Polen

Von Helden und Verbrechern

Am 1. August jährt sich der Aufstand der im Untergrund aktiven polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa, AK) gegen die deutschen Besatzer in Warschau zum 75. Mal. Zu den Aufständischen gehörten auch Anhänger einer rechtsnationalistischen Gruppierung: der Narodowe Siły Zbrojne (Nationale Streitkräfte, NSZ). Diese Organisation agierte zwar nicht unter Oberhoheit der AK, was aber gelegentliche Zusammenarbeit, wie eben während des Warschauer Aufstands 1944, nicht ausschloss.

Im heutigen Polen kommt den NSZ seit einigen Jahren innerhalb des öffentlichen Gedenkens eine herausgehobene Stellung zu, weil sie sich, anders als die politisch weit weniger extreme Heimatarmee, auf die Ideen des polnischen Rechtspolitikers Roman Dmowski (1864–1939) und seinen radikalen Nationalismus beriefen. Dieser Mann hatte vor dem Zweiten Weltkrieg das Programm der Endecja, der nationalistischen Rechten (Narodowa Demokracja – Nationale Demokratie) maßgeblich geprägt.

Diese Gedankenwelt wiederum ist kons­titutiv für die politischen Vorstellungen der heutigen polnischen Regierung, was die auch staatliche Verehrung der NSZ erklärt – etwa in Form eines Besuchs von Premierminister Mateusz Morawiecki am Grab von Kämpfern der Brygada Swietokrzyska in München im Februar 2018.

parteien Um zu verstehen, wie es dazu kommt, muss die Geschichte der NSZ beleuchtet werden. Nach der deutschen Besetzung Polens 1939 entstanden verschiedene Untergrundbewegungen, die sich meist an den politischen Parteien der Vorkriegszeit orientierten.

Die bei Weitem größte unter ihnen war seit November 1939 die Zwiazek Walki Zbrojnej (Vereinigung für bewaffneten Kampf), aus der im Februar 1942 die AK hervorging. Beide unterstanden der polnischen Exilregierung in London und waren deren ausführender Arm auf dem Kontinent. 1944 hatte die AK etwa 350 000 Mitglieder, von denen längst nicht alle bewaffnete Kämpfer waren.

Andere Untergrundorganisationen kämpften zunächst auf eigene Rechnung. Die Narodowa Organizacja Wojskowa (Nationale Militärorganisation, NOW) war Teil des Lagers der Endecja, der Roman Dmowski angehörte und die bereits vor 1939 in Opposition zur Regierung gestanden hatte. Im November 1942 fusionierten die NOW und die Heimatarmee (AK).

Die Ideologie der »Nationalen Streitkräfte« war ultranationalistisch, antidemokratisch und judenfeindlich.

Der rechte Flügel der NOW hatte sich wenige Monate zuvor, im September 1942, unter dem Namen Narodowe Siły Zbrojne (Nationale Streitkräfte, NSZ) mit dem Eidechsenbund, dem militärischen Arm des rechtsextremen und faschistischen Obóz Narodowo‐Radykalny (Nationalradikales Lager, ONR) zusammengeschlossen. Das Bündnis hielt bis März 1944, als sich die meisten ehemaligen NOW‐Kämpfer in den Reihen der NSZ ebenfalls der AK anschlossen (NSZ‐AK).

Die NSZ hatte einen Maximalstand von rund 75 000 Angehörigen. Nur ein Bruchteil von ihnen waren bewaffnete Kämpfer. Sie widersetzten sich den deutschen und den sowjetischen Besatzern, wollten die polnische Ostgrenze gemäß dem Vertrag von Riga 1921, eine Westgrenze an Oder und Neiße sowie eine Annexion Ostpreußens; außerdem setzten sie sich für einen katholischen und ethnisch homogenen Staat ein, aus dem die deutsche Minderheit auszusiedeln war.

Die Organisation war streng antikommunistisch. Die Ideologie der NSZ war ultranationalistisch, antidemokratisch und judenfeindlich, was die NOW‐Untergrundpostille Walka Polska (»Kampf Großpolen«) selbstbewusst verkündete: »Der polnische Nationalismus ist selbstverständlich antisemitisch« und »Unversöhnliche Feinde unseres Volkes sind nach Auffassung unseres Lagers: die Deutschen und die Juden (…)«.

Die dem rechten Lager nahestehende Krakauer Historikerin Lucyna Kulinska charakterisiert die Programmatik der NSZ als national‐sozial. Demnach sollte im zukünftigen, befreiten Polen ein Wirtschaftssystem geschaffen werden, das frei von allen äußeren und individuellen Einflüssen wäre. Die gesamte Nation sollte im Rahmen – und innerhalb – dieser Ideologie vereinigt werden. Dazu gehörte zwingend die Ausschaltung und Beseitigung nationaler Minderheiten. Deutsche, Ukrainer und Juden galten als gefährlichste und feindseligste Gruppen. Sie sollten ins Ausland umgesiedelt und ihre Organisa­tionen, die als Gegner der polnischen Nation galten, liquidiert werden.

