Gedenken

»Die Wunde heilt nicht«

Zunächst sprachen die Überlebenden. Zum Gedenken an die Befreiung des größten Vernichtungslagers der Nazis vor 70 Jahren, zu dem das Internationale Auschwitz Komitee am Montag in die Berliner Urania geladen hatte, wandten sich mit Marian Turski und Eva Pusztai-Fahidi zwei Menschen, die den Mördern in Auschwitz entkommen waren, an die geladenen Gäste, darunter Angela Merkel und viele weitere Spitzenpolitiker.

Zunächst hatte Christoph Heubner, der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Marian Turski gebeten zu sprechen. Der 88-jährige polnische Journalist, der Auschwitz und die Todesmärsche nach Buchenwald und Theresienstadt überlebt hat, verglich in seiner Rede die Geschichte mit einem Staffellauf, bei dem die Erinnerung wie ein Stab von Generation zu Generation weitergegeben werde.

»Es bedeutet, dass wir Überlebende euch unser Erbe, unseren Schatz an Erfahrungen übergeben – gute und schlechte.« Der Beginn von Auschwitz liege, so Turski, in der Demütigung von Menschen. Wenn heute ein Bosnier oder ein Türke, ein Israeli oder ein Palästinenser, ein Christ oder ein Muslim gedemütigt werde, dann sei das, »als beginne Auschwitz von Neuem«.

SCHULDGEFÜHLE Die Schriftstellerin Eva Pusztai-Fahidi aus Ungarn, die an ihre in Auschwitz ermordete Mutter und Schwester erinnerte, sprach auch über die Schuldgefühle, die sie hat, wenn sie an die Ermordeten denkt. »Warum ich? Warum bin ich am Leben geblieben?« Jetzt, 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, habe sie für sich endlich eine Antwort auf diese quälende Frage gefunden: »Weil ich eine Zeugin bin.«

Sie könne wohl für die Überlebenden sprechen, wenn sie sage: »Heute hassen wir niemanden mehr.« Aber Versöhnung, und da könne sie nur für sich sprechen, sei nicht möglich, der Schmerz sei immer noch da. Das Trauma, diese Hölle erlebt zu haben, könne sie nicht überwinden. »Die Wunde heilt nicht, sie ist immer neu.«

kanzlerin Erst zum Schluss der Gedenkstunde betrat Angela Merkel die Bühne. Sie sprach Eva Pusztai-Fahidi und Marian Turski ihren Dank aus, weil sie dafür sorgten, »dass Erinnerung über Generationen hinweg wach bleibt – dass aus ihr auch künftig Lehren gezogen werden können«.

Die Kanzlerin gedachte aller Menschen, »die von Deutschland im Nationalsozialismus verfolgt, misshandelt, gequält und ermordet wurden«. Sie nannte die sechs Millionen Juden, die umgebracht wurden, sie erinnerte an das Schicksal der Sinti und Roma, an die Menschen, die im Widerstand waren, an die Menschen mit Behinderung, an Homosexuelle, an Zwangsarbeiter, an die Menschen in den von Deutschland überfallenen Ländern. »Auschwitz ist eine Mahnung, was Menschen anderen Menschen antun können«, so Merkel. »Auschwitz ist eine grausame Zäsur in der Geschichte der Menschheit. Auschwitz steht für den von Deutschland begangenen Zivilisationsbruch der Schoa.«

Die Bundeskanzlerin sprach auch über die aktuelle Situation. Noch heute müssten in Deutschland viele Juden fürchten, angegriffen zu werden, wenn sie sich als Juden zu erkennen geben oder für den Staat Israel Partei ergreifen. »Es ist eine Schande, dass Menschen in Deutschland angepöbelt werden«, so Merkel. »Uns gegen jedes Aufkeimen von Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit zu wehren, ist unsere bürgerschaftliche, gesellschaftliche und staatliche Pflicht.«

Auch über die jüngsten Vorfälle in Frankreich sprach Merkel. »Dort richteten sich Hass und Gewalt gezielt gegen Menschen, die als Journalisten und Karikaturisten Gebrauch von ihrer Meinungsfreiheit gemacht haben«, so Merkel. »Dort richteten sich Hass und Gewalt gezielt gegen jüdische Kunden eines koscheren Supermarkts.« Beim Terror in Paris hätten sich zwei der großen Übel unserer Zeit gezeigt: »islamistischer Terrorismus und Antisemitismus«.

