Interview

Erinnern ohne AfD

Jens-Christian Wagner Foto: picture alliance/dpa

Herr Wagner, Sie haben gerade in Karlsruhe zum Thema »Wie gefährdet ist unsere Demokratie?« gesprochen. Wie lautet Ihre Antwort bezogen auf Thüringen?
In Thüringen ist die Demokratie noch einmal deutlich stärker gefährdet als in den meisten anderen Bundesländern, allein weil die AfD als eine gesichert rechtsextreme Partei dort in Umfragen bei über 30 Prozent steht. Wenn kleinere Parteien bei der Landtagswahl an der Fünfprozenthürde scheitern, sind 30 Prozent gar nicht mehr so weit entfernt von einer absoluten parlamentarischen Mehrheit. Dazu kommt: In Thüringen wie auch in anderen vor allem östlichen Bundesländern haben wir eine sehr starke rechtsoffene bis rechtsextreme Mischszene aus den sogenannten Montagsspaziergängern, Pandemieleugnern, Putin-Propagandisten und Reichsbürgern oder auch Anhängern von rechtsextremen Kleinparteien. Die Lage ist mit einem Wort beschrieben: besorgniserregend.

Ist auf die bürgerliche Mitte kein Verlass mehr?
Rechtsextremes Gedankengut – zwar nicht im Sinne eines geschlossenen rechtsextremen Weltbildes – ist partiell auch in die Mitte der Gesellschaft eingedrungen, und das nicht erst seit gestern. Gefährlich wird es, wenn die bürgerliche Mitte, wenn Parteien wie die CDU oder die FDP ein wie auch immer geartetes Regierungsbündnis mit der AfD eingehen, sei es zum Beispiel in Form einer formellen oder informellen Tolerierung.

Welche Auswirkungen hätte das auf die Gedenkstättenarbeit?
Die Auswirkungen wären massiv. Im schlimmsten Fall könnte eine AfD-Politikerin oder ein AfD-Politiker Stiftungsratsvorsitzender werden. Noch stärker könnte der Einfluss in finanzieller Hinsicht sein: Der Stiftungshaushalt wird je zur Hälfte von Bund und Land getragen. Wenn eine von der AfD getragene oder tolerierte Regierung der Meinung ist, die Stiftung soll weniger Geld bekommen, dann kann sie das per Landtagsbeschluss durchsetzen. Und wenn der Landesanteil gesenkt wird, muss nach derzeitiger Rechtslage auch der Bundesanteil sinken.

Um welche Summen geht es?
Wir haben inklusive Baumittelinvestitionen und Drittmittelprojekten in diesem Jahr einen Haushalt von etwa zwölf Millionen Euro.

Die AfD hat mehrfach versucht, an Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenken teilzunehmen. Bisher haben Sie Vertretern dieser Partei stets die Tür gewiesen.
Ja, seit Björn Höcke 2017 in einer Rede in Dresden eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad gefordert hat. Das war kurz vor dem Gedenken für die NS-Opfer am 27. Januar, und Höcke hat damals tatsächlich versucht, an der Gedenkfeier hier in Buchenwald teilzunehmen. Die Polizei hat ihn aufgegriffen und das für diesen Tag geltende Hausverbot umgesetzt.

Dieses Hausverbot gilt so nicht mehr?
AfD-Politiker haben hier kein Hausverbot. Aber sie haben das Verbot, an Veranstaltungen teilzunehmen. Sollte es eine Regierung geben, die von der AfD getragen ist, oder sogar einen Ministerpräsidenten Höcke, wird sich daran nichts ändern.

In die Gedenkstätte Sachsenhausen kamen immer wieder auch Besuchergruppen des Bundestages auf Einladung von AfD-Abgeordneten. Gab es so etwas auch in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald?
Nein, hier nicht. Ehrlich gesagt sind wir froh, dass wir weit genug von Berlin entfernt sind. Wenn die AfD eine Gruppe anmelden würde, würden wir eine Betreuung verweigern.

Kommt dann nicht rasch die Frage nach dem Neutralitätsgebot?
Ja, sie kommt. Und dann sage ich: Angriffe auf den gesetzlich definierten Stiftungszweck nehmen wir nicht hin. Solche Angriffe kommen ja von der AfD notorisch. Und genau an dieser Stelle endet dann auch unsere Neutralität. Dann sind wir nicht nur nicht neutral, dann sind wir parteiisch. Parteiisch im Sinne des Stiftungszwecks, im Sinne der Würde der NS-Verfolgten.

Wenn die AfD beim Holocaust-Gedenken Präsenz zeigen will, bezieht sie sich ja auf die Lehrsätze von Götz Kubitschek, Stichwort: Selbstverharmlosung. Was lässt sich gegen diese Strategie unternehmen?
Selbst wenn die AfD-Leute sich vor Ort gar nicht provokant äußern – allein die Anwesenheit eines Vertreters einer Partei, die gegen die Gedenkstättenarbeit ist, gegen die Erinnerungskultur, gegen die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, wäre eine Normalisierung. Das darf und wird es mit uns nicht geben.

