Berlin

»Dieser Angriff hat eine neue Qualität«

Jörg Reichel

Berlin

»Dieser Angriff hat eine neue Qualität«

Jörg Reichel, der Landesgeschäftsführer der Deutschen Journalisten-Union, und zwei seiner Kollegen wurden am Samstag von sogenannten »pro-palästinensischen Aktivisten« attackiert. Im Interview spricht er über den Angriff

von Imanuel Marcus  10.03.2025 15:58 Uhr

Drei Personen sind am Samstag in Berlin-Kreuzberg von Israelfeinden attackiert worden, darunter Jörg Reichel, der Landesgeschäftsführer der Deutschen Journalisten-Union Berlin-Brandenburg (dju). Zu dem Angriff kam es unmittelbar vor einer Demonstration mit dem Titel »Internationaler feministischer Kampftag« in einem Café am Kottbusser Tor.

Der Journalist Yalcin Askin, der für das Jüdische Forum für Demokratie und Antisemitismus (JFDA) tätig ist, wurde von den gewalttätigen Aktivistinnen – vorwiegend handelte es sich um Frauen – festgehalten und geschlagen. Jörg Reichel konnte sich retten und die Polizei alarmieren. Später wurde Levi Salomon, der Geschäftsführer des JFDA, bei der Demo mit heißem Tee übergossen. Im Interview spricht Reichel über den Angriff.

Herr Reichel, wie geht es Ihnen jetzt und was ist dem Kollegen Askin passiert?
Uns geht es den Umständen entsprechend gut. Übergriffe haben neben dem Körperlichen natürlich auch immer eine psychologische Seite. Und man muss schauen, wie sich diese Übergriffe dann persönlich auswirken. Für die Vorbereitung der Berichterstattung über eine Versammlung sind wir in ein Café gegangen. Herr Askin hat die Batterien in seiner Kamera gewechselt und ich habe mich entsprechend präpariert. Meine Aufgabe war es, auf das Thema Pressefreiheit zu achten und Übergriffe zu dokumentieren, weil davon auszugehen war, dass es durch die Teilnahme sogenannter Pro-Palästina-Gruppen dort zu entsprechenden Situationen kommt, wie in der Vergangenheit. So ist es dann auch geschehen.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie von israelhassenden Terrorunterstützern angegriffen wurden. Was war diesmal anders?
Dieser Angriff hatte eine neue Qualität. Es passierte in einem Raum, der eigentlich geschützt ist, nämlich in einem Café. Wir saßen dort, haben Tee getrunken und Gebäck gegessen, als Herr Askin und ich angegangen worden sind von einer »Palästina-Gruppe«, die sich daran gestört hat, dass wir in dem Café waren. Es kam in der Vergangenheit immer wieder dazu, dass der eine oder andere Journalist im Privaten abgefilmt wurde, bis hin zu einer Bedrohung mit einem Messer vor der Haustür. Aber in einem Café angegriffen zu werden, stellt einen qualitativen Sprung dar.

Wer hat Ihnen in diesem Café geholfen?
Niemand hat geholfen. Also, als das Stichwort kam, »Das sind Zionisten« und »Die arbeiten für Axel Springer«, haben sich Gäste des Cafés mit den Angreifern solidarisiert. Und Herr Askin wurde körperlich festgehalten, vor Ort quasi in Gefangenschaft genommen. Die Angreifer versuchten, auch mich festzuhalten. Ich habe mich dann aber losgerissen und verließ das Lokal.

Die Polizei hat eine neue Wache am »Kotti«. Was konnten die Beamten erreichen, die Sie gerufen haben?
Die Polizei hat den Fall aufgenommen. Sie war aufgrund der Besetzung zunächst selbst nicht in der Lage, uns vor Ort zu unterstützen, sondern musste Kräfte aus dem Umfeld heranrufen, die dann natürlich erst fünf Minuten später ankamen. Das ist in Berlin eine normale Alarmierungszeit. Im Café saß dann noch die Gruppe der Täterinnen. Die Haupttäterin, die Herrn Askin angegriffen hatte, war zuvor geflüchtet. Andere Mitglieder der Gruppe, die diesen Übergriff mit unterstützt haben, waren noch vor Ort. Die Polizei hat Maßnahmen durchgeführt und später die Aufnahmen der Sicherheits-Kamera aus dem Café gesichert.

Lesen Sie auch

Wie überraschend ist es generell, dass sogenannte »pro-palästinensische Aktivisten« mit Gewalt gegen Journalisten und Gewerkschaftsvertreter vorgehen?
Das ist leider keine Überraschung. Autoren und Journalisten müssen seit dem 7. Oktober 2023 damit rechnen, dass sie in bestimmten Stadtteilen auf offener Straße angegriffen werden. Für Journalisten, die für pro- israelische oder jüdische Publikationen schreiben, ist der Aufenthalt in bestimmten Stadtteilen und bestimmten Cafés mit einem hohen Risiko verbunden. Wir reden hier neben Kreuzberg, Friedrichshain von Neukölln und teilweise vom Wedding. Ich selber bin oft in der Sonnenallee gewesen und habe dort eingekauft. Das würde ich heute nicht mehr tun und bestimmte Teile der Sonnenallee meiden.

