9. November 1938

»Der deutsche Staat hat mich rausgeschmissen«

Holocaust-Überlebender Walter Frankenstein Foto: Gregor Zielke

Herr Frankenstein, wie erinnern Sie sich an den 9. November 1938 in Berlin?
Ich lebte damals als 14-Jähriger im Auerbach’schen Waisenhaus. Ein Polizist warnte den Direktor des Hauses, dass die Nazis ihn und seine Frau verhaften wollen, woraufhin beide verschwanden. Später kamen SA-Leute und wollten das Waisenhaus anzünden.

Konnten Sie es verhindern?

Wir waren vier Lehrlinge, haben uns der SA entgegengestellt und gesagt, dass hier Säuglinge und kleine Kinder leben. Und wenn sie das Haus anzündeten, dann würden auch die Nachbarhäuser wegen der dichten Bebauung mit abbrennen. Daraufhin sind sie abgezogen. Bevor sie gingen, haben sie in unserem Betsaal das Ewige Licht ausgemacht und dann heimlich den Gashahn aufgedreht. Aber wir bemerkten es noch rechtzeitig.

Was geschah dann?

Es kamen einige jüdische Familien, die von zu Hause geflüchtet waren – bei uns im Waisenhaus war es ja noch ruhig. Die Männer der Familien waren teilweise verhaftet worden. Später gingen wir vier Jungs aufs Dach und schauten auf Berlin: Die Synagogen brannten. Am nächsten Tag sahen wir auf dem Weg zu den Schulen und Lehrbetrieben – ich war damals schon in der Bauschule – was los gewesen war. Das Kristall lag auf den Straßen, Fensterscheiben waren eingeschlagen. Es gab in der Gegend ja viele jüdische Geschäfte.

Sie müssen doch Angst gehabt haben ...

Angst? Nein, ich habe nie Angst gehabt. Ich habe eine Ausbildung in Jiu-Jitsu, da hat man mir die Angst abgewöhnt. Natürlich war ich entsetzt – jeder war es. Diese Nacht war der Anfang vom Holocaust.

Sie haben Ihren Vater früh verloren, Ihre Mutter hat Sie alleine großgezogen. Warum kamen Sie ins Waisenhaus?

Im Sommer 1936 sagte der Rektor meiner Schule – er war selbst ein Nazi – in meiner Heimatstadt Flatow zu mir: »Walter, nach den Ferien kannst du nicht mehr hierherkommen. Wir wollen keine jüdischen Kinder mehr an unserer Schule haben.« Deswegen kam ich ins Auerbach’sche Waisenhaus. Mit der Hitlerjugend in meiner Heimat wäre ich fertig geworden. Die haben mir mit der Luftpistole in den Rücken geschossen, aber begegnet sind sie mir aus der Nähe nie.

Haben sie sich nicht getraut?
Das war meine Selbstsicherheit, die sie abgeschreckt hat. Die habe ich durch meine Jiu-Jitsu-Ausbildung bekommen.
Wie war es, als Sie nach Berlin gekommen sind?
Ich kam aus einer kleinen Stadt, in der mich – den Judenjungen – jeder kannte. Und dann war ich plötzlich in der Großstadt. Im Waisenhaus waren wir von der Allgemeinheit abgeschnitten. Es war eine Insel im braunen Meer. Die erste Nacht habe ich natürlich nur geweint. Das erste Mal weg von zu Hause und von meiner Mutter. Schon am nächsten Morgen war alles in Butter, denn ich konnte boxen und Fußball spielen.

Haben Sie Ihre Mutter wiedergesehen?

Sie kam Anfang 1939 nach Berlin. Das Haus und das Geschäft wurden zwangsversteigert. Wir sahen uns oft. Bis sie bei der »Fabrikaktion« im Februar 1943 abgeholt wurde.

Sie haben Ihre Frau Leonie im Waisenhaus kennengelernt. Mit ihr sind Sie in den Untergrund gegangen. Wann haben Sie den Entschluss dazu gefasst?
Ein Cousin sollte mit dem ersten Transport im Oktober 1941 deportiert werden. Ein paar Monate später wussten wir Bescheid über diese »Reisen«. Meine Frau und ich haben fast gleichzeitig gesagt: »Nicht mit uns.« Dieses Motto wählten wir dann auch als Titel unseres Buches. Wir tauchten mit unserem wenige Wochen alten Sohn ab. Das »Nicht mit uns« haben wir gelebt. Wir haben uns den Stern abgenommen, sind ins Theater gegangen und haben uns auf Bänke gesetzt, nur um uns selbst zu beweisen: Hitler kann mit uns nicht machen, was er will. Der Satz war unser Leitstern.

Sie haben unter schwierigsten Bedingungen die Nazizeit in Berlin und Leipzig überlebt. Ihr zweiter Sohn kam währenddessen zur Welt. Nach der Schoa sind Sie ins damalige Palästina gegangen. 1956 zog es Sie nach Schweden, wo Sie heute noch leben. Warum?

Ich hatte beim Aufbau Palästinas und Israels mitgeholfen. Ich hatte mich auf den Aufbau von Bewässerungsanlagen spezialisiert – zuletzt am Toten Meer. Dort habe ich schwere Betonrohre verlegt. Aber die Arbeit hat meiner Gesundheit nicht gutgetan. Meine Nieren haben mir gesagt: »Walter, hier musst du weg.« Bei 45 Grad im Schatten habe ich mit hochgezogenen Gummihosen geschuftet, teilweise 20 Liter Wasser an einem Tag getrunken und zusätzlich noch Salztabletten genommen.

