100 Jahre Axel Springer

Die zweite Heimat

Asher Ben Nathans Gedächtnis ist schwächer geworden, aber an seinen Freund erinnert er sich gut und gern. »Er vertrat Ansichten, wie ich sie in Deutschland bis dahin noch nicht oft gehört hatte, und das tat mir gut.« 91 Jahre alt ist Ben Nathan und sieht immer noch so aus wie Curd Jürgens. Oder jedenfalls so, wie Curd Jürgens wohl mit über 90 Jahren ausgesehen hätte. Groß, stattlich, markante Gesichtszüge. Der erste Botschafter Israels in Deutschland ähnelt auch Axel Springer: selbstbewusst und auf eine Weise männlich, die einer anderen Zeit anzugehören scheint.

1938 musste Ben Nathan vor den Nazis aus Wien nach Palästina fliehen. Später wurde er zum Untergrundkämpfer und Nazijäger. Er hat sich nie unterkriegen lassen. Nicht von den Nazis, nicht von den Briten, nicht von den Arabern. Und auch nicht von linken deutschen Studenten, die ihm 1969 das Wort verbieten wollten.

treffen Vier Jahrzehnte später denkt Ben Nathan noch immer dankbar an sein erstes Treffen mit Springer im Frühjahr 1966 im Hamburger Verlagshaus zurück. Es war kurz nach der Ankunft des Botschafters in der Bundesrepublik. Endlich schlug ihm weder verdrängende Beflissenheit noch selbstgerechte Unbefangenheit entgegen. Bei Springer traf Ben Nathan auf ehrliche Begeisterung für Israel und Dankbarkeit für die Bereitschaft des überlebenden Juden, sich ihm, dem Deutschen, zu nähern.

Axel Springer, der in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre, schrieb später: »Das Unaussprechliche, das im deutschen Namen geschah, kann nicht ungeschehen gemacht, kann auch nicht ›bewältigt‹ werden. Eine Wiedergutmachung im wahren Sinn des Wortes gibt es nicht. Was bleibt, ist nur eines: die historische Chance zu nutzen, die der Herr der Geschichte offensichtlich meinem Volk eingeräumt hat. Sie heißt: Dem Staat Israel fest durch alle Fährnisse zur Seite zu stehen.«

Ben Nathan beschrieb ihr erstes Treffen so: »Vom ersten Händedruck und Blickwechsel und den ersten Worten an, die er sprach, fühlte ich, dass ich vor mir eine Persönlichkeit hatte, sehr verschieden von jenen, die ich bis dahin gesprochen hatte.« Weiter heißt es: »Was ich oft früher vermisst hatte, fand ich bei ihm schon im ersten Gespräch: Aufgeschlossenheit, Wärme und ein offenes Bekenntnis.«

Als Ben Nathan ihm erzählte, wie schwer es sei, die früheren Zusagen Deutschlands nun in konkrete Ergebnisse für eine deutsche Wirtschaftshilfe an Israel umzusetzen, empörte sich Axel Springer »über das Unverständnis und die Sturheit der kühlen Köpfe und kalten Herzen«. Der Botschafter lud ihn zu einem Besuch Israels, insbesondere Jerusalems ein, denn er ahnte, wie tief den gläubigen Christen die Heilige Stadt bewegen würde. Wie eng die Verbindung Springers mit Jerusalem dann tatsächlich werden sollte, das überraschte auch ihn.

Millionenspenden Israel wurde Axel Springers »zweite Heimat«. Schon auf der ersten Reise knüpfte er dauerhafte Verbindungen, befestigte seine Loyalität zum jüdischen Staat. Er half mit großzügigen Millionenspenden, etwa beim Bau des Israel-Museums in Jerusalem, wobei er darauf verzichtete, als Spender genannt zu werden – aus Rücksicht auf die Gefühle jener Israelis, die diese kulturelle Einrichtung nicht mit Deutschland in Verbindung gebracht sehen wollten. Israel helfen zu können, wurde für ihn zu einer Art religiöse Pflicht – für Deutschland.

Er stellte den jüdischen Staat unter seinen persönlichen »Schutz«. Tief besorgt meldete er sich zu Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967 bei Asher Ben Nathan und überlegte, was er zur Unterstützung Israels tun könne. Alle Zeitungen des Springer-Verlages, vor allem »Bild« und »Welt«, standen klar an Israels Seite und trugen so zur deutschen Begeisterung über den militärischen Erfolg des »jüdischen David« gegen den »arabischen Goliath« bei – aber eben auch zur vehementen Ablehnung Israels seitens der studentischen Linken.

