Frankfurt

Die große Unsicherheit

Beim Blick auf den Kursverfall des Euros wird einem ganz schummerig vor Augen, vor allem wenn es darum geht, nicht den wirtschaftlichen Boden unter den Füßen zu verlieren. Foto: dpa

Wäre alles nur eine Frage der Psyche, müsste man wohl konstatieren, dass der Patient Europa Symptome einer ausgeprägten Depression zeigt: gestörtes Selbstwertgefühl, Überfixierung auf die eigenen Probleme und eine beinahe an Apathie grenzende Unfähigkeit, diese anzugehen. Auch guter Zuspruch von Politikern und optimistischen Ökonomen scheint nichts an der anhaltenden Niedergeschlagenheit des Wirtschaftsraums zu ändern. Sogar gute Konjunkturprognosen und Sonderschichten bei den Autobauern können das düstere Gesamtbild nicht groß aufhellen: Die Euro-Krise hat voll zugeschlagen, der Patient gehört auf die Couch.

Ganz so plakativ würde es Joachim Goldberg sicherlich nicht formulieren. Dass aber bei der Wahrnehmung und Bewertung der allgemein postulierten Krise der europäischen Einheitswährung – und damit des gesamten EU-Wirtschaftssystems – immer auch ein Stück weit Psychologie mit im Spiel ist, daran besteht für ihn kein Zweifel. »Nicht alles, was auf den Märkten passiert, folgt rationalen Prinzipien.«

Devisen Die Frage nach der »Berechenbarkeit« des Marktverhaltens beschäftigte den 54-jährigen Goldberg bereits früh in seiner Karriere. Ende der 70er-Jahre kam er als Bankkaufmann nach Frankfurt und widmete sich als Devisenhändler bei der Deutschen Bank der »technischen Analyse«. Diesen Ansatz verwarf er in den 90er-Jahren zugunsten der verhaltensorientierten Analyse, die eine Verquickung von Psychologie und Ökonomie versucht.

Von Brüchen gekennzeichnet ist auch Goldbergs Verhältnis zur jüdischen Gemeinde. Sein Vater überlebte die Schoa in einem Kloster in Israel, wo er zum Katholizismus konvertierte. Später kehrte er nach Deutschland zurück und wurde zu einem der Wiederbegründer der Judaistik in der Bundesrepublik. Joachim Goldberg selbst ist aus der Kirche ausgetreten. Dem Judentum fühlt er sich Nahe und ist gelegentlicher Gast des egalitären Minjans. Dort hat er die Veranstaltungsreihe »Juden & Geld« mit ins Leben gerufen hat. Sie geht der Frage nach, ob die Finanzmarktkrise mit der Befolgung halachischer Gesetze zu verhindern gewesen wäre.

psychodynamik Goldberg kennt die Wirtschaftswelt und versteht etwas von Psychodynamik, das ist sozusagen sein Kapital. Als Geschäftsführer des Frankfurter Marktanalyse-Unternehmens Cognitrend ist er darauf spezialisiert, das Geschehen auf den weltweiten Finanzmärkten nicht nur nach »nackten Zahlen« zu bewerten, sondern auch nach der Motivation der Akteure. Man könnte ihn umgangssprachlich als »Börsenpsychologen« bezeichnen. Und im Moment sieht er vor allem eines: »regelrechte Weltuntergangsszenarien«.

Gemeint sind populäre Schlagzeilen, die angesichts des griechischen Beinahebankrotts, der Abwertung Spaniens durch internationale Rating-Agenturen und den von den Mitgliedsländern angehäuften Schuldenbergen bereits das Ende der Gemeinschaftswährung prognostizieren. Sogar seriöse Medien stellen die Frage: »Ist der Euro noch zu retten?«

Goldberg sagt: »Ich sehe momentan vor allem, dass der Euro medial stark unter Beschuss steht.« Dass die Einheitswährung scheitern, gar die D-Mark wieder eingeführt werden könnte, glaubt er nicht. Die Angst aber ist da. Und das hat Folgen, insbesondere am Finanzplatz Frankfurt. Auch die jüdische Geschäftswelt bleibt davon nicht verschont.

Flucht »Bei solchen Krisen beobachtet man immer so etwas wie eine Flucht in die Sachwerte«, analysiert Goldberg. Dazu zählen in der Regel Rohstoffe und Edelmetalle, insbesondere Gold, aber auch Immobilien. Bei Letzteren jedoch halten sich nach der großen US-Immobilienkrise von 2007/ 2008 die Anleger weiterhin zurück. »Da hat man einfach schlechte Erfahrungen gemacht.«

B. kann davon ein Lied singen, allerdings nur anonym. Seine Branche lebt vom »Zweckoptimismus«, behauptet der Geschäftsführer einer Frankfurter Immobilienfirma, die sich auf Gewerbeflächen spezialisiert hat. Dieser Konvention muss B. sich beugen, selbst wenn er alles andere als optimistisch ist. »Wir spüren definitiv, dass der Markt eingebrochen ist«, sagt B., der auch Gemeindemitglied ist. In Frankfurt betrug im Bereich der Gewerbeimmobilien das Umsatzminus 2009 im Vergleich zum Vorjahr 93 Prozent. Die Zahl der vermieteten Gewerbeflächen ging um fast ein Drittel zurück. B. schätzt den Einbruch in seinem Marktsegment für das gesamte Rhein-Main-Gebiet auf etwa 40 Prozent.

