Redezeit

»Die Menschheit ist eine Sackgasse der Schöpfung«

Baron Guttenberg, Sie sind als Dirigent mit Bachs großen Sakralwerken wie der Matthäus-Passion zu Weltruhm gelangt. Gleichzeitig aber sind Sie der festen Überzeugung, dass es angesichts des Leids in der Welt keinen Gott geben könne. Steht diese Auffassung nicht im krassen Gegensatz zu Bachs aus tiefer Religiosität entstandenen Werken?
Nein, ich finde, das passt sehr gut zusammen. Meine Aufgabe als Bach-Dirigent ist es, das Gefühl des spirituellen Heimwehs zum Ausdruck zu bringen. Und als Atheist weiß ich nur zu gut, wie es sich anfühlt, wenn einem der Glaube an Gott abhandengekommen ist. Als Dirigent bringe ich mein Verhältnis zur Religion in derselben Weise zum Ausdruck wie jemand, der unendlich einsam ist und bedingt durch seine Sehnsucht nach Geborgenheit von Liebe spricht.

Das heißt, Sie glauben zwar nicht an Gott, aber Sie vermissen ihn?
Und wie! Früher war ich ein tiefgläubiger Mensch, und das Gefühl, in der Religion geborgen zu sein, fehlt mir ungemein. Aber man kann sich eben nicht aussuchen, ob man glaubt oder nicht.

Gab es ein bestimmtes Ereignis, woraufhin Sie den Glauben verloren haben?
So etwas wie einen Wendepunkt gab es nicht, und ich persönlich habe ja auch keinen Grund, mich zu beklagen. Ich lebe auf der Sonnenseite der Titanic, mir geht es gut, ich bin finanziell unabhängig - alles wunderbar. Aber global gesehen wurde es mir mit den Jahren immer weniger möglich, die Geschehnisse in der Welt mit der Existenz eines allgütigen und allmächtigen Gottes zu vereinbaren. Ich halte die Natur und den Menschen einfach für unglaublich grausam.

Inwiefern?
Der Mensch ist der zerstörerische Faktor. Die Menschheit ist eine Sackgasse der Schöpfung. Es ist meine tiefe Überzeugung: Angesichts des Alters des Universums wird sie allenfalls ein Huster der Geschichte sein. Da ist es nur allzu klar, dass der Mensch Religionen stiftet, die Ordnung in das ganze Chaos bringen sollen. Wir brauchen den Schulmeister und Hoffnungsspender Religion. Bedenken Sie, dass mit dem ersten Atemzug des Lebens zugleich das Ende vorausgesagt ist. Wenn Sie so wollen, gibt es zur Windel das Leichentuch gleich dazu.

Wenn alles dem Untergang geweiht ist, wozu dann überhaupt noch dieses Leben?
Das ist eine gute Frage. Ich kann sie bis heute nicht beantworten, und hätte ich eine Antwort, wäre ich vermutlich ein tiefreligiöser Mensch. Wobei ich betone: Ich versuche trotz allem, das Christentum zu leben. Die Religion spielt im Leben meiner Familie nach wie vor eine zentrale Rolle.

Gründet Ihr unermüdliches Engagement für den Umweltschutz in der Überzeugung von der Sinnhaftigkeit der christlichen Lehre?
Das Bewahren der Schöpfung ist ein zutiefst jüdisch-christlicher Gedanke. Aber wir berufen uns im Abendland immer nur darauf, dass wir uns die Erde untertan machen sollen, wie es in der Genesis heißt. Doch dort steht eben auch, dass man den Garten Eden zu bewahren hat. Leider haben wir uns darüber immer hinweggesetzt. Wenn man sieht, dass alle ökologischen Katastrophen eingetreten sind, die die Wissenschaftler vor 40 Jahren vorausgesagt hatten, bleibt einem nichts anderes übrig, als ein furchtbarer Pessimist zu werden.

Der Optimist wird Ihnen entgegenhalten, dass die Pessimisten schon seit Jahrtausenden den Untergang predigen, der Mensch aber stets in der Lage war, Lösungen für scheinbar unlösbare Probleme zu finden.

