Ahmed Abed, der für Die Linke in Berlin-Neukölln als Bezirksbürgermeister kandidiert, benötigt für die Wahl im Bezirksparlament Unterstützung aus anderen Fraktionen. Doch Recherchen zu seinen Kontakten und Auftritten werfen Fragen über sein Verhältnis zum Umfeld der palästinensischen Terrororganisation Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) auf. Ein bislang unveröffentlichtes Dossier der Monitoringgruppe Amit, über das die »Welt« berichtet, dokumentiert mehrere Berührungspunkte des 45-jährigen Rechtsanwalts mit Personen und Veranstaltungen, bei denen Sympathien für die Organisation erkennbar waren.
Die PFLP ist eine säkulare, linksextreme Terrororganisation, die mit der islamistischen Hamas zusammenarbeitet und sich auch an den Angriffen vom 7. Oktober 2023 beteiligte. Abed selbst hat sich seit dem Hamas-Massaker wiederholt auf israelfeindlichen Kundgebungen zu Wort gemeldet. Seine Haltung zu Israel war bereits vor seiner Nominierung umstritten. Als die Neuköllner Linke ihn Anfang des Jahres mit 82,1 Prozent zum Spitzenkandidaten bestimmte, kritisierte der damalige Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) die Entscheidung scharf. Sie sei ein »Schlag ins Gesicht aller, die sich für ein friedliches Zusammenleben und gegen Islamismus einsetzen«.
Ein zentraler Punkt der aktuellen Recherchen ist ein Konzert des Rappers Dahabflex, das der Neuköllner Linke-Bezirksverband Ende August im Wahlkampf veranstaltete. In den Liedern des Künstlers finden sich unter anderem die Zeilen »Intifada wie die PFLP« und »Death to the IDF« – eine Aufforderung zum Tod der israelischen Armee. Auch die Namen der früheren PFLP-Terroristin Leila Khaled und des wegen Beihilfe zum Terrorismus verurteilten Georges Abdallah tauchen in den Texten auf.
»Ich liebe deine Musik«
Khaled entführte 1969 und 1970 unter Waffengewalt zwei zivile Flugzeuge. Abdallah war 1987 in Frankreich wegen Beihilfe zum Terrorismus zu lebenslanger Haft verurteilt worden und kam 2025 frei. In seiner Wohnung war eine Waffe gefunden worden, mit der 1982 ein amerikanischer und ein israelischer Diplomat ermordet wurden. Abdallah hatte die Anschläge als »Widerstandsakte« bezeichnet.
Nach Angaben des Amit-Dossiers war Abed bei dem Konzert anwesend und hielt sich unmittelbar neben der Bühne auf. Innerhalb der Berliner Linken hatte der Auftritt bereits zuvor für heftige Reaktionen gesorgt. Die Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp sprach von einer »Grenzüberschreitung« und forderte Konsequenzen. Landesvorsitzende Kerstin Wolter bezeichnete sich als »stinksauer« und wertete die Liedtexte als »Aufruf zur Tötung von Zivilisten und Soldaten«. Abed beantwortete Fragen der »Welt« zu seiner Bewertung der Texte nicht.
Wenige Wochen später veröffentlichte er gemeinsam mit dem DJ Steven Shade ein Video auf Instagram. Darin sagte Abed: »Ich liebe deine Musik.« Shade hatte zuvor einen Remix von Dahabflex herausgebracht, in dem unter anderem Gewaltfantasien gegen Polizeibeamte und die Zerstörung eines Polizeiautos besungen werden. Ob Abeds Lob auch diesem Stück galt, ließ er ebenfalls unbeantwortet. Auf der Website der Neuköllner Linksfraktion wird er hingegen als Politiker beschrieben, der »für eine friedliche Welt streiten« wolle.
Relativierung der Schoa
Bereits im Mai 2019 trat Abed bei einer Kundgebung zum sogenannten Nakba-Tag in Neukölln als Redner auf. Auf derselben Veranstaltung sprach Abla Saadat, die Ehefrau des inhaftierten PFLP-Generalsekretärs Ahmad Saadat. Dieser war 2008 von einem israelischen Militärgericht wegen seiner Führungsrolle in der Terrororganisation zu 30 Jahren Haft verurteilt worden.
Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) berichtete, dass bei der Kundgebung ein Israeli angegriffen worden sei. In Reden sei Israel als Apartheidsystem dargestellt und mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt worden. RIAS bewertete dies als Relativierung der Schoa. Abed beantwortete die Frage nicht, weshalb er bei derselben Veranstaltung wie die Frau des PFLP-Generalsekretärs aufgetreten war.
Auch Verbindungen zum Berliner Medienaktivisten Abed Khattar werfen Fragen auf. Khattar zeigt sich auf seiner Website wiederholt neben PFLP-Fahnen. Sicherheitskreise rechnen ihn laut »Bild« dem Umfeld der Terrororganisation zu.
Terroristin als »Inspiration«
In einem TikTok-Beitrag aus dem Oktober 2025 bezeichnete Khattar den Linke-Politiker als »Genossen«. Bereits 2017 waren beide gemeinsam bei einer Veranstaltung des Vereins Al-Huleh in Neukölln fotografiert worden. Khattar hatte zudem mehrfach führende PFLP-Funktionäre getroffen. Abed äußerte sich nicht dazu, wie er die Bezeichnung durch Khattar bewertet oder ob er ihn seinerseits als Genossen betrachtet.
Ein weiterer Vorgang fällt in Abeds Zeit im Vorstand der Internationalen Liga für Menschenrechte. Dem Gremium gehörte er von 2018 bis 2026 an. Im März 2019 veröffentlichte die Organisation gemeinsam mit anderen Gruppen eine Erklärung zur verhinderten Veranstaltung mit Rasmea Odeh, einer früheren PFLP-Terroristin. Darin wurde Odeh als »Inspiration für arabische und muslimische Frauen weltweit« bezeichnet. Zugleich hieß es, sie sei für eine »Attacke in Israel« zu Unrecht beschuldigt worden.
Hintergrund war ein Anschlag auf einen israelischen Supermarkt im Jahr 1969, bei dem zwei israelische Studenten ermordet wurden. Odeh war dafür zu lebenslanger Haft verurteilt worden und kam 1980 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs frei. Ob Abed die damalige Stellungnahme mitträgt, ließ er offen.
»Besorgniserregende« Entwicklung
Die politische Bedeutung der Vorwürfe wächst, weil Abed nach dem Wahlerfolg der Linken in Neukölln tatsächlich Bezirksbürgermeister werden könnte. Die Partei erreichte bei der Wahl Ende September 32 Prozent und lag damit vor CDU und Grünen zusammen. Die neu gewählte Bezirksverordnetenversammlung soll sich in der kommenden Woche konstituieren. Für eine Mehrheit braucht Abed jedoch Stimmen anderer Fraktionen.
Je nach Anwesenheit der Abgeordneten müsste er entweder die Grünen oder die SPD sowie mindestens einen der beiden BSW-Abgeordneten für sich gewinnen. Beide Parteien hatten seine Nominierung bereits kritisch kommentiert. Die SPD-Kreisvorsitzenden Joachim Rahmann und Derya Çağlar bezeichneten die Entwicklung im »Tagesspiegel« als »besorgniserregend«. Die Grünen-Bezirksvorsitzenden Chris Hilmer-Benedict und Meike Berg betonten, Antisemitismus dürfe in Neukölln »selbstverständlich keinen Platz haben«.
Abed hatte sich nach eigenen Angaben auch deshalb politisch gegen Israel positioniert, weil er durch den Krieg im Gazastreifen Angehörige verloren habe. Auf mehreren Demonstrationen, bei denen er als Redner auftrat, kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen. Die Bezirksverordnetenversammlung verabschiedete daraufhin wiederholt Resolutionen gegen israelbezogenen Antisemitismus. Abed und seine Fraktion stimmten mehrfach dagegen, darunter bei einer Erklärung der Solidarität mit der israelsolidarischen Neuköllner Kneipe Bajszel, deren Betreiber wiederholt bedroht und angegriffen worden waren.
Die Linksfraktion erklärte damals, sie verurteile Gewalt und Drohungen, wolle sich aber nicht »einseitig« positionieren. Den Betreibern warf sie vor, unter dem Vorwand des Antisemitismus-Kampfes die israelische Regierung und Armee zu unterstützen. ja