30 Jahre Zuwanderung

»Es ist relativ einfach: Deutschland ist unser Land«

Dmitirj Belkin, Leiter des Zentralratsprojekts »Schalom Aleikum«, kam 1993 als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. Foto: imago/tagesspiegel

Herr Belkin, Sie sind 1993 aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?
Ich bin im Dezember 1993 als jüdischer Kontingentflüchtling aus der Ukraine in Richtung Bundesrepublik ausgereist. Mit 22 reiste ich allein aus, in der Tasche ein Diplom der Universität Dnepropetrowsk als Historiker, wenige Bücher und ein ukrainischer Reisepass mit einem Einreisevisum für die Bundesrepublik Deutschland, welches nach etwa einem halben Jahr in Deutschland in eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung umgewandelt wurde. Ich wohnte in der ukrainischen Millionenmetropole Dnepropetrowsk (heute Dnipro). Die Ausreise mit einem Reisebus erfolgte aus Kiew. Die Zugfahrt nach Kiew in Begleitung meiner Frau, mit der ich damals seit zwei Monaten verheiratet war, meiner Eltern und meiner Freunde, dauerte eine Nacht.

Wie ging es von dort aus weiter?
Die darauffolgende Busreise nach Deutschland mit unzähligen Zollkontrollen, den Zwischenhalten der Migranten, die aussteigen mussten, dauerte viereinhalb Tage. Mein Reiseziel war Karlsruhe, wo sich die zentrale Aufnahmestelle im Land Baden-Württemberg befand. Diese Stelle, ein eingezäuntes Lager, ein Biotop der frühen Globalisierung, befand sich in der Durlachallee. Ich verbrachte in Karlsruhe knapp eine Woche und wurde nach Reutlingen geschickt, in ein Wohnheim.

Wie empfanden Sie Ihre Ankunft?
Als surreal. Mich schützte der Gedanke: Ich bin auf einer selbstorganisierten Bildungs- beziehungsweise Überlebensreise, die ich jederzeit auf eigenen Wunsch beenden kann. In Reutlingen-Rappertshofen wurde damals, Anfang der 1990er-Jahre, ein neues Klinikum für Menschen mit Beeinträchtigungen gebaut. Ein altes Klinikum wurde zum Wohnheim für vietnamesische Flüchtlinge, die sogenannten Boatpeople, und für uns postsowjetischen Juden umfunktioniert. Beide Gruppen, so die Verwaltungslogik, galten als »Kontingentflüchtlinge«. Die Vietnamesen und wir haben uns im Großen und Ganzen gut verstanden, es gab jedoch auch eine räumliche Distanz zwischen den beiden Haushälften.

»Die ersten Jahre habe ich massiv gezögert, ob ich in Deutschland leben kann und will.«

Dmitrij Belkin

Was ist im Rückblick das schönste und was das traurigste Erlebnis, das Sie hatten?
Zwischen diesen Adjektiven »schön« und »traurig« ist in Bezug auf einen Einwanderungsbeginn, gleich wo dieser stattfindet, meines Erachtens nicht zu trennen. Mich hat fasziniert, wie die Rollstuhlfahrer, die Patienten des neuen Klinikums, uns, die komisch angezogenen und im Grunde genommen stummen neuen Bewohner des alten Klinikums, begrüßt haben: in ihrem sehr unklaren Schwäbisch, stets freundlich, offen und interessiert. So ging es nicht auf jedem Amt weiter.

Haben sich all Ihre Vorstellungen erfüllt?
Viele. Meine Frau kam ein Jahr später nach Deutschland. In Tübingen kam unser Sohn zur Welt, und meine Eltern leben seit Mitte der 1990er Jahre in Deutschland. Hier haben wir weiter studiert, und ich habe in Geschichte promoviert. In Deutschland fanden wir auch als Familie zum Judentum. Diesen Prozess habe ich in meinem Buch »Germanija« von 2016 ausführlich beschrieben. Die ersten Jahre habe ich massiv gezögert, ob ich in Deutschland leben kann und will. Meine Frau und die Geburt unseres Sohnes haben uns geholfen, eine richtige Entscheidung zu treffen. Diese bereue ich keinesfalls.

Wie haben Sie die Integration erlebt, einerseits in die deutsche Gesellschaft und andererseits in die jüdische Gemeinde?
Unterschiedlich, aber auf einer sehr einfachen Skala zwischen »gut« und »schlecht« tendiere ich zu gut. Ich habe auch einige Zeit das Integrationskonzept – Einbahnstraße, Migranten »müssen sich integrieren«, ihnen wird alles abverlangt, Ergebnis ist völlig offen – kritisiert. Inzwischen sehe ich das gelassener: Ich halte heute eine sprachliche und kulturelle Anpassung an das jeweilige Land für etwas elementar Wichtiges. Ich bin auch der Meinung, dass das Gemeindemodell des jüdischen Lebens in Deutschland ein richtiges und ein gutes - nie ein optimales, weil es das nicht gibt - ist. Auch für meine Familie.