Nicht der unabhängige Blick auf den Konflikt zwischen den Kriegsparteien, das differenzierte Urteil und die objektive Berichterstattung, sondern bewusste und bedingungslose Parteinahme war sein Credo, und er sorgte dafür, dass alle Blätter seines Verlages dem Rechnung trugen. »Damals war ich ganz nebenbei zu einer Art Israel-Berater für die Redaktionen meiner Blätter geworden. Ich konnte meinen Redakteuren sagen, wie die Dinge wirklich lagen, und daraus hat sich eine Haltung der Zeitungen meines Hauses entwickelt, die sich bis heute nicht verändert hat«, schrieb Axel Springer über das legendäre Bekenntnis zum jüdischen Staat, auf das er alle bei ihm angestellten Journalisten kurz nach dem Sechstagekrieg schriftlich in einem Kodex verpflichtete – bis heute.

haltung Er selbst stand hinter dieser journalistischen Festlegung und nahm befriedigt das Ergebnis einer Studie zur Kenntnis, die feststellte, dass es durchaus eine Meinungsvielfalt im Verlagshaus Springer gebe. »Mit einer einzigen Ausnahme allerdings: in der Haltung gegenüber Israel seien die Meinungen all meiner Blätter völlig identisch. Will mir einer deshalb einen Vorwurf machen? Ich trage das mit äußerster Gelassenheit«, sagte Springer im März 1969 anlässlich der Eröffnung der Bibliothek des Israel-Museums, deren Bau er mit einer großzügigen Spende ermöglicht hatte. Auch in den Folgejahren förderte er seine »zweite Heimat« nach Kräften und hielt ihr die Treue. »Diesem Staat und seinen Menschen zur Seite zu stehen in praktischer Mitarbeit, in einer keine Gegenseitigkeit fordernden Treue, ganz einfach in Liebe.«

Zur Seite stehen nahm er wörtlich und reiste 1973 nach Israel, um während des Jom-Kippur-Krieges bei seinen israelischen Freunden zu sein. »Es ist leichter, die Mordopfer von gestern zu beklagen, als sich zu den Mordopfern von heute zu bekennen«, hieß es in der Laudatio zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Bar-Ilan-Universität an Axel Springer. »Das jüdische Volk wird das lange nicht vergessen.«

Springers Werben war erfolgreich gewesen. Musste er zu Beginn noch bescheiden als anonymer Mäzen auftreten, so begegnete man ihm hier schließlich mit einer Zuneigung und Dankbarkeit, die er in seiner »ersten Heimat« schon lange nicht mehr erlebt hatte. Er wurde Ehrenbürger von Jerusalem, und am Israel-Museum gibt es heute einen Axel-Springer-Weg. Und er war der erste Mann, der in der Knesset, dem israelischen Parlament, eine Rede auf Deutsch halten durfte.

kollektivhaftung Asher Ben Nathan würdigte Springer als einen Deutschen, »für den die Kollektivhaftung der Deutschen gegenüber den Juden ein kategorischer Imperativ« gewesen sei. »Als tiefgläubiger Mensch sah er in Schuld eine Pflicht zum Handeln. Die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden, die er anstrebte, erkannte er nur dann als möglich, wenn es kein Vergessen und Verdrängen gäbe.«

Auch deshalb hatte Springer sich öffentlich auf die Seite seines Freundes Ben Nathan gestellt, als dieser 1969 ganz undiplomatisch in deutschen Universitäten den Zorn der linken Studenten auf sich zog. Das hat Asher Ben Nathan ihm nie vergessen. Nach vier Amtsjahren verließ er Bonn und kehrte nach Israel zurück. »Es war eine schwierige Mission, und als die Mission zu Ende war, gingen wir nach Hause.«

Er konnte beruhigter gehen, als er gekommen war. Seine Exzellenz, der Botschafter, ließ einen neuen, mächtigen Fürsprecher Israels zurück, seinen neu gewonnenen Freund Axel Cäsar Springer, den selbst ernannten Botschafter Israels, seines zweiten Vaterlandes. »Ich bin der festen Meinung, dass eines jeden Christen zweites Vaterland Israel ist.« Mit dieser Meinung aber, das wusste er, stand er in seinem ersten Vaterland sehr allein da.

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