Roman Dmowski All das beruhte auf den politischen Vorstellungen Roman Dmowskis. Er identifizierte Deutsche und Russen als Feinde der Polen, vor allem aber propagierte er einen ethnisch homogenen Staat. Sein Nationalismus war untrennbar mit dem Katholizismus verbunden, denn dieser alleine mache »wahre« Polen aus und grenze sie von Ukrainern oder Russen ab. Das war noch kein rassistischer Nationalismus, aber doch eine merkwürdig neuheidnische Vorstellung von christlichen Ideen, die er als kulturelle Legitimation für politische Ziele instrumentalisierte.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte Dmowski deshalb gefordert, Juden zur Emigration zu drängen, und eine intensive Beschäftigung mit der »Judenfrage« zur Pflicht für jeden national gesinnten Polen erklärt. Diese Judenfeindschaft steigerte sich in der Zwischenkriegszeit und während des Krieges.

Beiträge mit judenfeindlicher Ausrichtung finden sich in nahezu allen Presseorganen des polnischen Widerstands gegen die Deutschen.

Ihre extremsten Ausprägungen spiegeln mehrere Untergrundpublikationen wider. Im »Bulletin Walka« hieß es etwa am 28. Juli 1943, als die Ermordung der polnischen Juden im Rahmen der »Aktion Reinhardt« bereits weit über eine Million Opfer gefordert hatte: »Im Januar 1943 wurde der Rest der noch auf polnischem Boden lebenden jüdischen Bevölkerung auf eine halbe Million berechnet. Bis heute ist diese Zahl bestimmt auf die Hälfte gesunken – biologisch wurde das Judentum bei uns kräftig dezimiert. Von diesem Schlag wird es sich nicht mehr erholen. (…) In der Judenfrage wird immer stärker ein falsches Bewusstsein laut: ›Die Deutschen haben das für uns erledigt.‹ So kann die Sache nicht betrachtet werden, denn sie ist eine Ausflucht zur Begründung unserer Untätigkeit.«

Ghettoaufstand An anderer Stelle war in Bezug auf den Aufstand im Warschauer Ghetto im April 1943 zu lesen: »Die rachsüchtige jüdische Hand wendet sich gegen uns und die polnische Nation, beschuldigt sie, dass sie der Hauptgrund allen jüdischen Unglücks sei und sie zu wenig tue, um das schwere jüdische Los zu mildern. (…) Es gibt alle Anzeichen dafür, dass die verdeckten Juden im Land und die jüdische Emigration im Ausland sich zu einer Offensive um den Einfluss in Polen zusammentun und lediglich ihre Taktik geändert haben. (…) Die jüdische Frage muss im zukünftigen Polen gelöst und wird endgültig erledigt werden.«

Der Judenhass ging so weit, dass er sich auch auf diejenigen erstreckte, die Juden helfen wollten – denn die Überlebenden seien deutlich gefährlicher als die Gemeinschaft der Juden, die in der Vorkriegszeit in Polen lebten.

Beiträge mit judenfeindlicher Ausrichtung finden sich in nahezu allen Presseorganen des polnischen Widerstands gegen die Deutschen. Und obwohl das offizielle Informations‐Bulletin der Heimatarmee von dieser Regel abwich, finden sich entsprechende Äußerungen auch in Publikationen von Organisationen, die der Exil‐Regierung in London unterstellt waren.

Denunziationen Während und nach dem Krieg waren immer wieder Morde an Juden und Jüdinnen durch Angehörige der NSZ beziehungsweise der NSZ‐ZJ zu registrieren – oder auch Denunziationen und Auslieferungen von Verfolgten und deren Helfern an die deutschen Besatzer.

Im juristischen Sinne ist es heute unmöglich, jeweils konkret antisemitische Motive nachzuweisen. Außer Frage steht allerdings, dass Mitglieder der NSZ und der NSZ‐ZJ immer wieder als Täter antijüdischer Gewalt und als Mörder von Überlebenden identifiziert wurden.

Der Belzec‐Überlebende Chaim Hirszman wurde 1946 von Angehörigen der NSZ erschossen.

Ein besonders tragisches Beispiel: Chaim Hirszman, einer von nur drei Überlebenden des Vernichtungslagers Belzec, trat nach der Befreiung der Polnischen Arbeiterpartei bei und arbeitete unmittelbar nach dem Krieg für das Amt für Öffentliche Sicherheit in Lublin. In den neun Monaten seiner Tätigkeit für diese Behörde heiratete er eine andere Überlebende und ersuchte drei Mal um Entlassung aus dem Dienst, weil seine Gesundheit infolge der Haft in Belzec angegriffen sei.

Vermutlich wollte Hirszman emigrieren, aber dazu kam es nicht: Am 19. März 1946 erschossen ihn drei Angehörige der NSZ in seiner Wohnung. Vorausgegangen war knapp ein Jahr zuvor, am 25. März 1945, ein allgemeiner Befehl der NSZ an alle ihre regionalen Kommandos, der bestimmte Gruppen für eine »schnelle Exekution« empfahl, darunter neben Kommunisten, Deutschen und Sowjets auch »alle Juden und Jüdinnen« sowie alle diejenigen, die »Juden während der deutschen Besatzung versteckt haben«.

