Rechtsterror

»Der Schmerz wird immer größer« - 25 Jahre nach dem ersten NSU-Mordanschlag

Enver Simsek - Ermordet durch den NSU Foto: picture alliance / dpa

Die Angehörigen der Menschen, die von der rechtsextremen Terrorgruppe »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) getötet wurden, kommen auch 25 Jahre nach dem ersten Mordanschlag nicht zur Ruhe. »Man denkt immer, der Schmerz wird über die Zeit weniger«, sagte Semiya Simsek, Tochter des ersten NSU-Opfers, dem Evangelischen Pressedienst (epd). »Wir lernen zwar, damit umzugehen. Aber der Schmerz, der Verlust wird immer größer.« Wenn sie daran denke, wie viel Zeit ihr mit ihrem Vater genommen wurde und dass ihre Kinder den Großvater nie kennenlernen durften, »macht mich das so wütend«. Auch ihre Mutter leide seit Jahren an Depressionen.

Am 9. September 2000 wurde der selbstständige Blumengroßhändler Enver Simsek in seinem Lieferwagen an einer Nürnberger Ausfallstraße niedergeschossen. Fünf Kugeln gingen in den Kopf. Zwei Tage später, am 11. September, erlag der Ehemann und Vater, der 1985 aus der Türkei nach Deutschland gekommen war, seinen Verletzungen. Er wurde 38 Jahre alt. Simsek, der in Hessen wohnte, hatte an diesem Samstag einen seiner Nürnberger Verkäufer vertreten, weil der im Urlaub war.

»In den elf Jahren bis zur Aufklärung war mein Vater ein potenzieller Verbrecher«

Semiya Simsek über die Ermittlungen in der Mordserie

In den Jahren bis 2007 folgten weitere neun Morde, überwiegend an türkisch- und griechischstämmigen Menschen sowie einer Polizistin. Heute ist klar: Enver Simsek war das erste Todesopfer der rechtsextremen Terrorgruppe NSU um das Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Die Medien damals schrieben allerdings von »Döner-Morden« und die Ermittler suchten das Mordmotiv in den Familien oder im Drogenmilieu. Immer sei der Vorwurf im Raum gestanden, »ihr habt etwas zu verheimlichen«, schilderte Semiya Simsek wiederholt die Stimmung, unter der sie jahrelang litt. »In den elf Jahren bis zur Aufklärung war mein Vater ein potenzieller Verbrecher«, sagte sie in einer Dokumentation.

Medien damals schrieben von »Döner-Morden«

Ans Licht kamen die Taten des NSU erst im Jahr 2011 durch die Selbstenttarnung der Terrorgruppe. Böhnhardt und Mundlos töteten sich im November 2011 in Eisenach nach einem Banküberfall auf der Flucht vor der Polizei selbst. Zschäpe veröffentlichte danach ein Bekennervideo und wurde kurze Zeit später festgenommen. 2013 begann der Prozess gegen sie und vier weitere Helfer des NSU vor dem Münchner Oberlandesgericht. Im Juli 2018 wurde Zschäpe zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Einen Abschluss sieht Birgit Mair, Leiterin des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB), und Expertin für die Verbrechen des NSU, aber nicht. »Viele Helferinnen und Helfer laufen immer noch frei herum«, sagt sie. Außerdem würden rechtsextreme Gewalttaten immer noch zu selten als politisch motiviert eingestuft. »Und dann haben wir ein Erstarken der extrem rechten Szene, auch mit der AfD. Das betrachten die Angehörigen der NSU-Opfer mit großer Sorge.«

Semiya Simsek, im hessischen Friedberg geboren, lebt heute in der Türkei. Trotzdem engagiert sie sich immer noch für das Erinnern an die NSU-Opfer in Deutschland und besonders in Nürnberg. Mit Unterstützung von Birgit Mair und dem Nürnberger Bündnis Nazistopp hat sie eine Gedenkveranstaltung am 9. September organisiert, bei der sie auch selbst sprechen wird. »Ich beobachte den Rechtsruck und war nach den letzten Wahlen sehr erschrocken über den Erfolg der AfD«, sagt sie.

Gedenkveranstaltung am 9. September

Simsek und Mair sehen im Prozess rund um den NSU einen starken Fokus auf die Täter. »Ich habe mich als Angehörige nie ernst genommen gefühlt«, sagt Simsek heute. Dass jetzt Beate Zschäpe in ein Aussteigerprogramm aufgenommen wurde, bezeichnet die Hinterbliebene als »reine Taktik« und zeigt sich entsetzt, dass überhaupt eine vorzeitige Haftentlassung diskutiert wird. »Da sollte das Gericht auch den Opferfamilien zuhören.«

Die Tochter von Enver Simsek hat den Mord an ihrem Vater in dem 2013 erschienenen Buch »Schmerzliche Heimat« verarbeitet. Zusammen mit Gamze Kubasik, der Tochter des 2006 in Dortmund ermordeten Mehmet, hat sie gerade mit »Unser Schmerz ist unsere Kraft« ein Buch veröffentlicht, das sich gezielt an Jugendliche richtet. Durch das Buch wollen sie auch Empathie für die Opfer wecken: »Unser Leid darf einfach nicht vergessen werden.«

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