Leerstand Das Problem ist nicht neu. Frankfurt kämpft seit Jahren mit einer hohen Leerstandsquote. 2008 schwappte die Subprime-Krise aus den USA nach Europa. Es folgten Wirtschaftsabschwung und die Kreditzurückhaltung der Banken. Vor allem Letzteres macht B. und seiner Branche zu schaffen. »Weil immer höhere Anforderungen an das Eigenkapital von Kaufinteressenten gestellt werden. Viele können das gar nicht aufbringen.« Ein Trend, von dem B. befürchtet, dass er sich im Rahmen der Euro-Krise noch verstärken könnte.

B. ist seit zwei Jahrzehnten in der Immobilienbranche tätig, die aktuelle Krise sei die stärkste, die er jemals mitmachen musste. »Bei allen anderen hatte ich das Gefühl, sie sind zyklisch. Bei der jetzigen kann ich nicht sagen, wie es weitergeht.« Nach außen hin wird von seinen Kollegen schon wieder Zuversicht verbreitet, wird eine spürbare Erholung spätestens 2012/ 2013 in Aussicht gestellt. B. jedoch bleibt skeptisch. »Solche Erklärungen sollte man lieber genauer lesen.« Ganz so negativ beurteilt Joachim Goldberg die Situation auf dem Immobilienmarkt nicht. »Für Toplagen findet man nach wie vor Käufer.«

Misstrauischer ist der Börsenpsychologe, wenn es um den Goldboom auf dem internationalen Handelsparkett geht. Am 8. Juni 2010 erreichte das Edelmetall mit 1.050,60 Euro pro Feinunze den Rekordstand seit Einführung der Gemeinschaftswährung. Vor einem Jahr lag der Preis deutlich unter 700 Euro. Goldberg beeindruckt das nicht. »Im Prinzip muss man, um mit Gold Geld zu verdienen, auf dem Höhepunkt der Krise verkaufen.«

Edelmetall Der derzeitige Run aufs Edelmetall ist für den Finanzanalysten nichts Neues. Anfang 1980 erreichte die Goldspekulation vor dem Hintergrund der islamischen Revolution im Iran und dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan bis dahin unbekannte Ausmaße. Der Preis hatte mit 850 Dollar je Feinunze (inflationsbereinigt rund 1.800 Euro) seinen historischen Höchststand. Später fiel er – 20 Jahre lang. »Dabei kamen danach noch einige Krisen, eigentlich hätte der Wert weiter steigen müssen«, sagt Goldberg. Das schimmernde Edelmetall als krisensichere Anlage – für den Finanzexperten ist das nicht mehr als ein Mythos.

»Man sollte die Krise nicht nur in Europa sehen«, betont Goldberg. Vielen Anlegern hingegen scheint das europäische Parkett allmählich zu rutschig zu werden. Einige richten den Blick in den Nahen Osten. »Weil Israel die Krise gut überstanden hat«, sagt Zipora Roitman, Repräsentantin der Bank Hapoalim. Das zeige sich unter anderem darin, dass der Schekel einiges gegenüber dem Euro gutgemacht habe. »Da besteht natürlich Interesse.«

Israelfonds Dass Israel im großen Maße von der Euro-Krise profitieren würde, könne man allerdings bislang nicht beobachten, berichtet Markus Ross, Vorstand des Frankfurter Vermögensverwalters Ceros. »Im Moment sind grundsätzlich alle Anlagen gefragt, die nicht an den Euro-Raum gekoppelt sind.« Allerdings stelle der jüdische Staat für viele Anleger einen zu kleinen Markt dar. »Die haben Israel gar nicht auf dem Radar. Obwohl die Performance der börsennotierten Unternehmen wirklich gut ist.«

Auf dem »Radar« der Jüdischen Gemeinde Frankfurt ist die Euro-Krise auch schon aufgetaucht, wenn sich die Auswirkungen bislang auch in Grenzen halten. »Generell bemerkt man eine gewisse Verunsicherung. Viele haben Angst vor der Zukunft, aber nicht mehr oder weniger als der Rest der Bevölkerung«, sagt das Vorstandsmitglied und Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann. Eine Einschätzung, die von Immobilienvermittler B. geteilt wird. »Bei dem Thema sind wir keine Randgruppe.«

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