Asyl

Erste Bundesländer schieben Jesiden ab

Außenministerin Annalena Baerbock besuchte Anfang des Jahres einen jesidischen Friedhof im nordirakischen Dorf Kocho. In der Gegend verübte der Islamische Staat 2014 einen Völkermord an den Jesiden Foto: picture alliance/dpa

Nach Jahren des Mordens rief der Islamische Staat (IS) 2014 das Kalifat aus. Es war der Beginn einer Eskalation des Terrors und es sollte Monate dauern, bis der Westen die Gefahr erkannte und zum Gegenschlag ausholte.

Eine Gruppe, die von Anfang an im Zentrum des Hasses der muslimischen Gotteskrieger aus aller Welt stand, die sich im IS zusammenfanden, waren die Jesiden. Die in den kurdischen Bergen lebenden Anhänger dieser mindestens 800 Jahre alten Religion wurden zu Hunderttausenden vom IS umzingelt. Über 10.000 Jesiden wurden ermordet. 7000, vor allem Frauen und junge Mädchen, wurden versklavt. Als erster europäisches Parlament erkannte der Bundestag am 19. Januar dieses Jahres die Verbrechen des IS als Völkermord an den Jesiden an.

400.000 flohen aus ihren angestammten Siedlungsgebieten. Wer es von ihnen nach Deutschland schaffte, erhielt bis Ende 2017 Asyl, wenn er die Zugehörigkeit zur Gruppe der Jesiden belegen konnte. Doch mit der militärischen Niederlage des IS hat sich die Situation verändert: Von den 5396 Jesiden aus dem Irak, die 2022 Asyl in Deutschland beantragten, wurden nur 2420 Anträge positiv beschieden.

Nicht zumutbar

Nun haben die Bundesländer Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen begonnen, Jesiden in den Irak abzuschieben. An dieser Praxis änderte auch eine Stellungnahme des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge vom März nichts, in dem die Behörde feststellte, dass für jesidische Religionszugehörige aus dem Irak Abschiebung nicht statthaft wäre: »Dieser Personengruppe ist es ungeachtet veränderter Verhältnisse - nicht zumutbar, in den früheren Verfolgerstaat zurückzukehren. Die Unzumutbarkeit der Rückkehr ist mit dem vom sogenannten Islamischen Staat (IS) verübten Völkermord an den Jesiden begründet.«

In den vergangenen Wochen hat der Protest gegen diese Politik zugenommen. Auf einer Pressekonferenz in Hannover sprach Kai Weber, Geschäftsführer des Flüchtlingsrats Niedersachsen, von den »Displaced People Camps«, den Flüchtlingslagern, die bis heute im Norden des Iraks existieren und in denen die Jesiden unter armseligsten Bedingungen leben.

Die meisten Jesiden seien nicht in der Lage, dort ihren Lebensunterhalt auskömmlich zu gestalten: Es gebe gravierende Defizite im Bereich der Gesundheitsversorgung und des Schutzes vor Kälte. Alles sei mehr als provisorisch: »Es ist nicht einmal gelungen, diese Camps so auszustatten, dass die Menschen dort halbwegs gesichert und satt und trocken leben können.«

Es sei falsch zu glauben, die Menschen hätten eine Chance, in ihre alten Dörfer zurückzukehren und sich dort ein neues Leben aufzubauen, so Weber

Sozan Darman Ali Al Shaekh, aktiv bei Ezidxan International Aid e.V. und IS-Überlebende, lebt seit 2014 in Deutschland und sagt, was die Jesiden sich wünschen: »Wir wollten für uns ein sicheres Leben haben.«

Vor allem für Jesidinnen gebe es im Irak keine Perspektive, eine Arbeit zu finden und eine Ausbildung zu machen sei fast unmöglich: »Ich fordere, die Abschiebung in den Irak sofort zu stoppen«, sagt Darman Ali Al Shaekh.

Holger Geisler, Herausgeber des Lalis Dialogs und ehemaliger Sprecher des Zentralrats der Jesiden in Deutschland (ZYD) beschrieb die Dimension der Flucht: »Es gibt auf der Welt 1,2 Millionen Jesiden und davon leben 300.000 in Deutschland.« Vor dem Genozid 2014 seien es nur 120.000 gewesen. »Das heißt, diese Community hat sich fast verdreifacht.« Natürlich bringe das Problem mit sich.

Gut gelungen

»Aber alle Bundesländer erklären auf Nachfrage, dass die Integration der hier lebenden Jesiden wirklich sehr gut gelungen ist. Dass dennoch von Abschiebung in dieser Dimension gesprochen wird, ist unfassbar und mehr nicht nachzuvollziehen«, so Geisler. Deutschland würde Menschen in den Irak zurückschicken, die sehr gut integriert seien, im Berufsleben stehen oder sich in einer Ausbildung befinden.