Die Volksrepublik Polen bekämpfte während der Zeit des Kommunismus das Andenken an die NSZ und schob diesen im Rahmen einer offensiven Propaganda zahlreiche Verbrechen gegen Zivilisten in die Schuhe, die sie tatsächlich nicht begangen hatten. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs schlägt das Pendel in die andere Richtung aus.

Mit dem Wiedererstarken des Nationalismus in Ostmitteleuropa, der Verdammung der sozialistischen Vergangenheit und vor allem der Öffnung von Archiven entstanden zahlreiche neue Studien, die mit wissenschaftlicher Gründlichkeit die Geschichte der NSZ, deren Kampf gegen die Kommunisten sowie deren Heldentum thematisierten, aber kritische Aspekte weitgehend ausblendeten.

Verband Gegenwärtig gibt es mehrere Verbände, die sich den NSZ verbunden fühlen. Als übergreifende Organisation fungiert der Verband der Soldaten der Nationalen Streitkräfte (ZZNSZ), der seit 2003 als Stiftung in Polen registriert ist. Offiziell distanziert sich der Verband von Antisemitismus und Radikalismus.

2012 gab Paweł Machcewicz, vormals historischer Berater des polnischen Premierministers Donald Tusk und damals Gründungsdirektor des Museums des Zweiten Weltkriegs in Gdansk, eine Einschätzung der historischen NSZ: »Sie waren auch Erben der faschistischen, antisemitischen ONR‐Tradition, anti‐demokratisch, mit totalitären Eigenschaften. Ich würde sie bewusst aus der Tradition eines demokratischen polnischen Staates ausschließen, obwohl ihre Mitglieder für die Unabhängigkeit Polens gekämpft und Opfer gebracht haben.«

Weil in Polen eine deutliche Verschiebung des politischen Diskurses nach rechts stattfand, wuchs die Akzeptanz ultranationalistischer Positionen.

Marek Edelman, einer der Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto, sagte 2008 in einem Interview: »Die NSZ war Hitlerismus in seiner reinen Form.« Und die damals am Jüdischen Historischen Ins­titut Warschau tätige Historikerin Alina Cała urteilte im Februar 2016, die NSZ habe mehr Jüdinnen und Juden als deutsche Besatzer ermordet.

Parlament Trotz derartiger Bewertungen sind die NSZ heute in Polen Teil der offiziellen Gedenkkultur und werden als Helden etwa im Parlament gewürdigt, und zwar nicht erst seit der Regierungsübernahme durch die PiS 2015. Kritische Stimmen, die einen genauen und differenzierten Blick auf die Taten der Gefeierten fordern – von denen nicht wenige schlicht als Räuber und Banditen zu charakterisieren sind –, verhallen ungehört.

Weil in Polen in den letzten Jahren eine deutliche Verschiebung des politischen Diskurses nach rechts stattfand, wuchs auch die Akzeptanz ultranationalistischer Positionen. Selbstverständlich bedeutet all dies nicht zwangsläufig, dass die heutigen Akteure allesamt glühende Antisemiten wären.

Festzuhalten bleibt aber doch, dass Antisemitismus an sich nicht als problematisch angesehen wird, sondern vielmehr als eine Art außenpolitisches Imageproblem: Da er in westlichen demokratischen Gesellschaften offensichtlich nicht akzeptiert ist, will sich Polen in dieser Hinsicht keine Blöße geben.

Antikommunismus In der offiziellen Lesart waren selbst die Kämpfer der NSZ niemals antisemitisch, sondern ausschließlich antikommunistisch. Und weil das Töten von Kommunisten als legitim und erwünscht galt und gilt, werden kurzerhand alle jüdischen Opfer pauschal zu Kommunisten beziehungsweise deren Unterstützern erklärt – was einmal mehr das Stereotyp der Judäo‐Kommune perpetuiert.

Darüber hinaus scheint die Meinung verbreitet zu sein, dass Juden keine Polen sein können, also nicht zu diesem Staat gehörten und gehören. Die Regierung und ihre Anhänger blenden auf diese Weise nicht nur manche Aspekte der Geschichte gezielt aus, sondern verschieben durchaus auch die Grenzen des Sagbaren und der politisch akzeptablen Handlungen massiv nach rechts.

Freilich ist Polen noch immer eine demokratische Gesellschaft, sodass die nach wie vor existierende kritische Forschung zwar unter finanziellen Kürzungen und verbalen Einschüchterungen leidet, aber durchaus im medialen Diskurs präsent ist. Die zunehmende Akzeptanz des historischen Antisemitismus bleibt daher keinesfalls unwidersprochen und ist selbst Gegenstand von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.

Der Autor ist Professor für Holocaust‐Studien und Jüdische Studien am Touro College Berlin.

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