Warschau

Die richtigen Worte

Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag des Warschauer Aufstands am 1. August 2019 Foto: dpa

Jeden 1. August um 17.00 Uhr heulen in Warschau die Sirenen, und die Kirchenglocken läuten. Polens Hauptstadt ehrt mit einer Schweigeminute die Kämpfer des Warschauer Aufstands von 1944 gegen die deutschen Besatzer. Das ist einer der emotionalsten Gedenkmomente an den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg gegen Polen mit bis zu sechs Millionen Toten.

Das Ziel der deutschen Besatzer sei es gewesen, die »polnische Identität auszulöschen«, sagte Außenminister Heiko Maas beim jüngsten Gedenken in Warschau. Er sei gekommen, um die Toten zu ehren und »weil ich das polnische Volk um Vergebung bitten möchte«.

studie Wie sehr belastet heute – 80 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 – der Zweite Weltkrieg die Beziehungen zwischen beiden Nachbarländern?

Nur 14 Prozent der Polen und 19 Prozent der Deutschen sagen, der Krieg habe keinen Einfluss mehr auf die aktuellen Beziehungen.

Nur 14 Prozent der Polen und 19 Prozent der Deutschen sagen, der Krieg habe keinen Einfluss mehr auf die aktuellen Beziehungen. Laut der Studie des Warschauer Instituts für Öffentliche Angelegenheiten spielen die Kriegsgeschehnisse bis heute für jeden dritten Polen eine große Rolle im Verhältnis zu Deutschland. 2008 waren es noch 43 Prozent. In Deutschland sehen momentan 22 Prozent einen starken Einfluss auf die Beziehungen. Die Mehrheit der Bürger in beiden Ländern meint, der Zweite Weltkrieg beeinflusse die gegenseitigen Beziehungen nur gering.

Die jüngeren Generationen schreiben der Kriegsproblematik naturgemäß eine geringere Bedeutung zu als die älteren. Sehr unterschiedlich beantworten Deutsche und Polen die Frage, ob die internationale Öffentlichkeit das Leid und die Opfer der Polen ausreichend anerkennen. Fast jeder zweite Pole sagt »Nein«. 62 Prozent der Deutschen glauben dagegen »Ja«.

Reparationen Und so ist auch die Frage nach deutschen Kriegsreparationen an Polen nicht vom Tisch. »Die dem polnischen Staat und den Polen zugefügten Schäden wurden vom Täter nicht wiedergutgemacht«, kritisierte Polens Außenminister Jacek Czaputowicz bei der Gedenkfeier mit Maas. Dies sei ein großes Problem für die Polen, mit dem sie nicht abschließen könnten. Eine polnische Parlamentariergruppe ermittelt seit einiger Zeit die Kriegsschäden, um sie Deutschland in Rechnung zu stellen. Offiziell fordert die Regierung in Warschau von Berlin allerdings keine Reparationen.

Ein großer Teil der polnischen Bevölkerung wünscht sich eine deutsche Entschädigung für die Kriegsverbrechen.

Ein großer Teil der polnischen Bevölkerung wünscht sich eine deutsche Entschädigung für die Kriegsverbrechen. Ungefähr ebenso viele Polen halten jedoch nichts davon, die Reparationsfrage aufzuwerfen.

Auch die polnischen Bischöfe warnten 2017 vor einer Stimmungsmache gegen Deutschland. Das Wort »Versöhnung« bestimme seit mehr als einem Vierteljahrhundert die deutsch-polnischen Beziehungen, hieß es damals in einer Erklärung. Es war ein schwerer Weg: Die brutale Vertreibung von Millionen Deutschen nach dem Krieg und die Inbesitznahme ihrer Heimat durch Polen hatte auch in Deutschland tiefe Narben hinterlassen.

generation Die 15-jährige Jagoda Sip aus Westpolen sagt: »Die Deutschen sollten Polen keine Kriegsreparationen zahlen, weil die deutsch-polnischen Beziehungen wirklich gut sind.« Die Zahlung einer so großen Summe könne die Beziehungen verschlechtern. Für das Kriegsgeschehen seien Menschen der damaligen Generation verantwortlich, nicht ganz Deutschland, sondern die Nazis. »Und die jetzigen Deutschen loben bestimmt nicht die Verbrechen der Nazis. Deshalb sollten sie nicht für die Fehler ihrer Vorfahren zahlen«, meint die Schülerin.

