Bayern

Ein entschiedenes Sowohl-als-auch

Markus Söder (CSU), bei seinem Pressestatement am Dienstag Foto: picture alliance/dpa

Markus Söder kam pünktlich zur Pressekonferenz. Wie angekündigt gab der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende im Prinz-Carl-Palais in München gegen Mittag sein Statement zur Causa Aiwanger ab. Zuvor hatte einen Steinwurf von dem schmucken Palais entfernt in der Staatskanzlei der Koalitionsausschuss von CSU und Freien Wählern (FW) getagt. Dort war auch Hubert Aiwanger, Söders Stellvertreter im Amt des Ministerpräsidenten, mit dabei – zur Pressekonferenz brachte Söder ihn nicht mit. Auch Fragen der anwesenden Journalisten ließ er nicht zu.

Stattdessen gab es ein ausführliches Statement Söders, in dem er eine politische Gratwanderung beschrieb. Der Tenor: Die Antisemitismus-Vorwürfe gegen Aiwanger während dessen Schulzeit wögen zwar schwer und es sei längst nicht alles geklärt. Für eine Entlassung seines Wirtschaftsministers - und damit womöglich das Ende der Koalition mit den Freien Wählern kurz vor der Landtagswahl im Oktober - reichten die von der »Süddeutschen Zeitung« vorgelegten Beweise aber nicht aus, sagte der Ministerpräsident.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Einen Persilschein wollte Söder Aiwanger trotzdem nicht ausstellen. Er hielt sich rhetorisch klar auf Abstand. »Das Hetz-Flugblatt ist übelster Nazi-Jargon. So wie das Flugblatt geschrieben ist, merkt man, dass da auch eine ganz andere Energie dahintersteckt. Das ist nicht nur ein dummer Jungenstreich oder eine bloße Jugendsünde«, sagte er - und fügte hinzu: »Allein der Verdacht beschädigt das Ansehen Bayerns und natürlich auch die persönliche Glaubwürdigkeit des bayerischen Wirtschaftsministers.«

Immerhin: Söder, dem einige Spötter schon unterstellten, es gebe keine Position, die er noch nicht geräumt habe, hat im Kampf gegen den Antisemitismus und im Engagement für jüdisches Leben in Bayern bislang eine klare Linie verfolgt. Seine Glaubwürdigkeit in diesem Punkt dürfte er unter keinen Umständen verlieren wollen.

ENTSCHEIDUNG Aiwanger, sagte der Ministerpräsident, habe in dem Gespräch eingewilligt, rasch und umfassend einen Katalog von 25 Fragen beantworten zu wollen. Anschließend werde man entscheiden, wie es weitergehe und ob Aiwanger im Amt verbleiben könne. Söder wörtlich: »Am Ende der Debatte darf es keinen Restzweifel geben, darf es keine Hängepartie werden. Das muss rasch geklärt werden. Es gibt keinen Platz für Antisemitismus in der bayerischen Staatsregierung. Und es ist wichtig, dass Staatsregierung und Wirtschaftsminister wieder handlungsfähig sind.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Als Ministerpräsident trage er die Verantwortung, »vernünftig zu entscheiden, den Sachverhalt objektiv und seriös zu bewerten und am Ende abzuwägen.« Es gehe ihm nicht um Vorurteile oder um Übermaß. »Klar ist aber auch: Es muss geklärt werden.« Das Flugblatt, dessen Urheberschaft der Bruder des Wirtschaftsministers, Helmut Aiwanger, am Samstag für sich reklamiert hatte und von dem sich beide Brüder mittlerweile distanziert haben, nannte Markus Söder »Dreck«.

Und er fügte hinzu: »Wir haben heute Hubert Aiwanger gehört. Wir haben gefragt. Die Aussagen reichen aber definitiv nicht aus für eine abschließende Bewertung und Klärung.« Es blieben Fragen offen und stellten sich neue Fragen, so Söder. Zu ihrer Beantwortung habe Aiwanger sich auch bereiterklärt, die Schulakten, die noch vorhanden seien, öffnen zu lassen. Bislang hatte Aiwanger sich nur in einer kurzen schriftlichen Erklärung am Samstag geäußert und geweigert, weitere Fragen zu dem Flugblatt und seiner Rolle bei dessen Verbreitung zu beantworten. Man müsse jetzt aber »reinen Tisch machen« und »Klarheit für alle schaffen«, forderte Markus Söder.