Dem widerspreche ich vehement! Das Verhalten des Menschen ist nicht proportional zu seiner Intelligenz gewachsen. Das Problem ist, dass der Mensch den Kragen einfach nicht voll kriegt, immer mehr will und über seine Ressourcen lebt. Ich würde sehr gerne in meinem Pessimismus widerlegt werden, aber die Tatsachen sprechen dagegen. Die menschengemachten Naturkatastrophen überschlagen sich seit geraumer Zeit geradezu. Das Schlimme ist, dass wir gegen diese Katastrophen vor Jahrzehnten noch etwas hätten tun können. Ich fürchte, nun ist es zu spät.

Haben Sie den Glauben an die Politik verloren, dass sie die notwendigen Strategien durchsetzt, mit denen die dringlichen Probleme der Gegenwart gebannt werden können?

Unbedingt, die Politik reagiert ja doch immer nur hinterher. Sie ist nur in den seltensten Fällen vorausschauend. Es ist lediglich eine Frage der Zeit, bis uns ein Atomkraftwerk um die Ohren fliegt. Und was tut die Politik? Sie versteckt sich hinter der Technik, um nicht zugeben zu müssen, dass sie die Kontrolle verloren hat. Immer dann, wenn es einen Störfall gibt, wird erklärt, es sei technisches oder menschliches Versagen gewesen. Ich sage aber: Es gibt kein technisches, sondern nur menschliches Versagen. Die Technik ist doch von Menschen gemacht! Mir scheint, als würden wir die Natur, die uns erhält, abgrundtief hassen.

Als Vater von zwei kleinen Kindern muss es Sie in höchstem Maße umtreiben, sich der immensen zukünftigen Probleme bewusst zu sein und gleichzeitig zu wissen, dass Ihre Kinder in ebendieser Welt werden leben müssen.

Das tut es, in der Tat. Das ist kein leerer Spruch: Ich kann deswegen oft nicht schlafen und liege nächtelang wach. Ich glaube, dass die ökologischen Probleme spätestens unserer Enkelgeneration grauenvoll schaden werden. Unter Umständen wird der Planet sogar unbewohnbar sein …

… das klingt, mit Verlaub, doch ein wenig übertrieben.
Was soll denn noch alles passieren? Die Menetekel sind da. Nehmen Sie nur die Tatsachen, dass die arktische Polkappe irreversibel schmilzt. In 20, 30 Jahren werden bis zu einer Milliarde Menschen heimatlos – und die kommen ganz sicher nicht mit dem Omnibus, um bei uns eine neue Heimat zu finden. Andere Arten bringen ihrem Nachwuchs bei, wie man überlebt. Wir sind die einzige Art, die ihren Kindern beibringt, wie man nicht überlebt.

Was machen wir falsch, wann haben wir die Fähigkeit verloren, im Einklang mit der Natur zu leben?
Ich glaube nicht, dass uns etwas abhandengekommen ist. Es ist vielmehr so, dass wir diese Fertigkeit nie hatten. Der Faustkeil des Neandertalers ist die Atombombe von heute. Denken Sie nur an den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad. Je intelligenter wir werden, desto problematischer ist das Auseinanderklaffen der Schere in Bezug auf unser primitives Verhalten - Politik hin oder her.

Wie muss man sich die Diskussionen zwischen Ihnen und Ihrem Sohn, dem Bundesverteidigungsminister, vorstellen? Gibt es Streit zwischen dem bekennenden Apokalyptiker und dem Hoffnungsträger der deutschen Politik, der der Zukunft mit Zuversicht und Glauben an die Menschheit entgegensieht?
Es ist ja nicht so, dass ich in Sack und Asche herumlaufe. Ich will ja nicht nur negativ sein. Wenn ich aber zusammenzähle, was in der Welt geschieht, dann kommt zwangsläufig eine pessimistische Sicht der Dinge zusammen. Umso glücklicher bin ich, dass ein Typ wie mein Sohn Politik macht und, wie ich finde, dabei auch sehr glaubwürdig agiert. Meine beiden erwachsenen Kinder sind trotz allem Optimisten. In unserer Familie ist man so erzogen worden, dass der Mensch immer auch ein politischer Mensch zu sein hat. Ich bin davon überzeugt, dass ein unpolitisches Leben ein Versündigen an der Gesellschaft ist. Das habe ich versucht, meinen Söhnen zu vermitteln. Die Hoffnung auf Hoffnung darf uns nicht abhandenkommen. Denn eigentlich gibt es keine Hoffnung. Aber vielleicht schaffen wir es ja doch.


