Israel

Die nächste Intifada?

Palästinensische Jugendliche attackieren in Kafr Kana bei Nazareth israelische Polizisten. Foto: Flash 90

Israel sei von einer »öffentlichen Panik« nicht mehr weit entfernt, schrieb der Journalist Amos Harel in der Tageszeitung Haaretz. Und Alex Fishman fasste in Yedioth Ahronoth die Gefühle vieler Israelis zusammen, indem er die Situation während der zweiten Intifada vor zehn Jahren beschrieb: »Du hast noch keine Zeit gehabt, den Terroranschlag vom Morgen zu verdauen, da schockt dich schon der nächste, und dein Herz schlägt schneller, weil du weißt, in ein, zwei Stunden wird der nächste Anschlag passieren.« So ähnlich sei es jetzt auch, meint Fishman.

Auch Menachem Klein, Nahostexperte an der Bar-Ilan-Universität, bezeichnet die blutigen Ereignisse, die sich in Jerusalems Straßen in den vergangenen Monaten abspielten, längst als Intifada, als einen neuen Aufstand der Palästinenser. Die meisten Experten teilen diese Meinung jedoch nicht. Jaakov Amidror vom Begin-Sadat-Zentrum für Strategische Studien etwa sagt: »Die Gewalt, die wir gerade erleben, verdient den Namen Intifada nicht.«

sicherheitsberater Amidror, bis 2013 nationaler Sicherheitsberater, argumentiert, dass es 2002 viel mehr israelische Opfer gegeben habe – »innerhalb eines Monats 122«. Seit August wurden bei palästinensischen Anschlägen in Jerusalem fünf Israelis getötet und etliche weitere teilweise schwer verletzt. Dass in den vergangenen Tagen auch Attacken in Tel Aviv und im Westjordanland hinzukamen, bei denen Palästinenser zwei Israelis erstachen, lässt aber die Unsicherheit wachsen.

Die israelische Öffentlichkeit hat den Eindruck, die Sicherheitskräfte hätten die Lage nicht mehr unter Kontrolle. Fishmans Urteil in Yedioth Ahronoth fällt besonders harsch aus: »Ministerpräsident Netanjahu hat keinen blassen Schimmer, was er tun soll.« Mit ein paar »nationalistischen Slogans« versuche er, die Verantwortung von sich abzuwälzen.

Derzeit überlegt die Regierung, straffällig gewordenen Arabern die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen, was aber verfassungsrechtlich heikel ist. Für Steine werfende Palästinenser sollen die Haftstrafen auf bis zu 20 Jahre ausgeweitet werden. Außerdem kündigte Netanjahu an, die Häuser von Attentätern zerstören zu lassen, was sich in der Vergangenheit als wenig abschreckend erwiesen hatte und daher nicht mehr praktiziert wurde.

messerattacken Bereits in den vergangenen Wochen hatte die Regierung 1200 zusätzliche Polizisten nach Jerusalem entsandt. Nun sind auch die Sicherheitskräfte in Städten mit mehrheitlich arabischer Bevölkerung verstärkt worden, nachdem es in Kafr Kana bei Nazareth einen tödlichen Zwischenfall gegeben hatte. Dort war ein arabischer Israeli nach einer Messerattacke von Polizisten erschossen worden. Den Beamten wird vorgeworfen, zu schnell gefeuert zu haben – ein Vorwurf, der viele arabische Israelis zu Protesten auf die Straßen trieb.

Die Ratlosigkeit darüber, wie die Gewalt eingedämmt werden kann, ist unter Israels Experten groß. »Mit geheimdienstlicher Aufklärung kommen wir nicht weit«, räumt Jaakov Amidror ein; es handele sich nämlich um Einzeltäter. »Die stehen morgens auf und sagen sich: ›Ich töte heute einige Juden.‹« Jeder könne sich mit einem Küchenmesser bewaffnen und auf Menschen losgehen.

hasstiraden Auch wenn die Anschläge nicht zentral gesteuert sind, wirft die israelische Regierung der palästinensischen Seite vor, mit Hasstiraden gegen Juden zu solchen Taten anzuheizen. Die Nachrichtenagentur Schehab etwa, die der Hamas nahesteht, veröffentlichte auf ihrer Facebook-Seite ein Foto, das das Wageninnere eines Pkw zeigt; darunter steht auf Arabisch: »Das Gaspedal ist deine Waffe.« Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hatte nach dem Anschlagsversuch auf den Rabbiner Jehuda Glick, der für ein gleichberechtigtes Beten von Juden und Muslimen auf dem Tempelberg eintritt, der Familie des Täters kondoliert und ihn als Märtyrer gefeiert.

Angesichts der mit Hass und Angst aufgeladenen Atmosphäre lobt Haaretz-Korrespondenten Barak Ravid Israels Staatspräsidenten Reuven Rivlin als »vielleicht einzige verantwortungsvolle Persönlichkeit an der Spitze«. Der hatte bei einer Veranstaltung zu Yitzhak Rabins 19. Todestag vor jungen Israelis gemahnt: »Demokratie basiert vor allem auf Werten, auf Zuhören, auf Zusammenarbeit, auf einer Vision.«

Teheran

Trotz Angriffen: Iran mobilisiert zu Al‑Kuds‑Protesten

Zum Ende des Fastenmonats Ramadan findet im Iran immer eine staatlich-inszenierte Großdemonstration gegen Israel statt. Die Führung rief die Bevölkerung auf, es dem »Feind« zu zeigen

 13.03.2026

Andenes

Kanzler Merz sieht keinen Anlass für Militäreinsatz in Straße von Hormus

Der französische Präsident treibt die Idee eines Militäreinsatzes zum Schutz von Öltankern und Handelsschiffen in der Straße von Hormus voran. Kanzler Merz ist da deutlich zurückhaltender

 13.03.2026

Washington D.C.

»Schaut mal, was heute mit diesen geistesgestörten Drecksäcken passiert«

»Wir verfügen über beispiellose Feuerkraft, unbegrenzte Munition und viel Zeit«, schreibt der amerikanische Präsident auf seiner Plattform Truth Social

 13.03.2026

Maskat

Bericht: Tote und Verletzte durch Drohne im Oman

Woher die Drohnen kamen, war zunächst nicht bekannt. Trotz Vermittlungsbemühungen wurde der Oman mehrfach zum Ziel iranischer Angriffe

 13.03.2026

Meinung

Iran: Der Verrat des Westens

Die Islamische Republik ist angeschlagen, doch ihre Unterstützer im Westen sind nach wie vor aktiv

von Jacques Abramowicz  13.03.2026

Paris

Nationaler Widerstandsrat will Übergangsregierung im Iran stellen

Die Gruppe exilierter Iraner will nach dem Sturz der Mullahs innerhalb von sechs Monaten Wahlen durchführen. Der Widerstandsrat ist jedoch höchst umstritten

 13.03.2026

Nahost

US-Tankflugzeug bei Einsatz im Irak abgestürzt

Vier der fünf Crew-Mitglieder starben

 13.03.2026

Incirlik

Iranische Rakete auf NATO-Stützpunkt in der Türkei abgefeuert

Als Reaktion auf die wachsende Bedrohung verstärkt die Allianz ihre Luftverteidigung in der Region. Ankara droht derweil dem Regime in Teheran

 13.03.2026

Analyse

Der strategische Fehler Teherans – und die Chance auf eine neue Ordnung im Nahen Osten

Wie der Krieg gegen das iranische Regime die Machtverhältnisse der Region dauerhaft verändern könnte

von Sacha Stawski  13.03.2026