Weil Sie inzwischen in diesen Kreisen bekannt sind, richtig?
Genau. Dass man sich nicht mehr traut, in diese Bezirke zu gehen, wird natürlich von linksradikalen Antisemiten und Islamisten als Erfolg gefeiert. Aber die Gefahr, dass man dann auch angegriffen und angegangen wird, ist einfach zu groß.

Was empfehlen Sie Reportern, die noch nicht so bekannt sind, und die über diese Demos berichten müssen oder wollen? Wie sollten sie sich verhalten?
Sie sollten nie allein vor Ort sein und immer Kontakt zu anderen Journalisten suchen. Schutzmaßnahmen sollten mit der Redaktion abgesprochen werden, auch als freier Autor. Auch ist es empfehlenswert, Kontakt mit der Polizei zu suchen, wenn man auf entsprechende Demonstrationen geht, und sich als Journalist vorzustellen. Die Berliner Polizei hat den gesetzlichen Auftrag, die Pressefreiheit auf Versammlungen zu gewährleisten. Das tut sie auch und nimmt dies sehr ernst. Dass es trotzdem zu Übergriffen kommt, wie am Samstag vor und während der Demo, kann kaum verhindert werden. Auf der Versammlung ist Herr Salomon vom Jüdischen Forum mit heißem Tee überschüttet worden. Nur mit Glück erlitt er keine Verbrennungen.

Was sollten die Politik und die Behörden tun, um gegen Gewalt vorzugehen, die sich gegen Journalisten richtet?
Eine bessere Ausstattung der Justiz wäre gut, denn schnelle Ermittlungen gegen Gewalttäter und entsprechende Ideologen sind wichtig. Die Berliner Polizei arbeitet daran, die Pressefreiheit zu gewährleisten. An dieser Stelle gab es bereits positive Entwicklungen.

Mit dem Landesgeschäftsführer der Deutschen Journalisten-Union Berlin-Brandenburg (dju) sprach Imanuel Marcus.

Frankreich

»Fick dich, Gisèle, fickt euch, ihr Zionisten«

Gisèle Journo ist Jüdin und betreibt in Paris eine Agentur für Influencer. Jetzt ist sie Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen geworden. Auslöser war der Boykottaufruf einer Europaabgeordneten

von Michael Thaidigsmann  21.08.2026

Berlin

Amnesty International ruft Hamas zum Ende der Gewalt auf

Gewalt und außergerichtliche Hinrichtungen durch die Terrororganisation auch gegen Palästinenser kommen laut UN regelmäßig vor. Menschenrechtler fordern ein sofortiges Ende dieser Verbrechen

von Anna Mertens  21.08.2026

Erfurt

Deutsch-israelischer Jugendaustausch kommt nicht voran

Thüringens Antisemitismusbeauftragter Michael Panse sieht strukturelle und politische Gründe. Auch ein Austauschprogramm stockt

von Matthias Thüsing  21.08.2026

Wahlkampf der AfD mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund

Magdeburg

Wie sich die AfD auf eine mögliche Regierung vorbereitet

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt könnte der rechtsextremistischen AfD erstmals den Weg in eine Landesregierung öffnen. Mit Schulungen, einem Personalpool und Hilfe aus Österreich bereitet sie sich seit langem darauf vor

von Jörg Ratzsch  21.08.2026

Berlin

Bezirk prüft Entzug der Zulassung von antisemitischem Influencer als Berufsbetreuer

Auf Instagram verbreitet er Judenhass und Verschwörungsmythen, im Job soll er Berufstätige mit Herausforderungen betreuen. Passt das zusammen?

 21.08.2026

Iran-Konflikt

Nach Berichten über Missstände: US-Flugzeugträger »USS George Washington« löst Pannenschiff ab

Die »USS Abraham Lincoln« ist seit Monaten im Mittleren Osten eingesetzt und hat zuletzt wegen erheblicher Probleme an Bord Schlagzeilen gemacht. Nun ist ein neuer Flugzeugträger in der Region angekommen

 21.08.2026

Benjamin Graumann Jüdische Gemeinde Frankfurt

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  21.08.2026

Berlin/Brüssel/Jerusalem

Sieben Staaten und EU verlangen Stopp von Siedlungsprojekt im Westjordanland

Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und weitere Länder fordern Israel auf, die geplante Bebauung zu stoppen. Die EU bereitet offenbar ein Sanktionspaket vor

 21.08.2026

Khan Younis

Israel wirft Hamas Folter in Klinik vor

Die Terrororganisation soll ein Krankenhaus im Süden des Gazastreifens als Folterzentrale nutzen, um ihre Macht über die Bevölkerung auszubauen

 20.08.2026