Die SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag will die Abschiebungen von Jesiden aussetzen und fordert die schwarz-grüne Landesregierung auf, sich auf Bundesebene für eine solche Regelung einzusetzen. Nach ihren Vorstellungen soll eine Stichtagsregelung eingeführt werden, die Jesidinnen und Jesiden, die bis zum 1. November dieses Jahres Schutz in der Bundesrepublik gesucht haben, vor Abschiebungen schützt.

Das fordert auch ein offener Brief, der unter anderem von der Jüdischen Gemeinde Celle, Remko Leemhuis, dem Direktor des American Jewish Committees in Berlin, Gerhard Wegner, dem Niedersächsischen Landesbeauftragter gegen Antisemitismus und Enno Stünkel vom Celler Netzwerk gegen Antismitismus sowie zahlreichen Politikern unterschrieben wurde.

Stetige Angst

Einer von ihnen, der Bochumer Bundestagsabgeordnete Max Lucks (Grüne) sagte: »In Deutschland lebt die größte jesidische Diaspora. Das verpflichtet uns, als Bundestag aktiv zu werden. Erlebte Traumata, die stetige Angst, nicht in Sicherheit zu leben, das Gefühl, dass die Welt nicht auf die humanitäre Lage der Jesidinnen und Jesiden schaut, mit unserer Initiative möchten wir genau hierunter einen Schlussstrich ziehen,« erklärte Lucks.

Ob seine Parteifreunde im nordrhein-westfälischen Landtag das auch so sehen, wird sich zeigen. Der offene Brief wurde allerdings auch von Unionsabgeordneten wie Jonas Geissler und Michael Brandt unterschrieben. Der Einsatz gegen die Abschiebungen der Jesiden ist nicht an Parteibücher gebunden, was die Chancen erhöht, eine Einigung zu finden.

Berlin

Merz lehnt Apartheid-Vergleich von Israel entschieden ab

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas hat Israel mit einem Apartheid-System verglichen. Merz widerspricht sehr deutlich

 18.06.2026

Washington

US-Vize Vance verbittet sich israelische Kritik an Trump

Aus der israelischen Regierung wird Kritik laut – nicht nur am Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran, sondern auch an Präsident Trump. Dessen Vize kann mit damit allerdings gar nichts anfangen

 18.06.2026

Kommentar

Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde

Bisweilen wirkt die Debatte um KI-generierte Texte absurd. Denn die Qualität eines Arguments sollte entscheidender sein als sein Urheber

von Leeor Engländer  18.06.2026

Meinung

Wie Höcke die AfD zur Abrissbirne der Demokratie machen will

Die jüngsten Aussagen des Thüringer AfD-Chefs zeigen einmal mehr, wes Geistes Kind Björn Höcke ist und was er mit Deutschland vorhat: nichts Gutes

von Michael Thaidigsmann  18.06.2026

Wirtschaft

Weiter wenig Schiffsverkehr durch Straße von Hormus

Vor dem Krieg passierten täglich Hunderte Schiffe die Meerenge. Dann kam der Verkehr weitgehend zum Erliegen, weil der Iran Reedern drohte. Kommt nach der Einigung mit den USA ein Aufschwung?

 18.06.2026

Interview

»Die Anständigen sind zu leise«

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) über Antisemitismus, wachsende Zustimmung zur AfD und die Rolle sozialer Medien

von Michael Thaidigsmann  18.06.2026

Diplomatie

Israel bricht Beziehungen zu EU-Außenbeauftragter Kallas ab

Außenminister Gideon Sa’ar will mit Kaja Kallas so lange nicht mehr reden, bis sie sich für ihren Vorwurf, Israel praktiziere Apartheid, entschuldigt

von Michael Thaidigsmann  18.06.2026

Bremen

Acht Meter breite Parolen an Schulen gesprüht

Unbekannte haben zwei Schulzentren im Bremer Stadtteil Walle mit großflächigen Farbschmierereien beschädigt. Sie schrieben unter anderem »FCK ISRAEL« und »Free Palestine«

 18.06.2026

Rias-Antisemitismusbericht

Bitterer Alltag

Manchmal sind es Gesten, manchmal Pöbeleien, manchmal übelste Drohungen und Gewalt: Jüdinnen und Juden erleben in Deutschland täglich Feindseligkeit. Was tut die Gesellschaft?

von Verena Schmitt-Roschmann  18.06.2026