bundestag Am Dienstagvormittag fanden sich zahlreiche Überlebende, unter ihnen auch Marian Turski, im Bundestag ein, wo zur Gedenkstunde Bundespräsident Joachim Gauck sprach. Mit vielen Zitaten von Zeitzeugen erinnerte Gauck an das Menschheitsverbrechen Schoa. Ohne Auschwitz, sagte der Bundespräsident, gebe es keine deutsche Identität. Solange er lebe, so Gauck, werde er darunter leiden, dass Deutschland mit seiner Kultur zu diesen Verbrechen fähig war. »Selbst eine überzeugende Deutung des schrecklichen Kulturbruchs wäre nicht imstande, mein Herz und meinen Verstand zur Ruhe zu bringen.«

In den vergangenen Jahren hatte nicht das Staatsoberhaupt, sondern ein Überlebender zum, wie er seit 1996 in Deutschland offiziell heißt, »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus« gesprochen. 2014 war es der russische Schriftsteller Daniil Granin gewesen.

Im Jahr zuvor hatte die Autorin Inge Deutschkron eine Rede gehalten. 2012 war der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki eingeladen gewesen. Vor ihm, 2011, hatte mit Zoni Weisz erstmals ein Repräsentant der Sinti und Roma vor dem Bundestag gesprochen. 2010 hatten mit dem israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres und dem polnischen Schoa-Überlebenden Feliks Tych gleich zwei Redner im Bundestag der Schoa gedacht.

Verantwortung Die Gedenkstunde hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert eingeleitet. Er sagte, dass die Nachgeborenen zwar nicht für die schreckliche Geschichte ihres Landes Verantwortung trügen – »für den Umgang mit dieser Vergangenheit aber schon«. Wie sich Deutschland der Zukunft stellen wolle, sei vom Verhalten zur eigenen Geschichte abhängig. »Deshalb ist es eine bleibende Aufgabe, die Erinnerung an das, was in der Zeit des Nationalsozialismus geschehen ist, auch unter den nachwachsenden Generationen wachzuhalten.«

Lammert sprach zudem das »Ende der Zeitzeugenschaft« an und erinnerte daran, dass dies auch die Tätergeneration betreffe. Mithin müsse an die Stelle der dann wegfallenden juristischen eine moralische Aufarbeitung treten – und diese ende nie.

Teheran

Irans Außenminister behauptet, Israel wolle USA in Krieg ziehen

Irans Außenminister wirft Israel vor, die USA in einen Krieg zu locken. Was steckt hinter seinen Worten?

 14.01.2026

Kairo

Hamas-Gespräche über zweite Phase im Friedensplan für Gaza

Die Terrororganisation schickt eine Delegation nach Ägypten, um über die Umsetzung des Waffenstillstandsabkommens mit Israel zu verhandeln

 14.01.2026

Brüssel

Umgang mit Irans Revolutionsgarden spaltet EU

Die Bundesregierung wirbt in der EU für eine Terror-Listung der iranischen Revolutionsgarden. Eine Sitzung in Brüssel sorgt aber eher für Ernüchterung

 14.01.2026

Hessen

Brandanschlag auf Gießener Synagoge: Was bislang bekannt ist

Ein 32-jähriger Mann hat am Dienstag vor der Beith-Jaakov-Synagoge einen Papiercontainer in Brand gesetzt und den Hitlergruß gezeigt. Die Jüdische Gemeinde zu Gießen vermutet einen antisemitischen Hintergrund

von Michael Thaidigsmann  14.01.2026

Thüringen

Juden fordern klare Haltung zu Iran-Protesten

Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Reinhard Schramm, zeigt sich solidarisch mit den Demonstranten im Iran und wirbt für deren Unterstützung

 14.01.2026

Teheran

Irans Führung mobilisiert Anhänger für Trauerzüge

Im Iran kehrt nach den Massenprotesten wieder mehr Ruhe ein. Die politische Führung mobilisiert Anhänger für Trauerzeremonien für getötete Sicherheitskräfte

 14.01.2026

Frankreich

Macron empört über Schulbuch-Formulierung zum 7. Oktober

Eine Publikation des renommierten Verlags Hachette sorgt in Frankreich für Wirbel. Jetzt hat sich auch der französische Staatspräsident in die Debatte eingeschaltet

 14.01.2026

Berlin

Demonstranten entfernen Flagge der iranischen Botschaft

Seit Ende Dezember gibt es anhaltende Proteste im Iran. Menschenrechtsorganisationen berichten von Tausenden Toten. In Berlin drangen Personen auf das Gebiet der Botschaft ein

 14.01.2026

Berlin

Grüne Woche: Welche Rolle spielte die Messe im Nationalsozialismus?

Die Landwirtschaftsmesse hat sich in den 100 Jahren ihres Bestehens verändert. Wie sie zu ihrem Namen kam und welche Rolle sie in Nazi-Deutschland spielte

von Matthias Arnold  14.01.2026