Meinung

Der Fall einer Ministerin

Die Wissenschaftsministerin der Bundesregierung, Annette Schavan, ist zurückgetreten. Bekanntlich musste sie auf ihr Amt verzichten, nachdem die Universität Düsseldorf ihr die Promotion aberkannt hat. Es kann davon ausgegangen werden, dass die zuständigen Gremien diesen Schritt erst nach reiflicher Prüfung unternommen haben. Es ist ein massiver Eingriff in eine Biografie und in die berufliche Identität, wenn eine Universität einen Titel aberkennt.

Schavans Rücktritt ist in vielfacher Hinsicht zu bedauern: Aus jüdischer Sicht muss man konstatieren, dass sie Bildungsinitiativen im jüdischen Spektrum stets unterstützt und begleitet hat. Und aus Sicht eines Hochschullehrers ist zu sagen, dass sie notwendige Reformprozesse angeschoben, dass sie im sogenannten Bologna-Prozess die Integration der deutschen Wissenschaftslandschaft in die internationale Scientific Community forciert hat und dass ihre Arbeit den von ihr selbst gesetzten Ansprüchen genügt hat. Aber die Bildungsinstitutionen sind angehalten, wissenschaftliche Exponate, die sie erhalten, gründlich zu prüfen.

wissenschaftlichkeit In der Regel findet das auch statt, und wenn, wie im vorliegenden Fall, Zweifel an der Wissenschaftlichkeit auch erst nach Jahrzehnten bekannt werden, müssen sie eben dann geprüft werden. Genau solche Prüfverfahren sind es, die für Vertrauen in die bundesdeutsche Bildungslandschaft sorgen. Trotz mancher Plagiatsaffären ist die deutsche Bildungslandschaft international hoch angesehen, und die zu Tage geförderten Ergebnisse sind für die gesellschaftliche Weiterentwicklung von großer Relevanz.

Insofern taugt der Fall Schavan nicht dazu, das Vertrauen in die Tradition und in die wissenschaftliche Kompetenz von Dozenten und Professoren infrage zu stellen. Unabhängig vom Prüfungsergebnis der universitären Kommission ist eine Abwertung der umfassenden beruflichen Leistung von Annette Schavan völlig deplatziert.

Der Autor ist Professor für Interkulturelle Pädagogik an der Fachhochschule Erfurt und Wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Recht

Gute Absicht, falsche Umsetzung

Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, kritisiert den hessischen Vorschlag für eine Strafbarmachung der Leugnung des Existenzrechts Israels. Er hat aber einen Alternativvorschlag

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

Der Verfassungsrechtler Steffen Augsberg, Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und Zentralratspräsident Josef Schuster (v.l.)

Initiative

Hessen dringt auf Strafen für Leugnung des Existenzrechts Israels

Die hessische Landesregierung dringt darauf, dass ihr Vorschlag zur Strafbarkeit israelfeindlicher Äußerungen umgesetzt wird. Die Bundesregierung bleibt aber skeptisch. Auch der Zentralrat der Juden ist nicht restlos überzeugt

 05.10.2026

Magdeburg

BSW: Wählen den AfD-Kandidaten zum Landtagspräsidenten

Am Dienstag kommt der neu gewählte Landtag von Sachsen-Anhalt erstmals zusammen. Die AfD hat die Zusage des BSW für die nötigen Stimmen

 05.10.2026

Berlin

Parteien in der Hauptstadt bereiten sich auf drittes Vorgespräch vor

Nach der Abgeordnetenhauswahl setzen Linke, Grüne und SPD auf ein drittes Vorgespräch. Details bleiben geheim – und keiner weiß, wo das Ganze hinführt

 05.10.2026

Berlin

Israelis selbst schuld an Empathielosigkeit? SPD-Politiker in der Kritik

Der Sozialdemokrat Lars Castellucci machte am Samstag mit einem X-Post zum versuchten Anschlag auf ein Flugzeug mit israelischen Passagieren von sich reden. Viele sehen darin eine Täter-Opfer-Umkehrung

 05.10.2026

Kommentar

Die Linke sollte nicht den Berliner Bürgermeister stellen

Die Partei sollte sich erst einmal in der Opposition regenerieren und gegen Rassismus einsetzen

von Herbert Rubinstein  05.10.2026

Shelly Meyer

Kommentar

Wer tatsächlich vom »Judenfetisch« profitiert

150 Juden in Berlin haben mit einem Offenen Brief die Linkspartei unterstützt - das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Doch sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein

von Shelly Meyer  04.10.2026

Kommentar

Fair Play – es sei denn, es geht um Israel

Irlands Nationalspieler verweigern Israelis den Handschlag, diskutieren darüber, ob sie überhaupt gegen sie antreten wollen – und die UEFA schweigt. So funktioniert die schleichende Etablierung von Antisemitismus als Akt des vermeintlichen humanitären Widerstandes

von Dorothea Schupelius  02.10.2026