Meinung

Eichmann: Zweierlei Erinnerung

Diese Woche jährt sich zum 50. Mal das Ende des Prozesses gegen Adolf Eichmann, den Cheforganisator des Holocaust. Am 29. Mai 1962 erklärten die Berufungsrichter das Urteil für rechtskräftig, zwei Tage später wurde Eichmann hingerichtet. Es war das einzige Mal, dass die israelische Justiz die Todesstrafe vollstreckte.

Zum Jahrestag reiste der israelische Minister Yossi Peled vergangene Woche mit einer Militärdelegation nach Berlin. Die zentrale Gedenkzeremonie, die das israelische Fernsehen live übertrug, fand ganz bewusst im Garten jener Villa am Wannsee statt, wo führende Vertreter des NS-Regimes im Januar 1942 die »Logistik« des industriellen Massenmords an den europäischen Juden besprochen hatten. In Deutschland blieb der Jahrestag dagegen fast unbemerkt.

Im kollektiven Bewusstsein der Israelis bleibt der Prozess eine wichtige Größe. Mehr als 1.600 Dokumente lagen den Richtern als Beweismaterial vor, als sie im April 1961 das Verfahren gegen den früheren Leiter des »Judenreferats IV B 4« im Reichssicherheitshauptamt eröffneten.

Therapie Rund 100 Zeugen wurden gehört, die von den Gräueltaten in den Lagern berichteten. Nach anderthalb Jahrzehnten Schweigen durften die Schoa-Überlebenden endlich in der Öffentlichkeit reden. Der Holocaust war kein Tabuthema mehr. Die Eltern begannen zu erzählen, die Kinder trauten sich, Fragen zu stellen. Auf die israelische Gesellschaft wirkte das Gerichtsverfahren wie eine Therapie.

Doch auch für die junge Bundesrepublik war es ein Meilenstein. Deshalb spräche vieles dafür, auch in Deutschland an das Ende des Prozesses zu erinnern. Vor 50 Jahren stieß das Thema bei deutschen Zeitungslesern und Fernsehzuschauern auf enormes Interesse. Die großen Medien berichteten ausführlich und beinahe täglich aus dem Gerichtssaal. Deutschland fing damals an, sich erstmals mit dem Holocaust auseinanderzusetzen.

Der Eichmann-Prozess war für jeden Einzelnen ein Anstoß, sich nach langem Schweigen mit der eigenen Schuld und Verstrickung zu befassen. Insofern gehört das Prozessende auch heute ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit – ganz besonders in einer Zeit, da immer mehr Deutsche meinen, mit Israel nichts mehr zu tun zu haben. Gewiss, es ist nicht leicht, sich an die Untaten der Eltern und Großeltern zu erinnern. Doch nur daraus kann die Bereitschaft der Nachgeborenen erwachsen, Verantwortung zu tragen.

Nahost

EU verschärft Sanktionen gegen Iran

Wegen Behinderungen des Schiffsverkehrs verschärft die EU ihre Maßnahmen gegen den Iran. Betroffen sind auch Verantwortliche, denen Drohungen vorgeworfen werden

 08.06.2026

Moringen

AfD-Kreisverband will Parteitag neben KZ-Gedenkstätte abhalten

In der Kleinstadt Moringen richteten die Nationalsozialisten drei Konzentrationslager ein. Eine Gedenkstätte erinnert an die damaligen Gräuel. In unmittelbarer Nähe davon plant ein AfD-Kreisverband seinen Parteitag. Ein Bündnis kündigt Proteste an

 08.06.2026

Interessenvertretung

Jüdische Lehrkräfte gründen eigenen Verband

Jüdische Perspektiven im Bildungswesen sichtbarer machen: Ein neuer Bundesverband vernetzt Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte und unterstützt sie im Umgang mit Antisemitismus

von Christoph Schmidt  08.06.2026

Handelsbeziehungen

Auch Großbritannien erwägt Importverbot für Siedlerwaren

140 Abgeordnete der regierenden Labour Party haben Außenministerin Yvette Cooper aufgefordert, die Einfuhr von Produkten aus israelischen Siedlungen im Westjordanland nach Großbritannien zu verbieten

von Michael Thaidigsmann  08.06.2026

Washington D.C.

Global Forum des AJC: Das Paradox der jüdischen Geschichte

2000 Juden aus 70 Ländern kamen in die US-Hauptstadt, um bei der jährlichen Tagung des American Jewish Comittee dabei zu sein

von Sebastian Engelbrecht  08.06.2026

Aue-Bad Schlema (Sachsen)

CDU-Kandidat gewinnt OB-Wahl in Aue gegen Rechtsextremen

Mit dem Wahlsieg von Marcus Hoffmann bleibt Aue-Bad Schlema in CDU-Hand. Der Kandidat der rechtsextremen »Freien Sachsen« scheitert an der Wahlurne

 08.06.2026

Daniel Jositsch, Zürcher SP-Ständerat, am letzten Donnerstag, dem Tag seines Austritts aus der Partei

Meinung

Daniel Jositsch und der Preis der Klarheit

Daniel Jositsch verlässt nach seiner Nichtnomination in den Ständerat die SP. Der Fall zeigt, wie eng der Raum für sozialliberale und proisraelische Stimmen in der Linken geworden ist, nicht nur in der Schweiz

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.06.2026

Großbritannien

Antisemitische Straftaten in London stark gestiegen

Der größte monatliche Zuwachs von durch Judenhass motivierten Übergriffen seit ende 2023 wird registriert

 08.06.2026

Nahost

Reaktion auf Hisbollah-Angriff: Israel nimmt Hauptquartier der Terroristen ins Visier

Die israelische Armee erklärt, sie habe auch Abschussvorrichtungen für Raketen zerstört

 08.06.2026