Berlin

Ein Ort mit »furchtbaren Aspekten«

Symbolträchtig: Sondersitzung im Eurosaal des Detlev-Rohwedder-Hauses Foto: Marco Limberg

Es ist ein Gebäude, in dem deutsche Geschichte geschrieben wurde. 1949 wurde in den Räumlichkeiten die DDR gegründet, Anfang der 90er-Jahre war an diesem Ort der Sitz der Treuhandanstalt, und heute trägt der Bau den Namen Detlev-Rohwedder-Haus, seit 1999 ist er Sitz des Bundesfinanzministeriums. Errichtet wurde das Gebäude 1935. Es war Sitz des Reichsluftfahrtministeriums unter Hermann Göring, und am 12. November 1938 fand hier, kurz nach den Novemberpogromen, die sogenannte Vor-Wannsee-Konferenz statt.

Vergangenen Freitag kam anlässlich des 84. Jahrestages dieser Ereignisse eine Delegation der israelischen Botschaft zu einer Sondersitzung in das monumentale Bürogebäude in Berlin-Mitte. Im Eurosaal wandte sich Ron Prosor, Botschafter Israels in Deutschland, an seine Gastgeber. Er wolle »von diesem Saal hier, wo vor 84 Jahren solch antisemitische und diskriminierenden Verordnungen beschlossen wurden, alle anständigen Menschen dazu aufrufen, gegen jeden Antisemitismus, von links und rechts, aufzustehen«.

pogrome In demselben Raum, in dem Prosor sprach, wurden im Anschluss an die Pogrome im November 1938, bei denen zahlreiche Synagogen zerstört und Hunderte Juden ermordet worden waren, den Opfern selbst die entstandenen Kosten in Form einer »Sühneleistung« aufgebürdet. Mehr als eine Milliarde Reichsmark mussten die in Deutschland verbliebenen Juden aufbringen.

Bei dem Treffen wurde zudem die »Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben« erlassen. »Diese Geschichte ist wenigen bekannt, aber sie ist einzigartig und wegweisend für die Verfolgung der Juden im Rahmen des Holocaust«, erläuterte Prosor das historische Treffen. 1942 wurde schließlich auf der Wannsee-Konferenz die physische Vernichtung der Juden Europas beschlossen.

Auf die Geschichte bezog sich auch die Staatssekretärin im Finanz­ministerium, Luise Hölscher, die die israelische Delegation »in diesen interessanten Zeiten und diesem interessanten Gebäude« willkommen hieß. Nicht nur jährten sich in diesen Tagen die Novemberpogrome, erläutere Hölscher.

luxemburger Abkommen Auch das Luxemburger Abkommen, mit dem sich die deutsche Regierung zu Zahlungen an Israel verpflichtete, sowie der deutsche Einigungsvertrag, der auch einen Artikel über Entschädigungszahlungen an Opfer des Nationalsozialismus enthält, lägen in diesem Jahr genau 70 beziehungsweise 30 Jahre zurück.

Hölscher sprach von »furchtbaren Aspekten«, die der Saal, in dem sie ihren Gästen gegenübersaß, »insbesondere für jüdische Menschen« habe. »Heute hat er einen anderen Zweck«, sagte die Staatssekretärin und verwies auf die jährlichen Verhandlungen über Zahlungen an Holocaust-Überlebende, die sie selbst aufseiten des Finanzministeriums mit der Jewish Claims Conference im Mai an diesem Ort geführt hatte.

In einem Artikel der »Zeit« wurde den Vertretern des Ministeriums vorgeworfen, das Gespräch wie »Tarifverhandlungen« geführt zu haben. Sowohl Hölscher als auch ihr Vorgesetzter, Bundesfinanzminister Christian Lindner, weisen diesen Vorwurf vehement zurück.

»Einschüchterungsgebäude« Im Anschluss an die Grußworte wurden die Vertreter der israelischen Botschaft durch das Detlev-Rohwedder-Haus, das mit 2100 Räumen und insgesamt sieben Kilometern Flurlänge eine kaum überschaubare Größe aufweist, geführt. Ein »Einschüchterungsgebäude« nannte dabei der Historiker des Hauses den Komplex, der bereits in seiner Planung darauf angelegt worden sei, möglichst respekteinflößend zu wirken.

Dass er als israelischer Botschafter in diesem Gebäude sei, nannte Ron Prosor nach der historischen Führung im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen die »Schließung eines Kreises«. Seine Familie war 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus Deutschland ins damalige Palästina geflohen. »Jeder hat eine Berufung«, sagte Prosor. Seine sei es, »den jüdischen Staat in Deutschland zu vertreten«.

Jom Haazmaut

Leipzig feiert den 78. Unabhängigkeitstag Israels

Botschafter Ron Prosor spricht von »Optimismus, Lebensfreude und Tatendrang«

von Detlef David Kauschke  29.04.2026

Berlin

Finanzsenator übernimmt Amt von Sarah Wedl-Wilson

Stefan Evers soll die Leitung der Kulturverwaltung mit übernehmen - zumindest für die nächsten fünf Monate

 29.04.2026

Nahost

Israel beklagt Toten nach Hisbollah-Drohnenangriff

Ein ziviler Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums ist tot. In Nordisrael wächst der Unmut über die Waffenruhevereinbarung mit dem Libanon

 29.04.2026

Nahost

USA verschärfen Druck auf Iran, Trump setzt auf lange Blockade

Der US-Präsident lässt mehrere Optionen prüfen. Zugleich verhängt seine Regierung neue Sanktionen gegen mutmaßliche Finanznetzwerke Teherans

 29.04.2026

New York

Altkanzler Scholz mit Leo-Baeck-Medaille ausgezeichnet

Bundeskanzler Friedrich Merz kassiert nach seiner Kritik am US-Vorgehen im Iran heftige Kritik. US-Präsident Trump zürnt. Altbundeskanzler Scholz beschwichtigt

 29.04.2026

Medien

Springer-Chef Döpfner nimmt »Politico«-Redaktion in die Pflicht

Niemand sollte für Axel Springer arbeiten, wenn er Israels Existenzrecht anzweifelt, stellt Mathias Döpfner nach Kritik aus der »Politico«-Redaktion klar

 29.04.2026

Washington D.C.

Trump attackiert Merz: »Er hat keine Ahnung, wovon er spricht!«

Der US-Präsident ist verärgert über die Kritik des Bundeskanzlers am Iran-Krieg

 28.04.2026

Nahost

Verdrehte Moral

Es ist geradezu atemraubend, mit welcher Inbrunst das Opfer-Täter-Verhältnis hierzulande verkehrt wird, wenn es um Israels Reaktion auf islamistische Terrororganisationen geht

von Jacques Schuster  28.04.2026 Aktualisiert

Offener Brief

Schramm warnt vor Rechtsruck in Sachsen-Anhalt

Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen warnt vor wachsendem Nationalismus und einem möglichen Rechtsruck in Sachsen-Anhalt. Die AfD lehnt er klar ab und bezeichnet sie als »nicht wählbar«

 28.04.2026