Diese Normalisierung schreitet ja längst voran. AfD-Politiker sitzen in den Fernseh-Talkshows. Und sie werden auch eingeladen, wenn es vor den Landtagswahlen Podiumsdiskussionen mit den Direktkandidaten in den Wahlkreisen gibt. Was empfehlen Sie der Politik und den Medien?
Entzauberung funktioniert nicht. Als Demokrat oder Demokratin kann man in solchen Diskussionen nur verlieren, weil die AfD schon die Teilnahme immer als einen Sieg verbuchen wird, weil sie nämlich deren Position als Position innerhalb eines zulässigen Meinungsspektrums normalisiert und legitimiert. Zweitens: Gezielter Desinforma­tion, wie die AfD sie betreibt, lässt sich im direkten Austausch nicht mit sachlichen Argumenten begegnen.

Die »Correctiv«-Recherche über das Treffen in Potsdam hat eine Welle von Protesten für die Demokratie ausgelöst, auch in der Provinz. Wie kann das verstetigt werden?
Diese Proteste sind außerordentlich positiv und machen Mut. Und dies, obwohl der »Correctiv«-Bericht eigentlich gar keinen Neuigkeitswert hatte. Denn von »Remigration« redet die AfD schon sehr lange. Jetzt ebbt die Demonstrationswelle etwas ab. Aber wichtig ist, dass die vielen Menschen, die sich gerade auch in der Provinz zivilgesellschaftlich engagieren, jetzt wissen, dass sie nicht allein sind. Wenn in einer Gemeinde 500 Leute demonstriert haben, dann heißt das für den Einzelnen: Da sind noch 499 andere, die nicht wollen, dass die Demokratie abgeschafft wird und wir in einem rechtsextremen, autoritären, nationalistischen Staat enden.

Jens-Christian Wagner ist Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Das Gespräch führte Matthias Meisner.

Teheran

Modschtaba Chamenei bleibt unsichtbar

Der neue »Oberste Führer« des Iran zeigt sich weiter nicht in der Öffentlichkeit. Eine verlesene Botschaft ersetzt seine Neujahrsrede

 20.03.2026

Bern

Schweiz stoppt Waffenexporte an die USA

Wegen ihres strikten Neutralitätsprinzips liefert die Schweiz vorerst keine Waffen mehr an die USA, weil diese am Krieg gegen den Iran beteiligt sind

 20.03.2026

Berlin

DIG kritisiert Deutschlands Rückzug im Verfahren zum angeblichen Genozid gegen Israel

»Deutschland opfert Israel seinen Ambitionen auf einen Sitz im Weltsicherheitsrat«, sagt DIG-Präsident Volker Beck. Und nennt es »schändlich«

 20.03.2026

Bildung

Stille im Vieh-Waggon - Jugendliche fühlen die Geschichte des ehemaligen KZ Bergen-Belsen

Jugendliche aus ganz Europa hören in Bergen-Belsen von Hunger, Enge und Angst - und stehen plötzlich selbst an den Orten des Grauens. Für viele ist der Besuch im früheren Konzentrationslager die erste intensive Begegnung mit der NS-Zeit

von Charlotte Morgenthal  20.03.2026

Argentinien

Argentinien übernimmt IHRA-Vorsitz

Das südamerikanische Land übernimmt die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Als erstes auf dem Kontinent

 20.03.2026

Oslo

Mette-Marit: Epstein hat mich manipuliert

Vertraute Mails und Liebes-Tipps: Ihre Freundschaft mit dem Sexualstraftäter hat Norwegens Kronprinzessin in Bedrängnis gebracht. Jetzt gab Mette-Marit ein Fernsehinterview

 20.03.2026

Meinung

Warum die Stellungnahme der USA beim IGH eine Enttäuschung ist

Die Intervention Washingtons vor dem Internationalen Gerichtshof nimmt zwar Israel gegen den Vorwurf des Genozids in Schutz. Sie liefert den Richtern aber kaum Argumente

von Menachem Z. Rosensaft  20.03.2026

Berlin

Berliner Spitzen-Linke kritisiert Zionismus-Beschluss

Ein Entscheid der niedersächsischen Linken gegen den »real existierenden Zionismus« sorgt auch in der eigenen Partei für Aufregung. Die Spitzenkandidatin für die Berlin-Wahl geht auf Distanz

 20.03.2026

Teheran

Iran meldet Tod von Revolutionsgarde-Sprecher bei Angriffen

Staatliche iranische Medien vermelden den Tod von Ali Mohammad Naini, der seit 2024 die Revolutionsgarde repräsentierte

 20.03.2026