Haben Sie noch die israelische Staatsangehörigkeit?

Nein. Wenn man einen schwedischen Pass bekommen wollte, durfte man keine andere Staatsangehörigkeit besitzen. Unsere zwei Söhne haben vom König die Erlaubnis bekommen, die schwedische zu erhalten, obwohl sie auch israelische Pässe besitzen.

Würden Sie heute gerne die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen?
Die hätte ich nie wieder angenommen. Der deutsche Staat hat mich rausgeschmissen.

Sie haben 2014 das Bundesverdienstkreuz angenommen.

Ich habe lange darüber nachgedacht. Aber dann habe ich mir gesagt: Der Staat, der mir heute das Bundesverdienstkreuz verleiht für meine Arbeit, Demokratie zu erhalten, und der Staat, in dem ich mit Jugendlichen über die Vergangenheit spreche, das ist ein anderes Land als das Deutschland, das mir den »Judenstern« angeheftet hat. Ich bewahre das Bundesverdienstkreuz und den Stern in meiner Schatulle auf. Ich finde, sie gehören zusammen. Die Nazis haben mich gezeichnet, Deutschland hat mich ausgezeichnet.

Sie sind als Zeitzeuge in Berlin und sprechen mit Schülern. Was wollen sie von Ihnen wissen?
Wie man in der Illegalität gelebt hat.

An welche Momente im Leben erinnern Sie sich gern?
Daran, wie meine spätere Frau im Auerbach’schen Waisenhaus kennenlernte. Ich war 17 Jahre alt. Wir waren 67 Jahre verheiratet. Sie ist 2009 gestorben, und sie fehlt mir. Ihr Foto nehme ich immer mit. Noch etwas: Ohne die guten Deutschen hätten wir nicht überlebt. Auch das hat dazu beigetragen, dass wir immer wieder für Besuche nach Deutschland zurückgekommen sind.

Mit dem Zeitzeugen sprach Christine Schmitt.

Walter Frankenstein wurde 1924 in Flatow/Westpreußen als Sohn einer jüdischen Familie geboren. 1938 kam er nach Berlin. Der 14-Jährige fand dort im Auerbach’schen Waisenhaus im Stadtteil Pankow Zuflucht. Hier lernte er auch seine spätere Frau Leonie Rosner kennen, die er 1942 heiratete. Gemeinsam mit ihren beiden kleinen Söhnen überlebten sie versteckt im Untergrund. 1946 wanderte die Familie nach Palästina aus. 1956 gingen sie nach Schweden, wo Frankenstein heute noch lebt.

Ukrainereise

Prien bei Gedenken in Babyn Jar: Erinnerung verpflichtet uns

Bundesfamilienministerin Prien ist in die Ukraine gereist. Am heutigen Dienstag sprach sie beim Gedenken an die ermordeten Juden in Babyn Jar. Sie betonte auch, Deutschland stehe weiter an der Seite der Ukraine

von Birgit Wilke  06.10.2026

Fokus

Aktionswochen gegen Antisemitismus gestartet - Zahlen zu Hochschulen

Die bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus nehmen dieses Jahr die Lage an den deutschen Universitäten in den Blick. Die Amadeu-Antonio-Stiftung nennt erhobene Vorfallszahlen - und stellt Forderungen

von Daniel Zander  06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Bitterer Vorgeschmack

Die heutige Wahl des ersten AfD-Landtagspräsidenten zeigt, wie die rechtsextreme Partei im Dezember auch den Ministerpräsidenten stellen könnte

von Mascha Malburg  06.10.2026 Aktualisiert

Dialog

Zwischen Vatikan und Juden geht nach dem 7. Oktober kaum noch was

Seit Jahrhunderten ist das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Juden turbulent. Nach einem Zwischenhoch unter Johannes Paul II. kühlte es wieder ab. Und seit dem Gazakrieg nähert es sich einem neuen Tiefpunkt

von Ludwig Ring-Eifel  06.10.2026

Berlin: das Rote Rathaus mit Fernsehturm im Hintergrund

Glosse

Ein Coach berät die Berliner Linke

Unser Autor ist Psychologe, Coach und Berater. Der Linkspartei und ihrer Regierenden Bürgermeisterin in spe, Elif Eralp, hilft er an dieser Stelle kostenlos

von Louis Lewitan  06.10.2026

Düsseldorf

Nach Angriff auf Juden: Polizei veröffentlicht Fahndungsfoto

Die Tatverdächtigen sollen einen Mann verprügelt haben, weil der ein T-Shirt mit »IDF«-Schriftzug getragen hatte

 06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Tobias Rausch zum ersten AfD-Landtagspräsidenten gewählt

Er ist jetzt der protokollarisch ranghöchste Politiker in Sachsen-Anhalt. Nach ihrem Wahlsieg im September stellt die AfD mit Tobias Rausch den Landtagspräsidenten.

 06.10.2026

Essay

Der 7. Oktober und das Ungeheuer

Damals ist das Ungeheuer namens Judenhass neu ausgebrochen und wütet seitdem mit einem Furor, dem wir fassungslos gegenüberstehen. Sein Appetit ist ungebrochen, und es wird täglich gefüttert

von Esther Schapira  06.10.2026

Berlin

Mittel gegen Antisemitismus in Millionenhöhe bleiben liegen

Vor allem wegen der Nachwirkungen der »Fördergeldaffäre« konnten viele Gelder nicht mehr abgerufen werden. Projekte wurden aber auch strenger geprüft

 06.10.2026