leider weiterhin gegen die Interessen der Studierenden.

Spricht die UpJ, die sich aus zwei Dutzend liberalen Gemeinden zusammensetzt, mit einer Stimme?
Es geht ein tiefer Riss durch die UpJ. Viele liberale jüdische Gemeinden wollen den Machtmissbrauch und die anderen Skandale in der Rabbinerausbildung nicht akzeptieren. Sie sind irritiert, wie sich die UpJ aktuell verhält. Sie wollen nicht, dass weiter mit Angst und Repressionen gearbeitet wird.

Wie positioniert sich der Zentralrat gegenüber diesen liberalen jüdischen Gemeinden?
Der Zentralrat arbeitet mit allen liberalen jüdischen Gemeinden eng zusammen. Alle jüdischen Gemeinden in Deutschland, ob liberal oder Einheitsgemeinde, ob Mitglied des Zentralrats oder nicht, erhalten dieselben Dienstleistungen des Zentralrats, die auch ausnahmslos von allen jüdischen Gemeinden angenommen werden. Der Zentralrat wird selbstverständlich auch für die liberalen jüdischen Gemeinden da sein, die sich für einen Austritt aus der UpJ entscheiden. Wir werden sie unterstützen und in dieser schwierigen Zeit ganz sicher nicht alleinlassen.

Wie realistisch ist es, dass die UpJ die Leitung der Rabbinerausbildung in Potsdam künftig tatsächlich verantworten wird?
Die geistliche Ausbildung ist Sache der Religionsgemeinschaften. So wird es auch bei der evangelischen und der katholischen Kirche gehandhabt. Bisher war die Potsdamer Rabbinerausbildung Homolkas Privat-Business. Künftig muss die Rabbinerausbildung von der Religionsgemeinschaft auf Bundesebene, sprich: dem Zentralrat der Juden, getragen werden. Die UpJ ist keine eigenständige Religionsgemeinschaft.

Der Zentralrat ist der größte Mittelgeber der Rabbinerausbildung in Potsdam. Wie positionieren sich die anderen Geldgeber, also Bundesinnenministerium, brandenburgisches Wissenschaftsministerium und Kultusministerkonferenz?
Die Meinung ist einhellig: Es braucht einen klaren Neuanfang. Da sind sich alle Beteiligten einig. Wie dieser Neuanfang aussehen könnte, wird derzeit erarbeitet.

Walter Homolka hat Widerstand angekündigt – und will nun gegen den Zentralrat vorgehen. Der Zentralrat wurde im Namen Homolkas zu einer Unterlassungserklärung und öffentlichen Richtigstellung aufgefordert. Wie reagieren Sie darauf?
Das Schreiben wird gegenwärtig von unseren Anwälten geprüft und eine Erwiderung vorbereitet. Es sind die üblichen Einschüchterungsversuche, mit denen Homolka seit Jahren arbeitet. Nichts Neues.

Auch unter Journalistenkollegen ist bekannt, dass Homolka bei kritischer Berichterstattung sofort juristische Schritte einleitet. Diese Zeitung ist ebenfalls davon betroffen. Nicht wenige Medienhäuser meiden dieses Thema deshalb gern …
Es passt ins Bild: Er hat sich zu keinem Zeitpunkt konstruktiv an der Aufklärung der Vorwürfe beteiligt, Fristen gerissen, Abgaben angekündigt, um diese dann ebenfalls nicht zu erfüllen. Medien wurden abgemahnt. Das gehört mit zu seiner Strategie der Einschüchterung und Vertuschung.

Homolka hat des Öfteren darauf verwiesen, seine Ämter ruhen zu lassen, bis alle Vorwürfe aufgeklärt sind. Wie glaubwürdig ist das?
Überhaupt nicht!

Aus welchem Grund?
Es handelt sich um ein weiteres Ablenkungsmanöver. Die beiden Rabbinerausbildungsstätten sind gGmbHs. Im Handelsregister wird Homolka bei beiden gGmbHs weiter als Geschäftsführer geführt. Das Gesellschaftsrecht kennt ein Ruhenlassen der Geschäftsführung gar nicht.

Unterdessen wird Homolka nicht müde zu betonen, dass der Zentralrat das liberale Judentum angeblich zu schwächen versuche. Was antworten Sie ihm?
Homolka scheint es nur noch um seine eigene Person zu gehen und schon lange nicht mehr um das liberale Judentum. Andernfalls würde er nicht immer wieder einen Kampf zwischen orthodoxem und liberalem Judentum heraufbeschwören, den es so nicht gibt, und schon gar nicht mit dem Zentralrat. Wir vertreten und fördern alle Strömungen des Judentums in gleichem Umfang. Wer einen Kampf zwischen orthodoxem und liberalem Judentum in Deutschland herbeiredet, ist gedanklich vor über 20 Jahren hängen geblieben. Der Kampf, den wir heute führen müssen, ist der um die Jüdinnen und Juden, die gar nicht mehr in die Synagoge kommen und sich vom Judentum abgewendet haben. Es geht außerdem um die Frage, wie das Judentum zur gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland verstärkt einen Beitrag leisten kann. Die jüdische Gemeinschaft muss zusammenstehen – und zwar über alle Strömungen hinweg.

Das Gespräch mit dem Geschäftsführer des Zentralrats der Juden führte Philipp Peyman Engel.

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