Interview

»Eine andere Welt ist möglich«

Stephan Lessenich ist Direktor des IfS. Foto: picture alliance/dpa

Das Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS) steht seit 100 Jahren für eine kritische Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das intellektuelle Erbe seiner Protagonisten Horkheimer, Adorno, Marcuse oder Freud prägt die Arbeit nach Ansicht des aktuellen Leiters, des Soziologen Stephan Lessenich, bis heute.

Herr Professor Lessenich, Sie stehen seit anderthalb Jahren an der Spitze eines Hauses, das auf eine lange Tradition in der kritischen Gesellschaftstheorie zurückblicken kann. Was beutet dem IfS das Erbe von Horkheimer und Adorno, ist es Last oder Ansporn?
Das Erbe nicht nur von Horkheimer und Adorno, sondern überhaupt das intellektuelle Erbe der Protagonisten der Kritischen Theorie, ist das größte Kapital des Instituts - eine beständige Quelle von analytischer und diagnostischer Inspiration. Die kritische Haltung der »Frankfurter Schule« zu den herrschenden Verhältnissen, ihr Verweis darauf, dass - wie man heute vielleicht sagen würde - eine andere Welt möglich ist, dass die gesellschaftlichen Zwänge, denen wir in unserem Alltag allenthalben begegnen, letztlich selbstauferlegte Zwänge sind: All das gilt auch heute noch und inspiriert auch die gegenwärtige Forschung am Institut. Und doch: In gewissem Sinne ist die Tradition des Hauses auch eine Hypothek, die immer wieder neu beglichen werden muss: Die Aufgabe, die großen Fragen zu stellen, die viele gar nicht hören wollen - geschweige denn, dass sie Antworten darauf suchen würden.

Wo liegen aktuell die Aufgaben und Forschungsschwerpunkte?
Die Aufgaben des Instituts sind einerseits die von eh und je: Kritische Theorie der Gesellschaft, gespeist aus der empirischen Erforschung ihrer Gegebenheiten und Entwicklungen. Forschungsschwerpunkte liegen - wie auch in früheren Zeiten - auf Fragen der Vergesellschaftung von und durch Arbeit, der Möglichkeiten und Grenzen demokratischer Partizipation, der widersprüchlichen Konfiguration der Migrationsgesellschaft, der Dynamik der Geschlechterverhältnisse. Und selbstverständlich beschäftigen wir uns nach wie vor mit einer kritischen Sozialphilosophie der Moderne.

Welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie?
Das zukünftige Forschungsprogramm des Instituts wird sicherlich zwei Perspektiven stärker machen, als dies bislang der Fall ist. Zum einen muss eine Kritische Theorie der Gesellschaft heute eine »globale« sein, sie muss die Verflechtungszusammenhänge des Lokalen mit dem Globalen zum Thema machen. Das bedeutet nicht zuletzt auch, dass sie kritische Gesellschaftsanalysen, die den Verhältnissen in anderen Weltregionen entspringen, stärker zur Kenntnis nehmen und in die eigenen Analysen einbeziehen muss. Zum anderen ist die im engeren Sinne materielle Reproduktion der Gesellschaft ein zentrales Thema der Zukunft: ihre Naturverhältnisse, ihr Energieregime, ihre stofflichen Voraussetzungen. Und auch diese Fragen sind globale, weswegen eine klare Marschroute des Instituts sein wird, die Kritische Theorie tatsächlich im Weltmaßstab zu denken.

Lesen Sie mehr dazu in unserer Printausgabe am Donnerstag.

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