Diplomatie

Die ratlosen Mullahs

Und tschüss: Irans Mahmud Ahmadinedschad verabschiedet Syriens Baschar al-Assad. Foto: dpa

Teheran hat es die Sprache verschlagen. Kein Wunder: Seit zwei Monaten geht es in Syrien dem Regime des arabischen Hauptverbündeten an den Kragen. Der mit den iranischen Mullahs befreundeten Hisbollah im Libanon stehen verheerende Enthüllungen durch den Hariri-Sondergerichtshof in Den Haag ins Haus. Und die palästinensische Hamas zeigt sich, getrieben durch den drohenden Verlust ihres syrischen Schutzpatrons, im Bruderzwist mit der Fatah plötzlich diplomatisch.

marionette Vor gut einem halben Jahr hatte sich Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad noch bei seinem Besuch im Südlibanon feiern lassen – als Mann, dessen Macht jetzt bis vor die Haustüre Israels reicht. Engster Verbündeter des »Frontstaates Syrien«, Finanzier von Hisbollah und Hamas. Irans Staatschef trat auf wie einer, dem in der Region die politische Zukunft gehört.

Davon könnte jedoch bald nicht mehr viel übrig sein. Syriens Regime lässt zwar erbarmungslos auf seine Bürger schießen. Ob es sich aber an der Macht halten kann, weiß heute niemand. »Wenn Damaskus demokratisch wird, verliert Teheran seine Marionette«, spottet bereits die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Syrien sei ein souveräner Staat und könne seine Probleme selbst lösen, heißt es dagegen kleinlaut aus dem Munde Ahmadinedschads. Trotzdem schickte er eilends »Berater« nach Damaskus, die bei der Unterdrückung der Proteste helfen sollen und mit ihrem elektronischen Störgerät inzwischen die letzten noch funktionierenden Satellitentelefone zum Schweigen gebracht haben.

Zu Beginn des arabischen Frühlings hatte sich die Islamische Republik als Weisheit zurechtgelegt, es seien nur prowestliche Regime, in denen protestiert würde. »Die Vorgänge in Tunesien und Ägypten lassen die Alarmglocken schrillen für despotische Führer, die viele Jahre auf ihren Völkern herumgetrampelt sind«, trompetete Parlamentspräsident Ali Larijani.

Opposition Gleichzeitig verbot das Mullah-Regime am 11. Februar, dem Tag des Mubarak-Sturzes, eine Demonstration der grünen Opposition, deren Forderungen sich von denen arabischer Facebook-Aktivisten bekanntlich nicht unterscheiden. Um die eigene Jugend nicht weiter zu provozieren, äußerte sich Iran seither nur noch sporadisch, etwa im Falle von Bahrain, wo es das brutale Vorgehen gegen die überwiegend schiitischen Demonstranten kritisierte.

Hinter den Kulissen allerdings sucht die Islamische Republik bereits nach Alternativen für eine Zukunft ohne Assads Syrien. So reiste Außenminister Ali Akbar Salehi dieser Tage in die Vereinigten Arabischen Emirate, um das Verhältnis wieder anzuwärmen. Mit Kairo will Teheran erstmals seit 1979 wieder Botschafter austauschen. Laut denken die bevölkerungsreichsten Staaten der Region über eine neue gemeinsame Achse nach. Irans Außenminister lobte das »große Potenzial in beiden Ländern«, auch könnten Ägyptens gute Beziehungen zum Westen, so sein Kalkül, Teheran in Zukunft nützlich sein.

ägypten Im Gegenzug zeigt sich die Führung im postrevolutionären Kairo entschlossen, Iran schon jetzt einen ersten außenpolitischen Preis abzuverlangen. Ägypten will sein Verhältnis zur Hamas verbessern, eine dauerhafte Entspannung zwischen den beiden palästinensischen Lagern erreichen, vielleicht sogar die Exilführung von Damaskus an den Nil locken. Das geht nur, wenn Teheran aufhört, die Zwietracht im palästinensischen Lager zu säen. Demonstrativ pries daher Irans Außenminister Salehi die Versöhnung zwischen Hamas und Fatah als einen »Triumph für das große ägyptische Volk«. Auf dem Treffen der Blockfreien Ende Mai in Indonesien wollen die Chefdiplomaten beider Staaten erstmals miteinander reden.

Im Lager der iranischen Reformer allerdings stößt das Verhalten des Regimes zu den arabischen Aufständen auf scharfe Kritik. »Das Töten von Demonstranten sollte in jedem Land verurteilt werden, egal, ob in Syrien, Bahrain, Libyen oder Ägypten«, erklärt der Parlamentsabgeordnete Qodratullah Alikhani. »Die Forderungen der Völker sollten überall gleichermaßen respektiert werden.«

Ukrainereise

Prien bei Gedenken in Babyn Jar: Erinnerung verpflichtet uns

Bundesfamilienministerin Prien ist in die Ukraine gereist. Am heutigen Dienstag sprach sie beim Gedenken an die ermordeten Juden in Babyn Jar. Sie betonte auch, Deutschland stehe weiter an der Seite der Ukraine

von Birgit Wilke  06.10.2026

Fokus

Aktionswochen gegen Antisemitismus gestartet - Zahlen zu Hochschulen

Die bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus nehmen dieses Jahr die Lage an den deutschen Universitäten in den Blick. Die Amadeu-Antonio-Stiftung nennt erhobene Vorfallszahlen - und stellt Forderungen

von Daniel Zander  06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Bitterer Vorgeschmack

Die heutige Wahl des ersten AfD-Landtagspräsidenten zeigt, wie die rechtsextreme Partei im Dezember auch den Ministerpräsidenten stellen könnte

von Mascha Malburg  06.10.2026 Aktualisiert

Dialog

Zwischen Vatikan und Juden geht nach dem 7. Oktober kaum noch was

Seit Jahrhunderten ist das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Juden turbulent. Nach einem Zwischenhoch unter Johannes Paul II. kühlte es wieder ab. Und seit dem Gazakrieg nähert es sich einem neuen Tiefpunkt

von Ludwig Ring-Eifel  06.10.2026

Berlin: das Rote Rathaus mit Fernsehturm im Hintergrund

Glosse

Ein Coach berät die Berliner Linke

Unser Autor ist Psychologe, Coach und Berater. Der Linkspartei und ihrer Regierenden Bürgermeisterin in spe, Elif Eralp, hilft er an dieser Stelle kostenlos

von Louis Lewitan  06.10.2026

Düsseldorf

Nach Angriff auf Juden: Polizei veröffentlicht Fahndungsfoto

Die Tatverdächtigen sollen einen Mann verprügelt haben, weil der ein T-Shirt mit »IDF«-Schriftzug getragen hatte

 06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Tobias Rausch zum ersten AfD-Landtagspräsidenten gewählt

Er ist jetzt der protokollarisch ranghöchste Politiker in Sachsen-Anhalt. Nach ihrem Wahlsieg im September stellt die AfD mit Tobias Rausch den Landtagspräsidenten.

 06.10.2026

Essay

Der 7. Oktober und das Ungeheuer

Damals ist das Ungeheuer namens Judenhass neu ausgebrochen und wütet seitdem mit einem Furor, dem wir fassungslos gegenüberstehen. Sein Appetit ist ungebrochen, und es wird täglich gefüttert

von Esther Schapira  06.10.2026

Berlin

Mittel gegen Antisemitismus in Millionenhöhe bleiben liegen

Vor allem wegen der Nachwirkungen der »Fördergeldaffäre« konnten viele Gelder nicht mehr abgerufen werden. Projekte wurden aber auch strenger geprüft

 06.10.2026