Der Warschauer Politologe Marek Cichocki forderte von Berlin eine »Geste des guten Willens gegenüber den Opfern, die wir von deutscher Seite noch nie erhalten haben«.

Der Warschauer Politologe Marek Cichocki forderte in der Zeitung »Rzeczpospolita« von Berlin eine »Geste des guten Willens gegenüber den Opfern, die wir von deutscher Seite noch nie erhalten haben«. Er warf Außenminister Maas vor, zwar um Vergebung zu bitten, aber eine gerechte Entschädigung zu verweigern. »Die Art des Problems ist nicht das Geld, sondern die Glaubwürdigkeit.«

Vielleicht finden am 80. Jahrestag des Kriegsbeginns am 1. September die Präsidenten von Polen und Deutschland die richtigen Worte. Andrzej Duda und Frank-Walter Steinmeier werden im zentralpolnischen Wielun reden. Deutsche Sturzkampfflugzeuge bombardierten die Kleinstadt bereits wenige Minuten, bevor das Schulschiff Schleswig-Holstein das Feuer auf die Westerplatte bei Danzig eröffnete.

Die Westerplatte gilt als Symbol für den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Erst seit einigen Jahren finden auch in Wielun nationale Gedenkfeiern statt.

Staatsbesuch

Kanzler Merz reist am nächsten Wochenende nach Israel

Das Datum steht: Bundeskanzler Merz reist in gut einer Woche zum Antrittsbesuch nach Israel. Der Gaza-Krieg hatte die Reise verzögert, durch die Waffenruhe wird sie jetzt möglich

 28.11.2025

Berlin

Anschlag auf israelische Botschaft geplant? Prozess beginnt

Ein mutmaßlicher IS-Unterstützer kommt vor Gericht. Der Prozess gegen den inzwischen 19-Jährigen beginnt am Montag

 28.11.2025

Brüssel

Weimer warnt vor Antisemitismus und Ausgrenzung beim ESC

Der Kulturstaatsminister will darüber mit seinen europäischen Kollegen sprechen

 28.11.2025

Eurovision Song Contest

Spanien bekräftigt seine Boykottdrohung für ESC

Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE gibt sich kompromisslos: José Pablo López wirft Israel einen »Genozid« in Gaza und Manipulationen beim Public Voting vor und droht erneut mit dem Austritt

 28.11.2025

USA

Mehrheit der Juden blickt nach Mamdani-Sieg mit Sorge nach New York

Eine Umfrage zeigt: Fast zwei Drittel der Befragten sind der Ansicht, Mamdani sei sowohl antiisraelisch als auch antisemitisch

 28.11.2025

Berlin

Israel, der Krieg gegen die Hamas und die Völkermord-Legende

Der israelische Militärhistoriker Danny Orbach stellte im Bundestag eine Studie und aktuelle Erkenntnisse zum angeblichen Genozid im Gazastreifen vor – und beklagt eine einseitige Positionierung von UN-Organisationen, Wissenschaft und Medien

 27.11.2025

USA

Staatsanwaltschaft rollt den Fall Etan Patz neu auf

Der jüdische Junge Etan Patz verschwindet am 25. Mai 1979 auf dem Weg zur Schule. Jahre später wird er für tot erklärt

 27.11.2025

Debatte

Neue Leitlinie zum Umgang mit NS-Raubgut für Museen und Bibliotheken

In Ausstellungshäusern, Archiven und Bibliotheken, aber auch in deutschen Haushalten finden sich unzählige im Nationalsozialismus entzogene Kulturgüter. Eine neue Handreichung soll beim Umgang damit helfen

von Anne Mertens  27.11.2025

Düsseldorf

Breite Mehrheit im Landtag wirbt für Holocaust-Zentrum in NRW

Große Mehrheit im NRW-Landtag: Fast alle Fraktionen werben für NRW als Standort eines vom Bund geplanten Holocaust-Bildungszentrums. Bayern und Sachsen sind ebenfalls im Rennen

von Andreas Otto  27.11.2025