Er betonte jedoch auch: Eine Entlassung aus dem Amt seines Staatsministers und Stellvertreters wäre für ihn zumindest »ein Übermaß«. Man müsse bedenken, dass die Sache »tatsächlich über 30 Jahre her« sei, so Söder. Um dann doch wieder die Schwere der Vorwürfe zu betonen: »Das ist jetzt kein Freispruch oder Freibrief. Viele Menschen sind zutiefst empört und verunsichert und haben Fragen, so wie wir auch. Es darf jetzt auch nichts mehr dazukommen.«

SCHADEN Schon jetzt sei ein Schaden für den Ruf Bayerns entstanden. Er könne sich eine Koalition mit den Freien Wählern auch ohne Aiwanger als Minister vorstellen. »Die Zusammenarbeit mit dem Freien Wählern als Ganzes hat sich bewährt, ist gut, und wir wollen sie fortsetzen. Es gibt es auch keinen Anlass, etwas an dieser Zusammenarbeit zu ändern. Koalitionen hängen übrigens auch nicht an einer einzigen Person. Es geht mit oder ohne eine Person im Staatsamt ganz genauso«, sagte er. Die Freien Wähler, deren Bundesvorsitzender und Galionsfigur Aiwanger seit vielen Jahren ist, dürften das naturgemäß anders sehen.

Doch der Ball liege jetzt beim Koalitionspartner und bei Aiwanger, betonte Markus Söder abschließend. »Wir hoffen sehr, dass wir danach schlauer als heute sind und warten die weitere Entwicklung ab.«

Wie viel Zeit der Ministerpräsident mit diesem Vorgehen gewinnen wird, ist unklar. Sein Statement war ein entschiedenes Sowohl-als-auch, ein typischer Söder also. Er versucht, weiter Herr des Verfahrens zu bleiben und es sich mit den Wählern nicht zu verscherzen.

Ob er es damit beiden Seiten, den Kritikern und den Verteidigern Aiwangers, recht machen kann, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen. Die Oppositionsparteien im Land kritisieren den Ministerpräsidenten für sein Zögern - und fordern bereits eine Sondersitzung des Landtags. Selbst in der AfD, die politisch rechts von den Freien Wählern steht, haben einige Stimmen die Entlassung Aiwangers gefordert.

Hessen

Lehrer nach Kritik an Krieg in Gaza suspendiert

Seine Instagram-Posts über den Gaza-Krieg wurden ihm zum Verhängnis: Bereits seit Ende 2025 ist ein hessischer Gymnasiallehrer mit einem Dienstverbot belegt. Gerichte müssen klären, ob die Suspendierung des Pädagogen verhältnismäßig war

 14.06.2026

Wahlen

Wie CDU und SPD Ministerpräsidenten-Ämter im Osten verteidigen wollen

Die AfD will in Ostdeutschland nach der Macht greifen. CDU und SPD zeigen, wie sie den Kampf in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern aufnehmen wollen - und setzen unterschiedliche Akzente

von Christopher Kissmann, Iris Leithold, Verena Schmitt-Roschmann, Basil Wegener  14.06.2026

Wirtschaft

Hacker greifen staatliche Banken in Iran an

Ein Hackerangriff hat mehrere staatliche Banken im Iran getroffen. Zeitweise waren Online‑Zahlungen im ganzen Land gestört – ein weiterer Schlag gegen Irans ohnehin fragile Infrastruktur

 14.06.2026

Iran

Getöteter Ayatollah Chamenei soll am 9. Juli beerdigt werden

Die Beisetzung von Ajatollah Chamenei findet im Trauermonat Muharram statt – Millionen Menschen sollen Abschied nehmen. Unklar ist, ob sein Sohn und Nachfolger Modschtaba teilnimmt

 14.06.2026

Krieg

Wird noch heute ein Iran-Abkommen unterzeichnet?

Laut US-Präsident Trump und dem Vermittler Pakistan soll bereits heute eine erste Übereinkunft zur Beendigung des Iran-Kriegs unterzeichnet werden. Wird es tatsächlich dazu kommen?

 14.06.2026

USA

Trump wird 80: Verpufft seine Macht?

Seine Amtszeit ist geprägt von einem medialen Dauerfeuer: Überall Trump, Trump, Trump. Doch vor seinem 80. Geburtstag ist der Präsident eher zurückhaltend. Er hat inzwischen nicht nur ein Problem

von Anna Ringle  14.06.2026 Aktualisiert

Medien

KI-Verstoß: »Tagesspiegel« nimmt Casdorff-Texte offline

Stephan-Andreas Casdorff verfasste auch für die Jüdische Allgemeine Kommentare. Die Redaktion prüft, ob auch diese Texte von einer KI statt von Casdorff selbst verfasst wurden

 12.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert

Debatte

Soll die Bevölkerung in der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden?

Ein Pro & Contra

von Jessie Katz, Zsolt Balkanyi-Guery  12.06.2026