Interview

»Diesen Leuten geht es darum, ihre Obsession mit Israel auszuleben«

Arye Sharuz Shalicar Foto: Uwe Steinert

Interview

»Diesen Leuten geht es darum, ihre Obsession mit Israel auszuleben«

Arye Sharuz Shalicar über falsche Behauptungen, Differenzierung bei »Israelkritik« und Dialog

von Michael Thaidigsmann  06.08.2020 08:43 Uhr

Herr Shalicar, in einem 0ffenen Brief werden Sie beschuldigt, »Stimmen des Dialogs und des Friedens diffamiert und mundtot« gemacht zu haben – im Auftrag der israelischen Regierung. Was sagen Sie dazu?
Ich bin mir sicher, dass kein Einziger der Unterzeichner meine Biografie kennt. Ich bin in Berlin mit härtestem Antisemitismus groß geworden. Manchmal war das sogar lebensbedrohlich. Wahrscheinlich wissen die Briefeschreiber nicht, wie es sich anfühlt, als Jude ausgegrenzt zu werden.

Laut Brief habe die Bundesregierung vor zwei Jahren Ihr Buch mitfinanziert.
Um es klipp und klar zu sagen: Weder die israelische noch die deutsche Regierung hatten im Vorfeld Kontakt zu mir bezüglich meines Buches. Es gab keine Anweisungen an mich. Das Buch habe ich alleine geschrieben und es zusammen mit meinem Verlag, Hentrich & Hentrich, herausgebracht. Es ist kein einziger Cent an finanzieller Unterstützung von der Bundesregierung an mich geflossen.

Können Sie verstehen, dass viele der Unterzeichner den Vorwurf, sie seien Antisemiten, als beleidigend empfinden?
Einige dieser »Israelkritiker« kommen mir nicht weniger rassistisch vor als Rechtsradikale – nur eben auf andere Weise. Alle eint, dass sie mit Diffamierungen, Falschbehauptungen und Verschwörungstheorien hantieren. Der offene Brief beweist das.

Nun befinden sich unter den Unterzeichnern auch namhafte Akademiker und Künstler …
Von den Israelis, die unterschrieben haben, werden viele im eigenen Land nicht mehr gehört. Sie sind marginalisiert in der öffentlichen Debatte. Nur in Deutschland stoßen sie interessanterweise noch auf Gehör.

Scheren Sie nicht alle Kritiker über einen Kamm?
Es gibt natürlich Unterschiede in der Gesellschaft, man muss differenzieren. Im Endeffekt sind aber alle Antisemiten gefährlich, ganz gleich, ob sie rechts oder links, Muslime, Christen, Juden oder sonst was sind. Die pseudo-linksintellektuellen Antisemiten zielen darauf ab, den einzigen jüdischen Staat in der Völkergemeinschaft zu delegitimieren. Diese Kampagne ist genauso gefährlich für Juden wie der rechte Antisemitismus oder der islamische.

Aber ist Kritik an Israel immer gleich antisemitisch?
Nein, nur blendet der deutsche Durchschnittsintellektuelle gern diverse Formen des Judenhasses aus: den muslimischen, den medialen, den linken und vor allem den israelbezogenen. Und ich frage Sie: Warum reden diese Leute nur über Israel, haben aber nie Probleme mit den Nachbarländern? Wer »Israelkritik« übt, aber keine »Palästinenserkritik«, ist ein Antisemit.

Die Unterzeichner sagen, es gehe ihnen um den Frieden in Nahost …
Schön und gut, aber wann schreiben die mal einen offenen Brief an Angela Merkel, in dem sie die Hamas kritisieren oder das iranische Regime? Oder wenn Israel wieder einmal bei den Vereinten Nationen verurteilt wird? Solche Briefe gibt es nie, es wird sie auch nicht geben. Diesen Leuten geht es darum, ihre Obsession mit Israel auszuleben. Sie messen mit zweierlei Maß. Nach der anerkannten Definition ist das Antisemitismus.

Die Fronten zwischen beiden Lagern sind verhärtet. Es wird viel übereinander geredet, kaum miteinander. Warum?
Ich bin immer für Dialog. Nur: Jene, die Israel und auch mich persönlich ständig kritisieren und die schweigen, wenn Raketen aus Gaza auf israelische Zivilisten gefeuert werden, die sind es nicht. Es befremdet mich, dass sich keiner der Unterzeichner die Mühe gemacht hat, vorab einmal mit mir Kontakt aufzunehmen und die im Brief aufgestellten Behauptungen zu überprüfen. Da wird Dialog eingefordert, aber selbst nicht geleistet.

Mit dem israelisch-deutschen Pub­lizisten und Buchautor sprach Michael Thaidigsmann.

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