»Menschen mit Migrationserfahrungen – Juden und Muslime – haben schnell eine Brücke zum besseren gegenseitigen Verständnis geschlagen.«

Dmitrij Belkin über Zentralratsprojekt »Schalom Aleikum«

Sind Sie auf Vorbehalte gestoßen?
Das bin ich sicherlich. »Die Russen«, wie die postsowjetischen Migranten hierzulande nur bedingt liebevoll bezeichnet werden, wurden nicht überall in der Gesellschaft, aber auch nicht in der jüdischen Gemeinschaft, mit offenen Armen empfangen. Ich war und bin aber der Meinung, dass das gesellschaftliche Verhaltenskonstrukt »die Deutschen und wir« ein falsches ist. Es ist relativ einfach: Deutschland mit seiner Geschichte und seiner Mentalität ist unser Land. Die jüdischen Gemeinden dieses Landes sind unsere Gemeinden und die jüdische Community unsere Gemeinschaft. Wir sollten engagiert und mitverantwortlich sein, und zwar für die guten und für die weniger guten Seiten.

Was bedeuten aus Ihrer Sicht 30 Jahre jüdische Zuwanderung für Deutschland?
Ein kleines, nach wie vor paradoxes historisches Wunder: Einwanderung als Juden ausgerechnet nach Deutschland! Mit hoffentlich nachhaltigen und guten Folgen für die jüdische Gemeinschaft und für die deutsche Gesellschaft. Es bedeutet auch eine große gegenseitige Verantwortung und die Notwendigkeit aufzupassen, dass der Antisemitismus nicht wächst und dass er gesamtgesellschaftlich bekämpft wird. Mit dem Zentralratsprojekt »Schalom Aleikum. Jüdisch-muslimischer Dialog«, welches ich für meine Institution leiten darf, habe ich die folgende Erfahrung gemacht: Menschen mit Migrationserfahrungen – Juden und Muslime – haben schnell eine Brücke zum besseren gegenseitigen Verständnis geschlagen. Wir wollen, dass daraus Empathie und Vertrauen werden.

Und was bedeutet es aus Ihrer persönlichen Sicht, die Heimat zu verlassen und anderswo ganz neu anzufangen?
Eine tolle Chance – zugleich ein klares Untergangsszenario, das neben den Erfolgsoptionen zu jeder Zeit besteht. Bleibt man bewusst, positiv und dankbar, wird sich mit ein wenig Glück die erste Option durchsetzen. Das wünsche ich allen Migrantinnen und Migranten hierzulande, ganz gleich ob jüdisch oder nichtjüdisch.

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026

Berlin

Söder warnt SPD und Grüne vor Koalition mit Linkspartei

Nach der Wahl in Berlin mit dem Sieg der Linkspartei ist noch immer unklar, wer künftig regieren wird. Der CSU-Chef hat eine klare Erwartung für den Umgang mit dem Wahlsieger

 25.09.2026

Kassel/Heidenau

Stadt stoppt Stolpersteine – Künstler: War zu erwarten

Der Stadtrat von Heidenau bei Dresden lässt keine neuen Stolpersteine im Straßenraum zu. Der Initiator der Gedenksteine, Gunter Demnig, warnt vor Unsichtbarkeit der NS-Opfer und will weitermachen

 25.09.2026

Berlin

Schuster: Seit Hamas-Angriff kaum Kontakte zu muslimischen Verbänden

Er hat muslimische Freunde. Doch offizielle Beziehungen zwischen der jüdischen Gemeinde und muslimischen Verbänden gibt es kaum noch. Der Zentralratspräsident kritisiert dies und hofft auf Besserung

 25.09.2026

USA

Rennpferd muss wegen Hitler-Bezug umbenannt werden

Der Jockey Club erhält eine formale Beschwerde, woraufhin der Name des Tieres verboten wird. Wie hieß das Pferd? Und wie heißt es jetzt?

 25.09.2026

New York

Susan Sarandon bei Demo gegen Israel festgenommen

Zwei Proteste gegen Israel fanden während der Rede von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor der UNO statt. Bei einer davon wurde zum Mord an ihm aufgerufen

 25.09.2026

New York

Netanjahu vor der UNO: »Israel hat keinen anderen Weg als zu gewinnen«

Der israelische Ministerpräsident spricht über Iran, Katar, die Türkei. Er konfrontiert Kritiker seines Landes, inklusive Bürgermeister Zohran Mamdani

 25.09.2026

Berlin

Berliner Linken-Chefin: »sehr überrascht« über Kritik

Seit der Berlin-Wahl am Sonntag wird bundesweit heftig über Antisemitismus bei der Linkspartei diskutiert. Sieht die Landesvorsitzende Kerstin Wolter ein strukturelles Problem in ihrer Partei?

 25.09.2026

Nach der Wahl

Berliner SPD will mit Linken und CDU sondieren

Die Sozialdemokraten wollen mit dem Wahlsieger Linke und der CDU über eine mögliche Regierungsbildung sprechen. Parteichef Krach nennt eine »rote Linie«

 25.09.2026