Die Terrororganisation Hamas plant offenbar längst nicht mehr nur Anschläge in Israel, sondern auch auf europäischem Boden. Zu diesem Schluss kommen laut einem Bericht der »NZZ« Ermittler mehrerer Länder. Sie deckten demnach in den vergangenen Monaten ein Netzwerk auf, das sich von Griechenland und Zypern über Deutschland bis nach Österreich und Skandinavien erstreckt.
Im Zentrum der jüngsten Enthüllungen steht die Festnahme eines 37-jährigen Ägypters palästinensischer Herkunft Anfang Juni auf Kreta. Der Mann, der in griechischen Medien unter dem Namen Motasem geführt wird, arbeitete zuletzt als Elektriker in einem Luxushotel im Touristenort Agios Nikolaos. Bei einer nächtlichen Razzia einer griechischen Spezialeinheit stießen die Ermittler in seiner Athener Wohnung auf Chemikalien, eine Präzisionswaage sowie weitere Ausrüstung, die typischerweise zum Bau von Bomben verwendet wird.
Operation »Odin«
Den entscheidenden Hinweis hatte zuvor die zypriotische Polizei geliefert, die zwei Wochen vorher zwei mit Motasem in Verbindung stehende Palästinenser nahe Larnaka festgenommen hatte. Die anschließende Beobachtungsoperation trug den Namen »Odin«.
Ermittler gehen davon aus, dass die Zelle einen Anschlag auf ein israelisches Kreuzfahrtschiff vorbereitete, das regelmäßig griechische Häfen anläuft und dabei wiederholt Ziel israelfeindlicher Proteste war. Bereits ein Jahr zuvor war Motasem dem »NZZ«-Bericht nach bei einem früheren Anlegemanöver zusammen mit vier weiteren Palästinensern von der Polizei kontrolliert, damals aber nicht festgenommen worden.
Für die Täter bot Griechenland demnach gleich mehrere strategische Vorteile: ein prominentes, wegen der Proteste ohnehin polarisierendes Ziel sowie eine Flugverbindung von Larnaka nach Beirut, dem Sitz zahlreicher Hamas-Funktionäre, die in nur 40 Minuten zu bewältigen ist. Einem weiteren Zellenmitglied war zudem die illegale Einreise aus dem türkisch besetzten Nordteil Zyperns gelungen.
Spuren nach Deutschland
Die festgenommenen Personen stellen möglicherweise nur einen kleinen Teil eines großen Netzwerks dar. Immer wieder führen die Spuren dabei nach Deutschland: Seit Oktober vergangenen Jahres ließ die deutsche Bundesanwaltschaft insgesamt neun Männer festnehmen – teils im Inland, teils in Zusammenarbeit mit ausländischen Behörden, etwa in Kopenhagen, an den Flughäfen Berlin-Brandenburg und Larnaka sowie in London und Wien.
Besonders brisant: Generalbundesanwalt Jens Rommel geht davon aus, dass die Festgenommenen einen Anschlag auf jüdische oder israelische Einrichtungen in Europa vorbereiteten – und offenbar bereits ein konkretes Datum ins Auge gefasst hatten. Als Anschlagstag soll der 7. Oktober 2025 vorgesehen gewesen sein, der zweite Jahrestag des Hamas-Überfalls auf Israel. Bei den Ermittlungen fanden die Behörden zudem ein bereits produziertes Bekennervideo.
Die Rekonstruktion der Ermittler zeichnet das Bild eines Netzwerks, dem es monatelang gelang, Waffen weitgehend unbemerkt quer durch Europa zu schleusen. Im Sommer 2025 sollen so rund fünf Pistolen des Herstellers Glock von Dänemark über Berlin nach Wien gebracht worden sein: Der dänische Staatsbürger Yousif C. übergab die Waffen in Berlin an einen deutschen Mittelsmann, der sie an den eigens aus Großbritannien angereisten Mohammed A. weiterreichte.
Versteck in Wien
Dieser transportierte die Fracht schließlich in ein Versteck in Wien, das die österreichische Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst im November vergangenen Jahres ausheben konnte. Insgesamt sollen laut über dieses Netzwerk mindestens 13 Pistolen, ein Sturmgewehr vom Typ AK-47 sowie mehr als 900 Schuss Munition durch Skandinavien, Deutschland und Österreich geschmuggelt worden sein.
Es ist nicht das erste Mal, dass Deutschland der Hamas als logistische Drehscheibe dient. Erst im Frühjahr verurteilte ein Berliner Gericht vier Mitglieder einer Zelle zu mehrjährigen Haftstrafen. Der Prozess machte deutlich, dass die Organisation bereits lange vor dem 7. Oktober 2023 begonnen hatte, Waffenverstecke in Europa anzulegen.
Den Ursprung markiert offenbar ein Fund der bulgarischen Polizei: Im Dezember 2023 gruben Ermittler nahe der Stadt Plowdiw einen Koffer mit Waffen und Munition aus – ausfindig gemacht anhand von Fotos auf dem Mobiltelefon des Libanesen Ibrahim el-Rassatmi, eines Mitglieds der später verurteilten Berliner Zelle. Den Befehl zur Anlage solcher Depots soll er bereits im April 2019 von der Hamas-Führung im Libanon erhalten haben. Weitere Lager wurden den Ermittlungen zufolge auch in Dänemark und Polen errichtet. Behörden vermuten weitere Verstecke in der deutsch-polnischen Grenzregion.
Auffälliges Muster
Im Februar 2023 – acht Monate vor dem Massaker vom 7. Oktober – erhielt die deutsche Zelle demnach aus dem Libanon den Auftrag, die Waffen nach Deutschland zu bringen und dort einen Anschlag gegen jüdische, israelische oder amerikanische Ziele vorzubereiten. Als mögliche Ziele sollen die Ermittler unter anderem die US-Militärbasis Ramstein, die israelische Botschaft in Berlin sowie das Tempelhofer Feld identifiziert haben. Die Suche nach den vergrabenen Waffen gestaltete sich für die Täter offenbar schwierig: Mehrfach überquerten sie mit Rucksäcken, Schaufeln und Werkzeug die deutsch-polnische Grenze und mussten unverrichteter Dinge wieder umkehren – ein auffälliges Muster, das schließlich zur Festnahme im Dezember 2023 führte.
Gesteuert wurden die Anschlagspläne den Erkenntnissen zufolge aus dem Libanon. Mitglieder der Berliner Zelle reisten dorthin, um Khalil al-Kharraz zu treffen, einen ranghohen Kommandeur der Kassam-Brigaden, des militärischen Arms der Hamas. Kharraz wurde 2023 von der israelischen Armee getötet. Aufnahmen von seiner Beerdigung in der libanesischen Stadt Tyros zeigen später identifizierte Mitglieder der Berliner Zelle unter den Trauergästen.
Die Hamas selbst bestreitet jede Verbindung zu den in Europa festgenommenen Männern. Die Vorwürfe seien der Versuch, »den Ruf der Bewegung zu beschmutzen«, erklärte die Organisation. Man beschränke den »Kampf gegen die zionistische Besetzung« ausschließlich auf Palästina. Terrorismusexperten halten diese Darstellung für wenig glaubwürdig. im