Enoch Freiherr zu Guttenberg wurde 1946 im oberfränkischen Guttenberg als Abkömmling eines dort seit dem 12. Jahrhundert ansässigen Adelsgeschlechts geboren. Er ist ein weithin bekannter Dirigent und Umweltaktivist der ersten Stunde. Nachdem Ministerpräsident Max Streibl sich 1992 geweigert hatte, an einer Demonstration gegen Antisemitismus teilzunehmen, trat Guttenberg aus der CSU aus. Als sein Sohn Karl-Theodor Bundesminister wurde, trat er der Partei wieder bei.

Guttenbergs Vater Karl Theodor war zu Zeiten der Großen Koalition unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Als 19-Jähriger lehnte er es zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ab, sich an Judenerschießungen in Polen zu beteiligen, und stand deshalb vor dem Kriegsgericht. Auch Guttenbergs Großeltern väterlicher- und mütterlicherseits waren in den Widerstand gegen Adolf Hitler und das NS-Regime involviert.

Interview

»Plötzlich ist das Gefühl von Sicherheit weg«

In der Nacht auf Sonntag ist das private Grundstück von Brandenburgs Antisemitismusbeauftragten Andreas Büttner Ziel eines Brandanschlags geworden. Mit der Jüdischen Allgemeinen spricht er nun exklusiv über den Angriff – und benennt, was daraus folgen muss

von Mascha Malburg, Philipp Peyman Engel  04.01.2026 Aktualisiert

Templin

Brandanschlag auf Grundstück von Beauftragten gegen Judenhass

Auf dem Grundstück des Antisemitismusbeauftragten von Brandenburg wurde ein Schuppen in Brand gesteckt. Auf seiner Haustür haben die Täter ein rotes Hamas-Dreieck hinterlassen

 04.01.2026

Analyse

Warum die Proteste im Iran auch eine Chance für unsere Sicherheit sind

Anschläge und Morde, verdeckte Handelsfronten, Identitätsdiebstahl und Sanktionsumgehung: Das Regime in Teheran ist auch in Europa zu einem hybriden Bedrohungsakteur geworden. Umso wichtiger ist es, die Regimegegner zu unterstützen

von Rebecca Schönenbach  04.01.2026

Interview

»Israels Sache ist gerecht, sie muss nur besser erklärt werden«

Der saudische Influencer Loay Alshareef über Frieden im Nahen Osten, seine erste Begegnung mit Juden und die Kraft persönlicher Erfahrung

von Stefan Laurin  04.01.2026

Iran

Proteste gegen Chamenei weiten sich aus

Im Iran kam es erneut zu Gewalt gegen Demonstrierende. Die Proteste haben sich inzwischen auf etwa 70 Prozent des Landes ausgeweitet. Auch in Berlin und Washington versammelten sich oppositionelle Exiliraner

 04.01.2026

Venezuela

Netanjahu gratuliert Trump

Israels Regierungschef Netanjahu lobt den US-Angriff in Venezuela und hebt Trumps Vorgehen gegen Maduro als »historisch« hervor. Andere israelische Politiker ziehen Parallelen zum Iran

 04.01.2026

Caracas

Venezuelas Vizepräsidentin behauptet »zionistische Handschrift«

Delcy Rodriguez, die nach der Festnahme von Präsident Nicolás Maduro die Leitung des Landes übernehmen will, stellt den US-Angriff in einen Zusammenhang mit Israel

 04.01.2026

Be'eri

Nach dem 7. Oktober

Daniel Neumann hat den Kibbuz Be’eri besucht und fragt sich, wie es nach all dem Hass und Horror weitergehen kann. Er weiß, wenn überhaupt, dann nur in Israel

von Daniel Neumann  02.01.2026

Kommentar

Der Edelpilz, der keiner ist

New Yorks neuer Bürgermeister Zohran Mamdani hat bereits die Anerkennung der IHRA-Definition durch die Stadtverwaltung und das Boykottverbot gegen Israel aufgehoben

von Louis Lewitan  02.01.2026